vonDetlef Guertler 15.01.2008

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

Mehr über diesen Blog

Natürlich handelt es sich hier nicht um ein Unwort, auch wenn Horst Dieter Schlosser, der dümmste Juryvorsitzende der Welt, das so durchgesetzt hat (die Beschimpfung „dümmste Jury der Welt“ verbietet sich, weil Hans Leyendecker mit dabei ist). Und schon gar nicht werden, wie Schlosser dumpfbräsig behauptet, damit „Mütter beleidigt, die ihre Kinder zuhause erziehen wollten“. Es handelt sich bei der Herdprämie vielmehr um einen Kampfbegriff in der politischen Auseinandersetzung darum, unter welchen Umständen der Staat wieviel Betreuungsgeld zahlt. Wenn also mit dem Begriff Herdprämie jemand beleidigt wird, dann die CSU, und die hält das aus.

Ein Betreuungsgeld, das nur unter der Bedingung gezahlt wird, dass die Mutter keiner Erwerbsarbeit nachgeht, hat den Namen Herdprämie voll und ganz verdient – es handelt sich nicht einfach nur um ein prägnantes Wort, sondern auch um einen polemischen Debattenbeitrag, der einen gesellschaftlichen Konflikt mit wenigen Buchstaben zum Ausdruck bringt. Der zweite Platz bei der Wahl zum Wort des Jahres ist also durchaus berechtigt, die Wahl zum Unwort des Jahres ist dagegen banane hoch drei. Aber da Horst Dieter Schlosser sowieso völlig merkbefreit und erfahrungsresistent agiert, erübrigen sich wohl weitere Argumente.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/wortistik/2008/01/15/herdpraemie/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • […] Wer, vom Kulturradio des RBB kommend, weit genug nach rechts kurbelt, landet irgendwann bei Radio Energy. Für den Absturz aus Bildungsbürgerhöhen wird er dort durch gelegentliche nette Gags entschädigt. (Oder hat Eva Herman wirklich ein Buch mit Titel „Mein Herd“ vorgelegt?) Thema einer Blödel-Talkshow am vorgestrigen späteren Abend war offenbar die Kür von “Herdprämie” zum Unwort des Jahres. Auf die Wahl von „Herdprämie“ hat früh und einsichtsvoll der DLF vorgestern in „Kultur heute“ reagiert – indem er die ganze „Unwort“-Aktion mit diesem Fehlgriff für beerdigt erklärt. Ähnlich streng urteilt Detlev Guertler auf seinem taz-Blog und ebenso die Zeit online, die aber in einem länglich-pointenlosen Artikel dann selber sprachlichen Unverstand offenbart. Parvin Sadigh wirft dort der „Unwort“-Jury vor, was ihr am wenigsten vorzuwerfen ist: den Gebrauch des Wortes „Unwort“. Eine ziemlich verstaubte sprachkritische Meckerei. Weder “Herdprämie” noch “Unwort” sind Unwörter. […]

  • Danke für den Beitrag!

    Ich spendiere die „Wort-Abfalleimer-Runter-Trag-Prämie“ für den Wort-Schlosser!
    (Aber, bitte, mit dem Abfall nicht in die Papier-Tonne; sonst wird das Zeugs noch recycelt.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.