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vonDetlef Guertler 14.08.2007

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Auf die Drastik, die man durch Übertragung der Menschheitsgeißel Krebs auf außermedizinische Bereiche erreicht, wurde hier bereits hingewiesen – genauso wie auf die Heikelkeit (oder wie heißt sonst das Substantiv zu heikel?) dieses Unterfangens. Beide Aspekte finden sich jetzt in einem Beitrag des Monarchen des Wortreichs, der einen Text aus dem Stellenteil der Züricher Tagesanzeigers völlig zurecht zerfetzt, dabei aber zur Krebsmetapher greift: „«Teilaspekt der Erfolgsfaktoren» ist Sprachkrebs.“

Sprachmüll – bestimmt! Gedroschenes Wortstroh – jederzeit! Aber Sprachkrebs? Die besonderen, den Krebs auszeichnenden Eigenschaften sind doch sein (fast) grenzenloses Wachstum und seine ziemlich wahrscheinliche Tödlichkeit. Sprachkrebs wäre also etwas, was in dynamischem Wachstum entweder die Existenz der Sprache bedroht oder die Lebendigkeit von irgend etwas anderem durch sich unendlich ausbreitende Sprache. Beide Eigenschaften fehlen den Teilaspekten der Erfolgsfaktoren.

Der ersten Bedeutung würden wohl jene Freunde der deutschen Sprache zustimmen, die unser Idiom von der galoppierenden Anglizismensucht befreien wollen: Die „Aktion lebendiges Deutsch“ könnte sich also genausogut auch „Kampf dem Sprachkrebs!“ nennen, was auch der Neigung der Deutschen entsprechen würde, Dinge im Zweifelsfall eher negativ als positiv zu formulieren.

Und für die zweite Bedeutungsvariante, eine Zerstörung durch Sprache, habe ich ein wunderschönes Beispiel gefunden: Die Diskussion „Gegen liturgischen Sprachkrebs“ bei den Katholikenvon mykath.de. Wenn ich das als bekennender Antitheist richtig verstanden habe, befürchten einige der dortigen Diskutanten, dass durch immer höhere Wortanteile im Gottesdienst der eigentliche Sinne eben jenes Gottesdienstes verloren gehen könnte. Was dann wirklich ein 1a Beispiel für Sprachkrebs wäre.

Und für die Karriereseiten des Tagesanzeigers sind wortistische Beschimpfungen jederzeit berechtigt – aber der Krebs bleibt besser im Körper.

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https://blogs.taz.de/wortistik/2007/08/14/sprachkrebs/

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kommentare

  • « aber der Krebs bleibt besser im Körper.»… Häh?
    Lieber Wortist, ich traue Ihnen alles zu. Ironie, Satire, Spott und auch etwas Zynismus und Sarkasmus. Aber statt Lungenkrebs o.ä. dann doch lieber einen Sprachkrebs.

    Beim Rudern z.B. ist ein Krebs keine Wucherung sondern ein (ungewollter) Schlag ins Wasser. Als „Fehlschlag“ könnte man den Sprachkrebs doch akzeptieren.

  • Das Wort Sprachkrebs hat in der Wortschatzkiste einen Mitbewohner, der noch zu weiteren Überlegungen anregt: „Der Seelenkrebs einer Negativmalaria, der depressiven Kritiksucht, scheint wie eine geistige Epidemie über der Kirche und über Deutschland zu liegen.“
    Mit diesen Worten wird der Kölner Kardinal Meisner zitiert in: „Worte des Vorbetenden Meisner“, hg. von der Arbeitsgruppe „Opa Dei“, Köln 2005

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