vonDetlef Guertler 31.10.2008

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Wie oft wurde schon Kapitalisten-Legende Warren Buffett mit seinem sechs Jahre alten Satz zitiert, dass es sich bei Derivaten um „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ handelt? Für Buffett Massenvernichtungswaffen findet Google 3600 Treffer, für Buffett „weapons of mass destruction“ sind es mehr als 100.000 Treffer. Die wortistisch logische Konsequenz, derivative Finanzinstrumente deshalb D-Bomben zu nennen, ist hingegen bislang nur ganz, ganz vereinzelt gezogen worden. Von William Cate beispielsweise, der mutmaßlich im November 2007 Hedge-Fonds vorgeworfen hat, mit D-Bomben zu zündeln.

Spätestens nach dem Short-Squeeze in VW-Aktien, der Anfang dieser Woche nach Schätzung des Daily Telegraphs den Hedge-Fonds 30 Milliarden Euro Verlust eingebracht hat, dürfte sich die D-Bomben-Einschätzung auch in der Branche langsam herumsprechen. Und in der Normalsprache könnte es auch bald so weit sein, schließlich ist damit zu rechnen, dass im weiteren Verlauf der SubprimeKreditFinanzWeltfinanz-Weltwirtschaftskrise noch weitere Optionen-, Swap- und Futures-Märkte im- oder explodieren werden.

Der aktuelle Kandidat hierfür heißt abgekürzt PRDC, wohinter sich ein Schrecken erregendes Ungetüm namens Power Reverse Dual Currency Note verbirgt. Die gibt es in Japan laut Times von gestern im Nennwert von etwa 70 Milliarden Euro, und sie sollen kurz davor stehen, wie ein Kartenhaus zusammenzufallen.

Laut Times und Wikipedia handelt es sich um hoch komplexe derivative Instrumente, die einen ganz einfachen Zweck erfüllen sollten: japanischen Anlegern höhere Zinsen einzubringen als entsprechend der Niedrigzinspolitik der japanischen Zentralbank auf Yen-Anlagen gezahlt werden. Der Preis für diese Produkte wird ganz einfach festgelegt:

Pricing of PRDCs is usually solved by 3-factor Heath-Jarrow-Morton, LIBOR Market models where one factor represents the movement of the interest rates in currency1; the second factor the movement of the interest rate in currency2; and the third factor the movement in the FX rate between currency1 and currency2.

Mit den Risiken wird es, ebenfalls laut Wikipedia, ein bisschen komplizierter:

A plain vanilla PRDC is exposed to volatility, interest, fx, correlation, and basis risks. Those exposures are hedged with interest rate swaps in each currency to reduce interest rate risk, interest rate swaptions in each currency to reduce interest rate volatility exposures, Currency Options to reduce fx volatility exposures and Basis swaps to reduce basis risk.

Und in Zeiten wie diesen kann es eben, leider leider, vorkommen, dass ein Options- oder Swaptions-Geschäft, mit dem das Risiko eines anderen Optionsgeschäfts ausgeglichen werden sollte, zum doppelten Risiko führt. Und wenn insgesamt bis zu 15 solcher Geschäfte in Reihe geschaltet sind, ist die D-Bombe eben fertig.

Für Verschwörungstheoretiker: Könnte es sein, dass die Derivate von geheimen Weltregierungen wie Freimaurern, Bilderbergern oder Trotzkisten erfunden wurden, um den Kapitalismus endlich mit seinen eigenen Waffen schlagen zu können? Da das Epizentrum der D-Bomben-Entwicklung sich selbstverständlich an Wall Street befand, könnte man diesen Geheimplan dann „Manhattan Project II“ nennen…

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