vonDetlef Guertler 01.03.2008

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Wenn man an etwas interessiert ist, zeigt man Interesse. Wenn nicht, eben Desinteresse. Wenn man etwas kontrolliert, hat man die Kontrolle. Und wenn nicht? Der Spanier kann in diesem Fall das Wort descontrol verwenden: „El descontrol de Renfe en la venta de billetes continúa“, steht heute in El Mundo, die Deskontrolle der Bahngesellschaft Renfe beim Fahrkartenverkauf setzt sich fort.

Nun wollen wir nicht ausschließen, dass es in Spanien häufiger als in Deutschland vorkommt, dass derjenige, der eine Situation kontrollieren sollte, das nicht macht. Andererseits allerdings würde so etwas eigentlich in Deutschland eher auffallen, wohingegen dem Spanier eher auffallen würde, wenn ein Kontrolleur tatsächlich etwas kontrollierte. Also steht es 1:1, und damit sollten wir für descontrol ebenfalls ein Wort haben. Deskontrolle also.

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https://blogs.taz.de/wortistik/2008/03/01/deskontrolle/

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kommentare

  • Qualität lässt sich nicht kontrollieren, sondern nur produzieren. Oder um es noch spezieller zu formulieren: Deutsche Qualität lässt sich nicht preußisch kontrollieren, sondern nur produzieren. Nicht umsonst ist man in Deutschland umso erfolgreicher, je weiter man von Berlin entfernt ist.

    Und wenn doch eine Rückmeldung benötigt wird, dann in Form einer Prüfung. Kontrolle bringt, nach dem sie verschwindet, Anarchie mit sich und solange sie existiert bedeutet sie immer Sklaverei – was die Preußen aber nicht einmal merken, weshalb das Wort »Disskontrolle« bislang nicht geprägt wurde. http://www.google.de/search?hl=de&q=Disskontrolle&meta=

    Noch nicht einmal von den Berlinern: Dabei sind es doch gerade die Berliner gewesen, welche durch DDR-Kontrollen gedisst wurde. Womöglich ist es wie mit dem Wort »Macht«: solange alles von Macht und Übermacht durchdrungen ist, wurde der Begriff nicht geprägt. Wenn mir noch folgende Worte erlaubt sind: Das Neuwort »Disskontrolle« widme ich hiermit Frau »Dagmar Metzger«

    Vielleicht könnte ich mir diesen Beitrag auch sparen, wenn ich davon ausgehen würde, dass D. Gürtler »Kontrolle« schreibt, aber »Prüfung« meint?

    Gruß aus dem Allgäu, W. Wilhelm

  • diese kleine vorwörtchen „des“ regt mich natürlich wieder zum sammeln an. der von herrn reyntjes geschilderte fall von deskontrolle ist wohl zu der maskierenden art zu zählen, während der anlass zu dieser wortschöpfung eher laizistischen charakter zeigt. kürzlich begegnete mir ein verhalten von ähnlicher art aber zielgerichteter. der dirigent meines (wegen umzugs) neuen chores lässt bei den proben alle fehler unverbessert durchgehen. er ersetzt die kontrolle der tonhöhen durch lobeshymnen auf den klang und das gesangliche können von sängern und sängerinnen. und o wunder am ende entsteht tatsächlich ein wunderbarer klang.
    man könnte diese art der deskontrolle vielleicht die konterkarierende nennen. (name von mensch und (tatsächlich etwas umfanreicherer) methode sind bei mir zu erfragen, er hat ein patent darauf).
    ich überlege noch, ob mir schon mal ein descollecteur begegnet ist.

  • Eine schöner Vorschlag, ein feines Wort; ein wichtiger Sinn des beabsichtigten oder absichtslosen Nicht-Kontrollierens, des Wegsehens, des nachlässigen Inspizierens.

    Schäubles online-Kontrollwut, die sich nach dem BuVerfGer.-Beschluss in „gar nicht vorhanden“ auslösen wollte, ist wohl Teil der besonders effektiven Form der Deskontrolle durch Geheimdienste, die nur im einem Bundestagsausschuss, aber nie vor Gericht Beachtung finden kann.
    – Oder stand davon ein „controllierendes“ Wörtlein im Karlsruher Papier?

    http://www.bundesverfassungsgericht.de/entscheidungen/rs20080227_1bvr037007.html

    Ein publiker Fall von „Deskontrolle“.

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