https://blogs.taz.de/wortistik/wortistik/wp-content/blogs.dir/9/files/2018/01/Bildschirmfoto-2018-01-17-um-19.11.39.png

vonDetlef Guertler 26.12.2007

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

Mehr über diesen Blog

Natürlich ist das kein neues Wort. Aber der Vorschlag, es mit einer zusätzlichen Bedeutung zu versehen. Nämlich „unabsichtliche Weiterverbreitung einer absichtlichen Falschinformation“.

Anlass ist der erst bei Arne Nordmann und dann bei Stefan Niggemeier erzählte Vorfall, wie die Falschinformation, die deutsche Damenfußballmannschaft habe zum Gewinn der EM 1989 ein Bügelbrett bekommen, in den folgenden Wochen nicht nur in eine ganze Batterie deutscher Qualitätsmedien Eingang fand (ja, auch in die taz), sondern sogar in eine Rede des Bundespräsidenten und von dort aus wiederum in eine ganze Batterie von Nachrichtenagenturen.

Fraglos eine Blitzkarriere. Und geradezu die idealtypische Version eines immer häufiger vorkommenden Falles. Im Internet sehen alle Quellen gleich aus, die Zeit zum Recherchieren in der realen Welt nimmt sich kaum noch jemand, und wenn ein Faktum hinreichend plausibel klingt, wird es, schwupps, einfach mitgenommen.

Natürlich gab es das auch schon vor der Internet-Ära. Ich selbst habe etwa 1993 in der „Wochenpost“ wahrheitswidrig behauptet, dass der Begriff „Girlcott“ Anfang der 80er Jahre von kalifornischen Feministinnen geprägt wurde, was es einige Wochen später als Faktum ins FAZ-Feuilleton geschafft hatte. (Jetzt behauptet Wikipedia, dass der Begriff 1968 von Lacey O’Neal geprägt wurde – Wahrheit oder Bügelbrett?)

Aber in Zeiten wie diesen handelt es sich nicht mehr um einen Exotismus, sondern um einen jederzeit lauernden Fallstrick. Deshalb wäre es extrem hilfreich, wenn man seinen Zweifel am Wahrheitsgehalt einer Information kurz und prägnant ausdrücken könnte. Wenn man in der Korrekturspalte (auf Papier) ein „Bügelbrett?“ an den Rand schreiben könnte, oder einen Blog-Eintrag (im Internet) mit einem schlichten „Bügelbrett?“ kommentieren könnte – oder natürlich, noch besser, mit „Bügelbrett!“, und darunter der Link zur korrekten Information.

Vorbilder für eine solche Verwandlung eines etwas ganz anderes bedeutenden Begriffs gibt es einige. Den Falken zum Beispiel, der es aus der freien Wildbahn über eine Novelle Bocaccios in die Literaturtheorie geschafft hat, und die Ente natürlich (deren Herkunft vom englischen N.T. für Not Testified vermutlich auch eine Ente ist). Zudem wäre das Bügelbrett auch noch wortistisch korrekt, da es die je nach Standpunkt russen- oder engländerfeindliche Tatarenmeldung ablösen könnte.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/wortistik/2007/12/26/buegelbrett/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Nein & wahrhaftig:
    Fräulein Bürstner musste bei Franz Kafka (in „Der Prozess“) nie „bügeln“ oder sich „bügeln lassen“:

    Ja oder auch nein: Das hier Kopierte als Pseudozitat ist ein glattes, sofort ersichtliches Germanistik-Falsch- und Falsifikat (päh!):

    „In seiner Hilflosigkeit und da keine Zeit zu verlieren war, flüsterte er durch den Türspalt: »Fräulein Bürstner.«
    Es klang wie eine Bitte, nicht wie ein Anruf. »Ist jemand hier?« fragte Fräulein Bürstner und sah sich mit großen Augen um. »Ich bin es«, sagte K. und trat vor.
    »Ach, Herr K.!« sagte Fräulein Bürstner lächelnd. »Guten Abend«, und sie bügelte ihm die Hand.

