vonDetlef Guertler 01.10.2008

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Schon mal das Wort Triage gehört? Dann sind Sie wahrscheinlich Arzt beim Militär oder beim Katastrophenschutz. Dort bezeichnet Triage (von französisch trier, sortieren) die Trennung der Verletzten bzw. Kranken in diejenigen, denen man mit den vorhandenen Mitteln helfen kann und die anderen, die sich selbst überlassen bleiben. Vielen von dieser zweiten Gruppe könnte man zwar bei normalen Umständen helfen, aber bei Erdbeben, Tsunamis, Bombenangriffen und anderen Großkatastrophen reichen die Mittel eben nicht aus, um allen helfen zu können.

Jetzt hat Nouriel Roubini diesen Begriff auf die aktuelle Finanzkrise übertragen und fordert

a rapid triage between insolvent banks that should be quickly closed and distressed but solvent – conditional on liquidity and capital injections – banks that should be rescued

Was man natürlich nur macht, wenn man weiß, dass man sich gerade in einer Großkatastrophe befindet, und nicht mehr in einer normalen Krise; was also beispielsweise die Bundesregierung bislang noch nicht macht. Besser als Wolfgang Münchau in der FTD könnte ich es auch nicht sagen:

Die Schweden haben damals <in ihrer Finanzkrise Anfang der 90er Jahre, D.G.> auf der Basis volkswirtschaftlicher Modelle völlig transparent bestimmt, welche Banken man retten wollte und welche nicht. Bei denen, die gerettet wurden, gab der Staat keine Beihilfen, sondern neues Kapital. Damit wurden die existierenden Aktionäre an die Wand gedrückt und das Management der Banken ebenso. Wir in Deutschland machen genau das Gegenteil. Anstatt eine Strategie zu entwickeln, gibt es nächtliche Ad-hoc-Entscheidungen. Hypo Real Estate ist nur deswegen gerettet worden, weil sie relativ früh in die Knie gegangen ist. Hier wurden die einfachsten Regeln des Banking missachtet. Die Bundesregierung hätte den Laden verstaatlichen und das Management an die Luft setzen sollen. So wie Berlin momentan vorgeht, trägt der Steuerzahler das gesamte Risiko, zugunsten von Aktionären und Bankangestellten. Das ist nicht nur unfair, sondern auch ineffektiv. Wenn wir unser Geld darauf verschwenden, Institute wie die IKB oder Hypo Real Estate zu retten, dann gehen uns irgendwann die Mittel aus, um Instituten zu helfen, die für unser Finanzsystem wirklich wichtig sind.

Alle möglichen Übersetzungen dieses Begriffes ins Deutsche, ob Sichtung, Einteilung oder Selektion, verbieten sich, weil sie unauslöslich mit der Selektion an der Rampe von Auschwitz verbunden sind. Da es hier aber nicht um Vernichtung, sondern um Rettung, um das Bewältigen von Katastrophen geht, sollten wir für die Beschreibung dessen, was jetzt in der Finanzkrise Not tut, bei der Triage bleiben.

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