vonDetlef Guertler 14.01.2008

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

Mehr über diesen Blog

Wenn man ein Kind im Internat in Meißen hat, empfiehlt es sich nicht, irgendwelche Sätze zu bilden, in denen eines der Wörter „Ossi“ oder „Wessi“ vorkommt. Wir sind deshalb dazu übergegangen, uns in Punkten, die mit dem familiären Standort zu tun haben, als „Südi“ zu bezeichnen, was angesichts von gut 2000 Kilometern Luftlinienentfernung allen anderen auch einleuchtet.

Erstaunlicherweise ist der Südi in der deutschen Sprache bislang nur ganz vereinzelt gesichtet worden. Wo er auftauchte, bezeichnete er zudem mal nur die Bayern, mal alles unterhalb der Mainlinie, und mal gehörten sogar die Sachsen und die Thüringer mit zur Südi-Fraktion. Das sieht nicht danach aus, als ob sich zur regionalen Differenzierung innerhalb Deutschlands die Begriffe Nordi und Südi durchsetzen könnten oder sollten.

Zumindest perspektivisch sieht das innerhalb der EU anders aus. Der bevorstehende tiefe wirtschaftliche Fall Spaniens und die traditionell auf der europäischen Südschiene schwache ökonomische Basis bei gleichzeitig hoher Schuldenlast und Inflationsneigung werden in den kommenden Jahren aus vereinzelten Sorgenkindern (wie derzeit Portugal und traditionell Griechenland) eine ganze Sorgenfamilie machen. Der einzige bisher für die Südländer übliche Sammelname, nämlich „Club Med“, klingt dann viel zu positiv. Vor allem für die Nettozahler in den Nordländern (also vor allem die Deutschen) wird es dann sinnvoll sein, eine etwas mitleidig-verächtliche Bezeichnung für die Schlusslichter von der Mittelmeerküste zu finden. Da passt doch „die Südis“ ganz hervorragend, oder?

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/wortistik/2008/01/14/suedi/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • […] PIGS Bereits im Januar wurde an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass demnächst eine neue, weniger positiv klingende Bezeichung für die Südstaaten der Eurozone gebraucht werden wird als der bislang verwendete, sehr entspannte Begriff “Club Med”. Der damals vorgeschlagene Begriff “Südi” klingt zwar wesentlich abfälliger als “Club Med”, aber angesichts des ziemlich hässlichen Sturms, der sich über dem Mittelmeer zusammenbraut (rein ökonomisch gesehen natürlich), könnte auch er noch zu positiv klingen. […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.