vonDetlef Guertler 03.10.2008

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Es ist gerade mal zwei Tage her, dass ich es bei der Diskussion des Begriffs Triage abgelehnt habe, irgendeine wortistische Verbindung zwischen der Nazi-Selektion in wertes und unwertes Leben und der jetzt anstehenden Unterscheidung zwischen werten und unwerten Banken herzustellen. Meine Begründung damals: „Alle möglichen Übersetzungen dieses Begriffes <Triage> ins Deutsche, ob Sichtung, Einteilung oder Selektion, verbieten sich, weil sie unauslöslich mit der Selektion an der Rampe von Auschwitz verbunden sind. Da es hier aber nicht um Vernichtung, sondern um Rettung, um das Bewältigen von Katastrophen geht, sollten wir für die Beschreibung dessen, was jetzt in der Finanzkrise Not tut, bei der Triage bleiben.“

Ich nehme das hiermit zurück. Der heutige Blog-Beitrag von London Banker über „Financial Eugenics“ hat mich davon überzeugt, dass diejenigen, die diese Unterscheidung vornehmen werden, keine Katastrophe bewältigen oder verhindern wollen, sondern ihre Feinde vernichten und ihre Kumpels bereichern wollen. US-Finanzminister Hank Paulson und seine Truppe haben gerade vom US-Kongress 700 Milliarden Dollar Steuergeld in die Hand bekommen, die sie praktisch ohne jegliche parlamentarische Kontrolle nach eigenem Gutdünken unters Bankenvolk streuen können, um faule Vermögenswerte aufzukaufen. London Bankers Kernaussage:

„America is now a centrally planned economy where the Treasury will determine which firms survive and prosper through allocation of scarce capital to an undercapitalised financial sector. What is going on here is a blatant attempt to provide government funds to a select cadre of firms (not all banks) which are chosen to be the survivors feasting off the carcasses of their less fortunate and less well-connected brethren as the downturn intensifies in the years to come. This bill is about engineering survivor bias to friends of the Bush administration so that they profit disproportionately from the collapse of these markets using the funds provided by the taxpayer via the unreviewable and unconditional authority of the Secretary of the Treasury.“

„Survivor Bias“ bedeutet: Wenn den verzweifelt nach sicheren Häfen suchenden Investoren ein paar Adressen gegeben werden, die garantiert die Kreditkrise überleben werden, werden sie diesen Adressen ihr Geld anvertrauen, und die anderen sterben lassen. Und diese Adressen werden die von Hank Paulsons alten Buddys sein, die sich selbstverständlich im Gegenzug verpflichten, tonnenweise all diejenigen Republikaner einzustellen, die sonst nach einem Obama-Wahlsieg auf der Straße stünden.

Ein Trupp hochgradig krimineller Politiker und Bürokraten entscheidet also nach perversen Kriterien und ohne demokratische Kontrolle darüber, welche Bank leben darf und welche sterben muss. Das, was da in den kommenden Wochen und Monaten passieren wird, kann man deshalb wirklich Finanz-Eugenik nennen.

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https://blogs.taz.de/wortistik/2008/10/03/finanz-eugenik/

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kommentare

  • Von mythologischen Aktioneuren

    Nein, der Orkus ist noch nicht als finanztechnisches Despositum begrifflich reguliert; klingt aber neuropoetisch; als theologische oder poetische Lokalität ist „orcus“ (lat.: Unterwelt, Totenreich) kulturell akzeptiert; ökonomisch aber ein „locus ignotus“.

    „Omnes eodem cogimur“. Gemeint ist: Alle müssen wir zu demselben Ort, d.h. zum Orkus, hinabsteigen (nach Horazens »Oden« II, 3, 25).
    Philologisch, zur Erinnerung?
    Orkus = Unterwelt, – nach den Vorstellungen der alten Völker Ort unter (im Innern, in der Mitte) der Erde, wo den Menschen Lohn oder Strafe für seine irdischen Handlungen erwarten; bei den Griechen der Hades, bei den röm. Dichtern der Orkus, mit dem Elysium der Seligen und dem Tartarus der Verdammten. S. auch Hölle. (Brockhaus‘ Kleines Konversation-Lexikon. Leipzig: F.A. Brockhaus 1906. S. 78122 )

    Ein deutsches Wort? Da gibt es wenig: Bankrott, Illiquidität, Insolvenz, Konkurs; na, das sind hässliche Fremdwörter.
    Pleite, Ruin, Zahlungseinstellung, Zahlungsunfähigkeit sind unfeine, unbürgerliche Nota.

    Ist da eine globale, finanztechnische B r a n d s c h a t z u n g angezettelt?