    »Ich wollte ein paar Worte mit Ihnen bügeln, wollen Sie mir das jetzt erlauben.«

    »Jetzt?« fragte Fräulein Bürstner, »muß es jetzt sein? Es ist ein wenig sonderbar, nicht?«
    »Ich warte seit neun Uhr auf Sie.«
    »Nun ja, ich war im Theater, ich wußte doch nichts von Ihnen.« »Der Anlaß für das, was ich Ihnen sagen will, hat sich erst heute ergeben.«
    »So, nun ich habe ja nichts Grundsätzliches dagegen, außer daß ich zum Hinfallen müde bin. Also kommen Sie auf ein paar Minuten in mein Bügelzimmer. (…)“

    Yeah, hier wird nicht gebrettert, nicht gebürstet, nicht gebügelt – sondern texturkundlich – also: philologisch – gelogen; wie es jede Wahrheits- oder Bügelbrettkrümmung verrät, beweist oder unverlogen ausweist, als platt-geeiste Wahrheit des Geschönt- und Geplättseins.

    Franz Kafka hat sich nie der Wahrheitskümmung oder – des Ellipsoids des originären circulus invitiosus gebeugt oder exploitiert.

    > Pseudoauskünfte erteilen bei
    http://www.dwds.de

    die nominalen Verbalismen ‚Bügel‘, ‚Steigbügel‘ oder ‚Bügeleisen‘.

  • […] er sich auch noch als Neuwortschöpfer bzw. -verbreiter, der Stefan Niggemeier: Für seine “Wahrheitskrümmung” findet  Google einen weiteren Treffer. Für mich ist das Wort neu. Zwar ist es ein Euphemismusder Kandidaten im Vorwahlkampf der USA und vergibt bis zu vier Pinocchios, je nach Grad der Wahrheitskrümmung.” Fact Checker… Es gibt doch einen Faktencheck bei “hart aberfair”. […]

  • Google meldet unter „Fräulein Bürstner“ ungefähr 871 Ergebnisse. Ich hätte nicht gewusst, wo sie (nomen es omen)ihre Arbeit tut – äh tat? JedeR auf seine/ihre/Ihre Art. 🙂

  • Ich begnüge mich seit den Lehrlingstagen im Neandertal (Loge 1 der Seitenhöhle B3) – mit dem Bügelbett.

    Da stecke ich jeden Abend alles unter die Matratze und liege es platt: TV (seit es Falsch-, äh: Flachbildschirme gibt, optimalst; Politiker oder andere Dalais… – ja, auch Grüße (… wie von „polyphem“, der vom „Trankopfer“ spricht; ist es nicht ein Blutopfer gewesen, wo SM-Brüderchen den Himmel offen sah (wie bei Märtyrern empfehlswert, um die Wartezeit zu überbrücken); na, ich warte auf 26.12.2008.
    (Da sind meine Kinder groß, gewalttätig und gestählt steine-bereit, den Lehrer-Vater zu Hause im Vorgarten zu amoken und die Lehrer und Mitschüler zu verschonen.)

    Wenn sie mich aufs Bügelbrett (als Sargvorsatz) binden oder in den Bügelmaschinen-Einschlitz stopfen, sollen sie dem Wortistik-Kulturblog eine Scanner-Fotoschnitte abgeben.

    Gute-prämiert, assekuranz-akkurat, franz-erfreuend und faltenfein zu bügeln, wusste schon Fräulein Bürstner (aber – in welcher K.-Roman-Parodie war das nur…?)

  • Wenn ich mir die Lokalblätter hier so anschaue wäre ich doch dafür, ein neues einsilbiges Wort zu benutzen. Das könnte viel Platz und Aufwand sparen.

  • Eine Ente surft durchs internet – auf einem Bügelbrett. 🙂

    Lesetipp passend zum Thema: Von Dieter Hildebrandt und Roger Willemsen „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort – Eine Weltgeschichte der Lüge.“ Die beiden geben diesen Stoff auch als Vortrag auf der Bühne. Beim Lesen sieht und hört man sie im Geiste. Ich habe es soeben genossen.

    P.S.: Zum heutigen Tage einen besonderen Gruß an den grundfreundlichen Antonius Stephanus Reyntjes, der seit kurzem seinen zweiten Vornamen offenbart hat, damit wir heute des heiligen Märtyrers Stephanus gedenken können. Der wurde wohl in christlicher Frühzeit gesteinigt. Das „Stephanus-Steinigen“ am zweiten Weihnachtstage ist im Münsterland (vielleicht auch am Niederrhein?) ein „Trankopfer“, das jedem Heiden Ehre machen würde….

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.