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vonDetlef Guertler 12.01.2009

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Lese gerade bei Anatol Stefanowitsch „Seit wann machen wir im Deutschen Sinn?“, stolpere dabei über den „Sinnmachenhasser“ Bastian Sick, und frage mich, ob das passende Substantiv wirklich Sinnmachen heißen sollte, oder nicht doch besser Sinnmachung. Das stand schließlich auch schon im ersten im Spiegel gedruckten Text, der sich über die Kombination von machen und Sinn mokierte. Zitat:

„It makes no sense“ wird seither fröhlich übersetzt, etwas mache keinen Sinn. Obwohl das numinöse Etwas gar nichts tun kann. Es hat vielleicht Eigenschaften, aber keinen Tatendrang. Weshalb die deutsche Sprache auch darauf beharrt, etwas habe einen Sinn. Oder ergebe einen Sinn. Sinnlos, schon redet alle Welt statt von der Sinnfindung und Sinngebung von der Sinnmachung.

Erschienen im Spiegel am 27. 9. 1993, also ziemlich genau ein Jahrzehnt vor Sicks erstem Zwiebelfisch. Allerdings stand der Text damals im „Rückspiegel“, als Zitat aus der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Und dort wurde die Ursache für das Machen des Sinns darin gesehen, dass „die SPIEGEL-Schreiber zu faul sind, aus dem Englischen mehr als nur wörtlich zu übersetzen.“

Ist uns deshalb die Sinnmachung immer noch erspart geblieben? Sensemaking gibt es ja im Englischen wohl nicht. Weshalb auch niemand behaupten könnte, Sinnmachung wäre ein Anglizismus. Also echt ordentliches Deutsch, die Sinnmachung, oder?

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https://blogs.taz.de/wortistik/2009/01/12/sinnmachung/

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kommentare

  • Welchen S i n n m a c h t „Sinnmachung“….? Äh: .. könnte…?

    Die „Grimmschen“ (ja, auch Märchenforscher; hier aber Sprachforscher und Historiker…) fanden und überlieferten folgende „Sinn“-Ableitungen oder -Fügungen:

    SINN, m.
    SINN, f.
    SINNA
    SINNAMT, n.
    SINNARM, adj.
    SINNAU
    SINNAUSDRUCK, m.
    SINNBAR, adj.
    SINNBEGABT, adj.
    SINNBEGRIFF, m.
    SINNBEHERRSCHERIN, f.
    SINNBERAUBT, adj.
    SINNBETRACHTER, m.
    SINNBEZWINGER, m.
    SINNBILD, n.
    SINNBILDEN, v.
    SINNBILDEREI, f.
    SINNBILDERLEIN, n.
    SINNBILDERN, v.
    SINNBILDIG, adj.
    SINNBILDLICH, adj.
    SINNBILDLICHKEIT, f.
    SINNBILDNEREI, f.
    SINNBILDNIS, n.
    SINNCHEN, n.
    SINNDICHTER, m.
    SINNE, f.
    SINNEBAR, adj.
    SINNEBILD, n.
    SINNEBRUNST, f.
    SINNEGEZÜGELT, adj.
    SINNEKRANK, adj.
    SINNELOS, adj.
    SINNEN, v.
    SINNEN, v.
    SINNENALL, n.
    SINNENAST, m.
    SINNENBEITRAG, m.
    SINNENBERAUBT, adj.
    SINNENBESCHÄFTIGUNG, f.
    SINNENBETRUG, m.
    SINNENBILD, n.
    SINNENBILDUNG, f.
    SINNENBLENDWERK, n.
    SINNENBLIND, adj.
    SINNENBLUME, f.
    SINNENBRUT, f.
    SINNENDRINGER, m.
    SINNENDURST, m.
    SINNENEINDRUCK, m.
    SINNENEITELKEIT, f.
    SINNENEMPFINDUNG, f.
    SINNENFESSEL, f.
    SINNENFOLTERUNG, f.
    SINNENFREUDE, f.
    SINNENFRISCH, adj.
    SINNENFROH, adj.
    SINNENGARTEN, m.
    SINNENGEIST, m.
    SINNENGENUSZ, m.
    SINNENGERÜST, n.
    SINNENGESCHMACK, m.
    SINNENGLANZ, m.
    SINNENGLIED, n.
    SINNENGLÜGK, n.
    SINNENGUT, n.
    SINNENHAIN, m.
    SINNENKITZEL, m.
    SINNENKNECHTSCHAFT, f.
    SINNENKRAFT, f.
    SINNENKRANK, adj.
    SINNENKUNST
    SINNENLAND, n.
    SINNENLEBEN, n.
    SINNENLEHRE, f.
    SINNENLEID, n.
    SINNENLENKUNG
    SINNENLICHT, n.
    SINNENLIEBE, f.
    SINNENLOS, adj.
    SINNENLUST, f.
    SINNENMACHT, f.
    SINNENMÄCHTIG, adj.
    SINNENMASZ, n.
    SINNENMEISTERIN, f.
    SINNENMENSCH, m.
    SINNENPFAD, m.
    SINNENPFORTE, f.
    SINNENPROBE, f.
    SINNENPRÜFUNG, f.
    SINNENQUAL
    SINNENRAUBEND, adj.
    SINNENRAUSCH, m.
    SINNENREGUNG, f.
    SINNENREICH, n.
    SINNENREICH, adj.
    SINNENREIN, adj.
    SINNENREIZ, m.
    SINNENSCHÄRFE, f.
    SINNENSCHEIN, m.
    *
    Wer mag sie Anzahl und die Sinngebungen zählen; wer erwählen…- und nicht quälen?

