https://blogs.taz.de/wortistik/wortistik/wp-content/blogs.dir/9/files/2018/01/Bildschirmfoto-2018-01-17-um-19.11.19.png

vonDetlef Guertler 10.08.2008

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

Mehr über diesen Blog

„Ganz schön sparsam, dieser Xy“, sage ich zu meiner Frau. „Sparsam?“, antwortet sie, „das ist hart an der Geizgrenze!“ Nun soll hier nicht über Xy geredet werden, aber eben über die Geizgrenze. Von der hatte ich nämlich vorher noch nie etwas gehört, und auch Google warf nur sechs Treffer dafür aus, obwohl „hart an der Geizgrenze“ doch eine hübsche, sofort verständliche Bezeichnung für jemanden ist, der es mit der Sparsamkeit etwas übertreibt.

Außerdem erfüllt die Geizgrenze auch noch eine wichtige Bedingung, die im Deutschen für die Aufnahme von -grenzen in den Wortschatz zu bestehen scheint: Sie müssen nämlich die Grenze zu etwas Negativem markieren. Jedenfalls werden Wörter, die den Übergang vom Normal- zum Negativzustand markieren, wesentlich häufiger verwendet als vergleichbare Wörter am Übergang von Normal nach Positiv:

Altersgrenze: 816.000 Treffer
aber: Jugendgrenze: 22 Treffer, Kindergrenze: 27 Treffer, Kindheitsgrenze: 0 Treffer

Armutsgrenze: 326.000 Treffer
aber: Reichtumsgrenze: 509 Treffer

Schmerzgrenze: 317.000 Treffer
aber: Wohlfühlgrenze: 386 Treffer

Schamgrenze: 16.900 Treffer
aber: Charmegrenze: 52 Treffer

Lärmgrenze: 2.150 Treffer
aber: Ruhegrenze: 7 Treffer

Peinlichkeitsgrenze: 1.190 Treffer
aber: Stilgrenze: 37 Treffer

Nur bei der Geizgrenze ist es andersherum. Sie hat weniger Treffer als die Spargrenze (44) oder die Konsumgrenze (53). Und dabei hat sie sogar noch eine Alliteration zu bieten! Der Befund ist eindeutig: Die Geizgrenze wird völlig zu Unrecht von den Deutschen missachtet. Bitte ändern!

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/wortistik/2008/08/10/geizgrenze/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Grenzenlos (.. ob aber glücklich…?):

    Die A l t e r s-grenze wird von keinem Vita-Finalisten aus Einsicht respektiert; außer wenn Roger Kusch-Final-AG zu einer kostenfreien Werbe-Selbsttötung einlädt.

    Die A r m u t s-grenze wird in jeder politischen Proklamation ignoriert.

    Die S c h m e r z-grenze wird per Rezept oder durch taktisches Doping kultiviert.

    Die S c h a m-grenzen werden medial inszeniert.

    Die L ä r m-grenzen werden ad libitum alarmiert.

    Die P e i n l i c h k e i t s-grenze wird jbis Santiago de Compostela (also hart am transzendentalen Atlantikwall) sakralisiert.

    Die G e i z-grenze bestimmt als Werbe-off-limit ein medioral-optoanaler Unterhaltungskonzern, der von Harald Juhnke, Harry Schwein bis Harald Schmidt alles einkauft, was singt oder plappert.

    Dank – ohne Einschränkung – dem Wortisten für die Begriffe und die genauen Zahlen, die alle Sinnes- und Geschmacks-Grenzen als gesprengt signalisieren.

  • Vielleicht wäre das Gegenstück zur Geizgrenze ja die Grosszügigkeitsgrenze (0)? „Das ist jetzt aber hart an der Grenze zur Grosszügigkeit…“ Das wäre doch eine Verdankung an an der Charmegrenze, oder?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.