vonDetlef Guertler 25.12.2007

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Eine äußerst gewagte These, die uns Uta Keseling pünktlich zu Heiligabend in Welt, Welt Kompakt, Berliner Morgenpost und Welt Online präsentiert hat: „Weihnachtsbaumhasser gibt es nicht. Das stimmt, denn das hat eine repräsentative Umfrage mithilfe der Internetsuchmaschine Google ergeben: Zu „Weihnachtsbaumhasser“ gibt es nur drei Einträge. Fazit: Die Deutschen lieben Tannenbäume.“

Das ist erstens gewagt, weil sich just durch solche Behauptungen die bislang anonymen Weihnachtsbaumhasser als solche zu erkennen geben könnten. Was auch schon passiert ist. Schon vor Erscheinen dieses Beitrags hatte sich die Zahl der Weihnachtsbaumhasser-Googletreffer mehr als verdoppelt: von 3 auf 7.

Das ist zweitens gewagt, weil der Weihnachtsbaum hier direkt mit dem Tannenbaum gleichgesetzt wird. Wie in diesem Blog bereits mehrfach berichtet, hegt der Wortist eine gesunde Abneigung gegen unhistorisches Nadelgehölz zu Weihnachten. Aber diese Abneigung erstreckt sich nicht auf das Baumige an sich, sondern nur auf das Tannenbaumige. Seine Krippe steht dieses Jahr übrigens unter einem ebenso kahlen wie weitverzweigten wie festlich geschmückten Ast eines Laubgehölzes von einer benachbarten Verkehrsinsel.

Und das ist drittens gewagt, weil aus dem Nichtvorhandensein eines Wortes auf das Nichtvorhandensein der zugehörigen Realität geschlossen wird. Wir dürfen nämlich wohl mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass ein erklecklicher Teil jener Menschen, die sich hinter den 22.300 Google-Treffern für „Weihnachtshasser“ verbergen, auch dem Weihnachtsbaum die entsprechende Abneigung entgegenbringt. Im Bericht der Welt-Online-Kolumnistin Johanna Merhof über „das schlimmste Weihnachten aller Zeiten“ kommt zwar der Weihnachtsbaum nur ganz am Rande vor, aber wer Weihnachten so hasst, wird den Weihnachtsbaum kaum mögen können.

Und, jede Wette: Wenn Sie, werte Frau Keseling so etwa in der zweiten Januarwoche eine Umfrage unter den Mitarbeitern irgendeiner beliebigen Stadtreinigung durchführen, werden Sie dort auf eine erkleckliche Zahl von Weihnachtsbaumhassern stoßen.

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