    Statt ‚Sinnmachung’ wäre auch möglich – und das hat es sprachhistorisch gegeben: Sinnung (Sinnigkeit ginge wohl genau so am Sinn vorbei):

    „Dasz ein alt mutter vieler jar
    und vieler kleiner kinder zwar,
    zu lieb denselb, sie wol zu ziehen,
    anfing ihr alter zubemühen
    mit lehrnus, sinnung und ergründung
    der schrifftgründ, künst und lehrerfindung.“
    (Aus: FISCHARTs „Ehzuchtbüchlein“. R 7b (dicht. 3, s. 295 Kurz);

    Mit den sehr großen Wortfamilien (abgesehen von den Wortfeldern, die uns ja in der semantischen Vielfalt und stilistischen Differenzierung zur Verfügung stehen) „Sinn“ (Nomen), „sinnen“ (Verb), „sinnig“, „sinnlich“, sinnvoll“ etc. (Adjektive) kann man fast beliebig neu wörtern (neologisieren), aber ob sinnvoll’ sind, entscheiden nicht die Worterfinder, die heutigen oder späteren Sprachnutzer; das ist einer der sinnvollsten Vorgänge beim Sprachwandel und auch beim Auf- und Untergang von Wörtern.

    Je weniger Unsinn oder Eigenmächtigkeiten (von sprachhistorisch Unkundigen…) mit der Sprache getrieben wird, desto majestätischer und urtümlicher spricht sie auch noch mit unseren Kindern, wenn wir sie kreativ „bespracht“ haben. (Ja, von ‚besprechen‘ gibt es ein anderes PPP; es ist aber missverständlich.)

    „Es oder ewas macht Sinn“ ist umgangssprachlich-mündlich präferiert; es ist nicht sehr differenziert, da ja meist erklärt werden muss, worin der Sinn“ bestehet, in der Deskription der Funktion, der Deutung, der Intention etc.
    Und „machen“ als unspezielles Verb ist ein Behelfswort, das für viele Umschreibungen herhalten muss.
    Die „Machung“ gibt es hochspr. nicht; nur die ‚Aufmachung’ oder die ‚Wiedergutmachung’.

    Machen wir uns nichts vor; Sprache als Vielfalt, als Auswahl, als Lust und Differenzierung ist in erster Linie Abbildung oder Deutung von Realitäten und Varietäten und Lustigkeiten, nicht von Festlegungen, von Sinn-Machungen.

    Welchen Sinn Sprache mache, äh: h a b e…?

    Ein filmbekanner Pädagoge, ein Lehrer (ein Vor-Dichter, ein Nach-Denker, ein Mit-Virtuose…; ja, d e r in: „Club der toten Dichter“) formulierte es so: „um Mädchen zu Frauen zu machen; ja, pardon: er drückte es jugend-sittsamer aus…; ich weiß: hierzu liebliche Beispiele sui generis für diesen Fall der Männer-Sinnungen (Frauen beteiligen sich nicht nur sehr selten an Sprachkritik und ihren modischen Symptomen):

    MÄDCHEN, n. (lat. Puella)

    1) mädchen ist eine unter den verkleinerungsformen zu magd (vgl. mädel, mägdlein, maidel und …
    2) plur. ist öfter mädchens (vgl. jungens th. 42, 2375): die rothen wangen …
    3) verwendung des pronomens nach dem natürlichen geschlechte begegnet hinter mädchen öfter (vgl. …
    4) mädchen meint ein kind weibliches geschlechts, von der geburt an bis zur körperlichen reife; gegensatz ist knabe …
    5) ebenso oft aber auch ein erwachsenes, unverheiratetes glied des weiblichen geschlechts im allgemeinsten ausdruck …
    6) seit der wende des 17. und 18. jahrh. brauchen die dichter das wort mit bezug auf liebesleben …
    7) daher mädchen geliebte: die ich mir zum mädchen wähle, soll von aufgeweckter seele, soll von schlanker …
    8) mädchen, in übelm sinne: mädchen zuführen, productorem esse. Serz 94a; mädchen halten …
    9) mädchen, ancilla, es hat eigentlich denselben sinn wie jungemagd th. 42, 2378 ( …
    10) braunes mädchen, pflanzenname für adonis autumnalis, herbstadonis, gemeines adonisröschen.
    *
    Mutter-, Vater-, Völker-Sprache ist – wenn man sich kundig macht und sie alle pflegt, wie ein Mädchen; da darf man sie zur weltliterarischen oder fach-begrifflichen ‚Frau‘ machen.

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