vonDetlef Guertler 05.10.2008

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Vor zwei Stunden und 28 Minuten hat Handelsblatt-Quotenblogger Thomas Knüwer geschrieben:

Übrigens finde ich das Wort „Zensur“ geschmacksvolatil.

Und seitdem grüble ich darüber nach, was er damit meint. Google bietet keine Anhaltspunkte, bisher hat noch niemand jemals das Wort geschmacksvolatil verwendet. Volatil heißt so viel wie schwankend, veränderlich, unbeständig, was derzeit Bankaktien im allgemeinen und die der Commerzbank im besonderen sind, und um eben bei letzterer die Volatilität nicht noch weiter zu erhöhen, bzw. den Kurs und die Liquidität nicht noch weiter zu erniedrigen, hat die Handelsblatt-Chefredaktion an diesem Wochenende einen Blog-Beitrag von Prof. Harald Uhlig gelöscht.

Man kann sicherlich darüber streiten, ob es sich dabei um Zensur, Schere im Kopf, Kotau vor Anzeigenkunden, Staatsräson oder redaktionelle Sorgfaltspflicht handelte. Wenn die Gefahr eines Runs auf die Commerzbank nicht mehr besteht (oder der Run vorbei ist), ist sicherlich Gelegenheit, an diesem Fall ruhig und grundsätzlich zu diskutieren, was Gast-Blogger auf fremder Seite (wie Harald Uhlig bei handelsblatt.de oder wie der Wortist auf taz.de) schreiben dürfen und was nicht. Aber diesen Konflikt als Geschmacksfrage abzutun, wie es Knüwer offenbar tut, geht gar nicht. Und noch gar nichter darf man dabei ein Wort wie geschmacksvolatil verwenden, mit dem man sich mit manierierter Künstelei vor einer klaren Stellungnahme drückt.

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https://blogs.taz.de/wortistik/2008/10/05/geschmacksvolatil/

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kommentare

  • @ Detlef Gürtler:

    Ich kannte Ihren Blog bis vor kurzem nicht. Aber in meinem Reader sind Sie innerhalb der letzten 24 Stunden von einem hinteren Startplatz in die Top-Five durchgestartet. Ein anderer Blog hingegen ist gerade an die Box gefahren.

    Freundliche Grüße

    Kuchentester

  • @Thomas Knüwer:
    Ich habe selbst ein paar hundert Fremdtexte redigiert und bei ein paar Dutzend davon aus rechtlichen Erwägungen Änderungen vorgenommen – in der Regel Abschwächungen. Ich hatte dabei niemals das Gefühl, Zensur ausgeübt zu haben, sondern redaktionelle Tätigkeit: Was juristisch anfechtbar ist oder zu Schadenersatz- bzw. Gegendarstellungsforderungen führen kann, hat im Blatt nichts verloren.
    Und damit auch nicht im Blog, der schließlich presserechtlich auch unter Handelsblatt-Flagge fährt.
    Die vielen Worte, die Sie, Ziesemer und Scheffler in der Angelegenheit Uhlig inzwischen gefunden haben, legt mir aber einen ganz anderen Ablauf der Geschichte nahe: Uhlig schreibt etwas, was keine Sau im Haus liest (wie üblich bei den Fremdblogs, weil die ja auch von niemand sonst gelesen werden), nur diesmal liest es ein Commerzbanker und gerät noch mehr in Panik, als er ohnehin schon ist, und schickt einen seiner Kommunikatoren los, um den Fall zu regeln – oder hat doch ein Coba-Vorstand direkt beim Verleger angerufen? Und die Abwägung, die dann stattfand, war keine journalistische (denn presserechtlich ist Uhlig m.E. völlig in Ordnung), sondern entweder eine ökonomische (Coba großer Anzeigenkunde) oder eine politische (bitte kein Run auf deutsche Banken). Beides hielte ich für höchst fragwürdig – und für ein klares Indiz dafür, dass in den extrem hässlichen Zeiten, die vor uns liegen, anzeigenfinanzierte Medien in extrem hässliche Interessenkonflikte kommen, bei denen sich die meisten extrem hässlich verhalten werden. Ich würde mir natürlich sehr wünschen, dass das Handelsblatt dabei nicht ganz so schlecht abschneidet – aber wie gesagt, die hässlichen Zeiten fangen gerade erst an.
    Also: Man kann die Sache m.E. gar nicht hoch genug hängen. Und nicht nur Ihr Haus sollte möglichst schnell möglichst klare Regeln für den Content von Fremd-Blogs aufstellen.

  • Nun, seit sich Knüwer vermehrt videokasteit, sollte es nicht erstaunen, dass er dazu gleich auch ein Adjektiv kreiert, das ihm gerecht wird …

    Schön pariert mit dem Pleonasmus „manierierte Künstelei“. 😉

  • Ups, das wird aber nen büschen hoch gehängt. Damit meinte ich was ganz Schlichtes: Das Wort Zensur ist für mich ein sehr hartes und großes. Und somit wird eben dieser Fall in einen Topf geworfen mit dem, was in totalitären Staaten passiert. Das aber ist ein verdammt breites Spektrum. Deshalb ist es für mich eine Frage des Geschmacks, ob man dieses Wort wählen möchte.

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