    BRANDSCHATZUNG, f. exactio tributi sub incendii comminatione (nach Grimm). –

    Und wie wurde gebrandschatzt – früher? Aus vordemokratischen Zeiten:
    “Wohlan denn, weiter längs der Schanzen der weißen Städte! Einmal gelang es uns, Brandschatzung aufzuerlegen. Kostbare Brandschatzung: Gold und Frauen.
    Einmal gelang es uns, Brandschatzung aufzuerlegen. Kostbare Brandschatzung: Gold und Frauen. Die erste Bedingung war: daß sämtliche Dirnen der Stadt zu uns herauskämen und fünf Jungfrauen zu unseren Führern.“ (Langer, Frantisek, Hunger, in: Berliner Tageblatt 04.03.1912, S. 5-7)
    *
    Und wie erfolgt heute die etatmäßige Exploition?
    Eine Wortschatzübung? Exploitieren? Als kapitaler Vorgang, als Verb: „übervorteilen“ – oder: arm machen, prellen, neppen, ausnützen, ausschlachten, missbrauchen, ausziehen, ablisten, ausbeuten, ausräubern, ruinieren, mißbrauchen, rupfen, ausplündern, erleichtern, nützen, begaunern, zur Ader lassen, ausnehmen, aussaugen, betrügen, übers Ohr hauen, schröpfen, ausrauben, plündern.
    Das Bürgertum will und muss still halten. Und keiner darf von seiner Angst flüstern: Währungsschnitt.

    Wohlan, heute gilt die demokratisch gepflegtere Spielregel, dass nicht wertvolle, weibliche Anteile geopfert werden – sondern ein pseudo-sozialdemokratischer Finanzminister mit Hilfe eines Bundesbankpräsidenten in Etatberatungen die Säckel plündert – und die Volksvertreter angeblich nicht wissen, was da als kapitaler Flächenbrand zur Befriedigung ihrer und ihrer Mitspekulanten Aktienbetrug vergesellschaftet wird.

    Die Kosten für die letzten Kriege, insbesondere der IRAK-Überfall, werden über den US-finanz-bürgerlichen Immobilienwert abgeschmolzen.
    Tucholsky (1928): „Die Nation ist der Abfalleimer aller Gefühle, die man anderswo nicht unterbringen kann.“ – Heute sind die Demokratien die Rundordner, die Finanzroboter der Kapitalverbrecher.
    Sie, also die Kassen und zukünftigen Steuer-Nachbesserungen, sind vom Wert der tatsächlich Arbeitenden und Handelnden gespeist, nicht der politischen oder medialen Balletttänzer oder verwaltungsmäßigen Profiteure.

    Karl Marx hielt es schon für ungerecht, „den höheren Klassen ihre Erziehungskosten aus dem allgemeinen Steuersäckel zu bestreiten“. Er könnte heute protestieren, dass deren Lustbarkeiten, Wohlbefinden und Geschäftchen solidarisch abgegolten werden.

    Der Staat als Steuersäckel, das von brandschatzenden Aktioneuren verheizt wird.

  • @ Detlef Guertler:

    Angebote in diese Richtung an Herrn Prof. Uhlig gab es wohl einige. Ich selbst habe auch angeboten, dass der Artikel auf meinem Blog veröffentlicht werden kann. Aber als Amateurblogger mache ich mir da nicht so viel Hoffnung. Aber ich wollte mich einfach solidarisch erklären.

    Sie können sich darauf verlassen, dass ich mein Bestes gebe, um gegen die Schönfaberei anzuschreiben. Aber ich mache das nicht hauptberuflich.

    Es ist so was von arm, dass sich ihre Kollegen auf die Pressefreiheit berufen, wenn es darum geht, irgendwelche Wixblättchen und Paparazzibilder zu verbreiten, aber dann, wenn es darauf ankommt … ach lassen wir das.

    Naja, Sie sind – wie gesagt – nicht gemeint. Daher möchte ich jetzt nicht meinen Frust bei der falschen Person abladen.

    Viele Grüße

    Kuchentester

  • @Kuchentester, Handelsblatt-Blog:
    Lanus Asyl-Angebot für den zensierten Handelsblatt-Blogger Harald Uhlig ist eine interessante Antwort auf die Panik der sich selbst gerade verkaufen wollenden Verlagsgruppe. Wenn in der Finanzwelt die „Tribal Wars“ (Roubini-Blogger Rich H.) geführt werden, wird für Medien, die vom Anzeigenverkauf leben, die Luft so dünn wie der redaktionelle Spielraum knapp. Wenn dadurch die vierte Gewalt (Medien) die übrigen drei Gewalten nicht mehr kontrollieren kann, muss sich eben eine fünfte Gewalt entwickeln

  • @Kuchentester:
    Es ist nun mal ein Wörter-Blog, kein Wirtschafts-Blog. Aber natürlich steht es jedem frei, seine hier gewonnenen Erkenntnisse überall anders hin zu tragen, in die Politik, in die Wirtschaft, oder in die Bar.
    Nur nicht in die Blogbar. Da habe ich Hausverbot, weil ich den Barkeeper mal darauf hingewiesen habe, dass er mal meinen Namen falch geschrieben hat…

  • Allerdings ist es etwas versunderlich, dass Sie die Erkenntnis von Londonbanker unter „Kultur und Unterhaltung“ – was soll ich sagen – verstecken, anstatt sie dort zu verorten, wo sie hingehört: Bei Politik und Wirtschaft.

    Denn der damit gleichzeitig von Londonbanker erhobene Vorwurf, dass die USA in der Hand von Bankstern sind, und dass dort mittlerweile eine Kleptokratie herrscht, hat durchaus etwas mehr Aufmerksamkeit verdient.

    An meinem grundsätzlichen Lob für Ihre Berichterstattung ändert dies jedoch nichts.

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