https://blogs.taz.de/wortistik/wortistik/wp-content/blogs.dir/9/files/2018/01/Bildschirmfoto-2018-01-17-um-19.11.19.png

vonDetlef Guertler 30.01.2009

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

Mehr über diesen Blog

Sie hat eine Vision. Also ist sie Visionärin als Substantiv, und sie ist visionär als Adjektiv, aber wie heißt das Verb, wenn sie Visionäres sagt? Visionieren? Auf deutsch vielleicht möglich, aber auf Schweizerdeutsch nicht – da ist visionieren schon vergeben für „sich etwas ansehen“. Und welche Eigenschaft verkörpert unsere Visionärin, wenn sie Visionäres sagt? Kann man dann sagen: „Das, liebe Frau Merkel, war eine Rede voller Visionarität!“? 

Die Visionärin selbst kokettiert vor dem Publikum des Weltwirtschaftsforums in Davos sogar ein wenig damit. „Angesichts der täglichen aktuellen Schwierigkeiten weiß ich, dass das für viele ein bisschen zu visionär klingt“, sagt sie ganz am Ende ihrer Rede. Das kann aber eigentlich gar nicht sein – schließlich hatte Merkel schon in ihrer Neujahrsansprache gefordert, dass die deutsche Soziale Marktwirtschaft zum Vorbild für die ganze Welt werden solle.  Und Neujahrsansprachen sind niemals visionär.

Außerdem: Wenn das, was Merkel heute sagt, „ein bisschen zu visionär“ sein soll – wie nennt man es dann, wenn jemand schon vor sechs Jahren so ziemlich das gleiche gefordert hat? Hypervisionär? Heide Neukirchen sah das im „Manager-Magazin“ damals anders: „Seine These von der Überlegenheit unseres Systems hält der Autor derart stur durch, dass selbst interessante Reformansätze als unseriös dargestellt werden. Sein wirtschaftspolitisches Drehbuch: Gewerkschaften stärken, Probleme im Konsens lösen, den Mittelstand zur Eroberung der Welt animieren und als Deutsche sendungsbewusst im Ausland auftreten. Die Bundesrepublik habe beste Chancen, in sieben Jahren (warum sieben?) zum „Musterknaben“ zu avancieren. Ende des Drehbuchs. Bei einer Wirtschaftspolitik à la Gürtler würde vor Ablauf dieser Frist mit hoher Wahrscheinlichkeit der Film reißen.“

Tja, Frau Neukirchen: Jetzt reißt der Film tatsächlich. Aber ja wohl eher nicht, weil seither eine „Wirtschaftspolitik à la Gürtler“ betrieben worden wäre, oder?

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/wortistik/2009/01/30/visionaritaet/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Vom ersten Dichter, der Davos lyrisch heimleuchtete:

    Conrad Ferdinand Meyer:
    Firnelicht
    (In den Bergen III)

    Wie pocht‘ das Herz mir in der Brust
    Trotz meiner jungen Wanderlust,
    Wann, heimgewendet, ich erschaut
    Die Schneegebirge, süß umblaut,
    Das große stille Leuchten!

    Ich atmet eilig, wie auf Raub,
    Der Märkte Dunst, der Städte Staub.
    Ich sah den Kampf. Was sagest du,
    Mein reines Firnelicht, dazu,
    Du großes stilles Leuchten?

    Nie prahlt ich mit der Heimat noch,
    Und liebe sie von Herzen doch!
    In meinem Wesen und Gedicht
    Allüberall ist Firnelicht,
    Das große stille Leuchten.

    Was kann ich für die Heimat tun,
    Bevor ich geh im Grabe ruhn?
    Was geb ich, das dem Tod entflieht?
    Vielleicht ein Wort, vielleicht ein Lied,
    Ein kleines stilles Leuchten!
    *
    (In selten fünfzeiligen Stophen, nur mit natürlichen Licht- und Geistes- und Endlichkeitsmomenten; ohne technisches oder zivilisatorisches oder Zauberberg-Brimborium.)

  • Wusste nicht Schmidt, der Raucher, dass, wer Visionen hate, zu welchem Arzt soltle der gehen, solang das Raucherbein ih noch trägt.

    Im letzten Winter ein wenig visioniert (abseits, beim Draußen-vor-der-Hoteltür-sich- Umkucken):

    Auch DAVOS soll leuchten in Weißheit: eine walisische Schneekanone:

    http://www.echoverlag.de/fotos/alpen/schneek.jpg

    (Eine Schneekanone dieser Größe und Leistung verbraucht in einer halben Nacht so viel Energie wie ein Vier-Personen-Haushalt in einem ganzen Jahr.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.