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vonDetlef Guertler 02.10.2008

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Komme gerade vom Oktoberfest zurück aus der Altstadt von Marbella. Putzig war’s, mit vielen Fähnchen vom deutschen Konsulat, Frei-Bier, -würstchen, -brezen und -apfelkuchen, Seemannsliedern vom Shanty-Chor Andalucia, einer Flamenco-Vorführung von Solera da Jerez, und deutschen und spanischen Ansprachen zur Einheit Deutschlands und Europas und der wunderbaren Vielvölkerintegration in Marbella.

Erstmals überhaupt wurde der Tag der Deutschen Einheit in Marbella begangen, und er sollte, so der Wunsch der lokalen Tourismusbehörde, so gefeiert werden, wie er in Deutschland auch gefeiert wird – damit die deutschen Touristen und Residenten auch gleich von der Vielvölkerintegration Marbella begeistert sind.

Jetzt hätte man den armen Leutchen von der Tourismusbehörde natürlich erklären können, dass in Deutschland der 3. Oktober überhaupt nicht gefeiert wird, sondern wenn überhaupt dann festlich begangen, und das auch nur an einem einzigen Ort, nämlich da, wo gerade des Föderalismus wegen die Bundesratspräsidentschaft liegt und damit auch die Verantwortung zur Ausrichtung des Festakts – aber muss man das wirklich erklären?

Wäre es nicht wesentlich senkrechter, wenn wir einfach beschließen würden, dass dieser Feiertag auch ein Feier-Tag ist, und ihn ab sofort kräftig feiern? Und weil man die Feste feiert, wie sie fallen, und dieses in den Oktober fällt, nennen wir es eben einfach Oktoberfest. Im Ausland versteht man das sofort: Oktoberfest kennt man, und wenn am 3. Oktober der deutsche Nationalfeiertag ist, ist es ja nur logisch, dass das der Tag des Oktoberfestes ist. Und mit Bier, Bratwurst und Brezen liegt man ja bei jedem deutschen Fest richtig.

Klar, in den ersten Jahren kann es einem etwas komisch vorkommen, dass das mindestens schon ein Halbdutzend Jahrhunderte alte Oktoberfest nun auf einen gerade erst neigschmeckten Nationalfeiertag übertragen werden soll – aber hat nicht auch die katholische Kirche auf solche Weise das heidnische Ostara-Fest mit der Story von der Auferstehung versöhnt? Und wenn erst einmal ein paar Jahrzehnte oder Jahrhunderte vergangen sind, wird keiner mehr auf die Idee kommen, dass der deutsche Nationalfeiertag anders als mit dem Oktoberfest begangen werden könnte.

 

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kommentare

  • Octobris febris

    In willkürlicher Schnitttechnik – operatio quilibet verborum et grammaticorum – habe ich aus des Wortisten Glanzbericht zum Vereinigungstage eine Präposition ele-*] oder eliminiert, die den Akkusativ regiert:

    „wegen die Bundesratspräsidentschaft“.

    Google bietet eine brauchbare Frage, um den grammatischen Unsinn zu beheben.
    Vgl.:
    http://www.google.de/search?client=firefox-a&rls=org.mozilla%3Ade%3Aofficial&channel=s&hl=de&q=wegen+die+Bundesratspr%C3%A4sidentschaft&meta=lr%3Dlang_de|lang_nl&btnG=Google-Suche

    Die rotweingetränkte Montage sollte aber keine kulturellen Folgen wie die „sectio caesarea aut germanica post Hitlerem“ erleben.

    http://www.netdoktor.de/Diagnostik+Behandlungen/Eingriffe/Kaiserschnitt-Sectio-caesarea-370.html

    Kann man über irgendeine intelligente Google-Eingabetechnik dafür sorgen, dass sie nicht stilbildend wird; und ganz bestimmt nicht als Neuwort irgendwo katalogisiert wird?
    Das ist mir nämlich mit die Folgen für meines Oberstudienrätlichens bein-, äh: peinlich!

    Mein Sohn Tobias hält dieses Getexte für eine final-irreguläre Mit- oder Gegenfeierlichkeit des Oktoberfests in der Altstadt von Marbella.
    „Von die Wegen“ – wollte ich ihm noch –

    Aber er hat’s schon antwortlich ausgegrimmt:
    „… und der october läszt euch solche trauben reiffen. (Johann Christian Günther (1695 – 1723)

    Und Ele hat für die väterliche ‚pertinacia’ (Rechthaberei) ein annuales „Oktoberfest“ erobert:

    „Oktoberfest im Mai, im August,
    Oktober zu jeder Zeit.
    Wir sind uns unserer selbst bewußt
    Und jodeln aus herziger Brust:
    ’Immer kampfbereit’!“

    „Ringelnatz“, sagt sie.
    Wegen desdemden schneid’ & feier’ & zitier’ ich semper et alltime!
    http://gutenberg.spiegel.de/index.php?id=5&xid=3591&kapitel=74&cHash=1&hilite=Oktoberfest#gb_found
    ~ *~

    *] s. Vornamen, weibl.

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