vonDetlef Guertler 18.05.2009

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Die Leitartikel der FTD sind, anders als die Rubrik Das Kapital, von äußerst schwankender Qualität. Und wenn Christian Schütte dort heute schreibt:

Die Bundesrepublik ist auf der einen Seite viel zu klein und zu demografisch überaltert, um noch einmal ernsthaft Großmachtfantasien zu entwickeln. Sie ist auf der anderen Seite aber auch viel zu groß und reich, um sich einfach zu den weltpolitischen Gartenzwergen zu stellen. So sehr sich das auch mancher wünscht.

dann ist zumindest der erste Satz eher Wunsch als Wirklichkeit. Danach wird es dann richtiger, und der manche, der sich ein Gartenzwerg-Deutschland wünscht, hat den Titel „Gerneklein“ tatsächlich verdient.

Im Text von Schütte kommt der Begriff „Gerneklein“ nicht vor, nur in der Überschrift. Und da die Überschriften der FTD in allen Ressorts eine hohe Originalitätsquote haben, vermute ich, dass wir diesen Begriff eher den Überschriftenmachern als dem Leitartikler verdanken. Danke, liebe Überschriftenmacher.

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kommentare

  • Tatsächlich: Das Wort Gerneklein als Ausdruck für jemanden, der zweckgerichtet untertreibt, hat uns gerade noch gefehlt zu unserem sprachlichen Glück. Das englischsprachige Understatement trifft die verbale Absicht (gnadenlose Enttarnung eines perfiden Lügners und Drückebergers) schließlich nur sehr ungefähr. Bloß: Was, bitte, tut ein weltpolitischer Gartenzwerg? Albern in der Gegend herum stehen? Und wenn ja, was ist dann die Aufgabe seines weltpolitischen Gegenstücks – wie auch immer es zu bezeichnen wäre? Das Kriegspielen? Das Plattkonkurrieren? Das Kirchenmausarmliebhaben? Oder gar das Dämlichherumspektakeln? Wenn ich mir die weltpolitischen Gernegroße so ansehe, muss ich gestehen: Auch ich hätte dieses mein Schland gern ein ganz klein wenig kleiner. Nicht geographisch. Nur vom Selbstverständnis her. Und auch nur so viel, dass es grade noch glaubt, es könne sich erfolgreich wehren, wenn es angegriffen wird. Für das Mitsingen im Chor der Gernegroßen darf es sich gerne zu klein fühlen.

  • Von Gerngrößchen und Gernekleins:

    „Ein Männchen, das dem Zwerggeschlechte
    kaum um drei Zoll entwachsen war,
    durchgrübelte manch liebes Jahr,
    wie es sein Maß verlängern möchte.“
    *
    (August Friedrich Ernst Langbein (6. 09.1757 – 02.01.1835: Sämtliche Schriften. Bd. 3. 236)

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