vonDetlef Guertler 18.08.2007

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Dieses im allgemeinen eher selten verwendete Wort hat die Ehre, eines der sieben Sachgebiete zu sein, die im Wortschatz-Portal der Universität Leipzig dem Wort „Leben“ zugeordnet werden. Die anderen sechs Sachgebiete lauten: südeuropäischen, Helmuth-James, Stoff, Stoff, Hemingway-Enkelin, Henslers und Rudi. Das sind zwar eigentlich sieben, aber den Stoff müssen wir einmal abziehen, der ist doppelt.
Doch, das hat System: Sucht man nach „Vita“, also dem lateinischen Leben, bekommt man ebenfalls das Heliumschalenbrennen als treffendes Sachgebiet, neben Clement und Vietnamkrieges, und auch beim Alter brennen die Heliumschalen. Welches System das hat, hat allerdings auch der Entdecker dieser merkwürdigen Zuordnungen des Wortschatz-Portals nicht herausgefunden: Tobias vom Theleprompt-Blog. Der hat dafür noch ein paar andere nette Beispiele:
Diktum Hells-Angels-Gebäude
Motto Hengge-Arons
Waldschrat Hellas-Reisen
Napalm überzeichnet
Schutzbrille Hepatitis-ähnliche

Die Häufung von mit He- beginnenden „Sachgebieten“ lässt vermuten, dass diese nicht nach reinem Dada- bzw. Zufallsprinzip zu den jeweiligen Wörtern zugeordnet werden, sondern nach einem wesentlich komplexeren System, allerdings erschließt sich dieses eben nicht auf Anhieb – sachdienliche Hinweise jederzeit erwünscht.

Garantiert handelt es sich hier um die Eisbergspitze eines riesigen Skandals, weil das Wortschatz-Portal ganz bestimmt mit unseren kostbaren Steuergeldern finanziert wird, und vielleicht gibt es von hier ja auch Verzweigungen zu den dubiosen Machenschaften um die Leipziger Olympiabewerbung oder gar zur Abwicklung des Robotron-Kombinats durch die Treuhandanstalt. Aber da soll sich drum kümmern, wer mag: Ich bin glücklich wie ein satter Säugling, dass eine echte deutsche Uni bei einem Riesen-Projekt zur echten deutschen Sprache einen solch granatenmäßigen Blödsinn verzapft – das hätte Harald Schmidt nicht besser hinbekommen!

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https://blogs.taz.de/wortistik/2007/08/18/heliumschalenbrennen/

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kommentare

  • […] erwähnte Theleprompt-Blog erstmals an dessen Unterzeile hängen geblieben: Zufälliges aus der elektrosozialen Welt. Elektrosozial? Noch nie gehört. Aber da es ja dutzendweise auf -sozial endende Adjektivegibt, von den mit sozial- beginnenden ganz zu schweigen, wird sich auch vor Tobias Thelen schon mal jemand mit dem Elektrosozialen beschäftigt haben. […]

  • Ich vermute – heute mal ganz wohlmeinend – einen relativ simplen technischen Fehler hinter dem Skandal. Früher jedenfalls waren durchaus sinnige Einträge unter den Sachgebieten zu finden – wie ich zur Ehrenrettung meiner computerlinguistischen Berufsgenossen anfügen möchte.

    Also mein Beitrag zur Entschwörung: Die Sachgebiete werden sicher nicht als Klartext mit den jeweiligen Einträgen in der Datenbank abgelegt, sondern in Form so genannter Fremdschlüssel kodiert (das gebietet in der Datenbanktheorie die gerngesehene Normalisierung). Diese verknüpfen dann Einträge der Tabelle »Wortformen« mit Einträgen der Tabelle »Sachgebiete«. Wenn man nun beim Verfolgen der Verknüpfung in die falsche Tabelle greift, kommt Unfung dabei heraus, obwohl die Daten an sich korrekt sind. Da »Sachgebiete« sicher weniger Einträge als »Wortformen« enthält, würde auch plausibel, warum die angezeigten Pseudosachgebiete teilweise ähnlich sind (He-Vermutung): Nur ein kleiner Bereich der Wortformen-Tabelle wird verwendet und numerische Schlüssel werden überlicherweise aufsteigend nach Einfügereihenfolge vergeben, so dass Teile alphabetisch sortiert sind. (Nur Teile, weil oft Blöcke neuer Formen hinten angefügt werden.)

    Also, Beispiel: Der Eintrag für »Diktum« zeigt z.B. auf Sachgebiet 354, was in der korrekten Tabelle auf (sagen wir mal) »Philosophie« verweist. In der Tabelle »Wortformen« liegt aber unter diesem Schlüssel das berühmte »Hells-Angels-Gebäude« und wird bei entsprechendem Griff ins Klo auch ausgegeben.

    Nichttechnisch ausgedrückt: Wenn ich die kürzlich ergatterte Nummer statt ins Telefon in das Neckermann-Bestellformular eintippe, darf ich mich nicht wundern, dass statt der schönen Helena dann eine Heckenschere vor der Tür steht.

  • Es sieht so aus, als müsste das Wortschatz-Portal seine Algorithmen zur Bestimmung zur Bestimmung des Sachgebiets nochmal überarbeiten. Aber der Rest sieht doch schon sehr brauchbar aus. „Auto“ gehört z.B. zum Sachgebiet „Vietnamkrieges“, schon allein daß hier nicht die Grundform verwendet wird lässt auf etwas Unausgegorenes schließen. Aber das kann ja noch werden…

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