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vonDetlef Guertler 17.03.2010

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Schöner als Helmut Schümann im heutigen Tagesspiegel könnte ich die geniale Wortschöpfung von SPD-Chef Gabriel über die Westerwelle-Gang auch nicht loben:

Das Wort ist neu, zusammengesetzt aus zwei seit langem bekannten Wörtern. Wörter, die von extremst entferntesten Polen herkommen, und die sich doch so wundervoll ineinanderfügen, dass man diesem Wort eine große Karriere wünscht: Lumpenelite! Hier die Lumpen, nicht der Lumpen, weil es nicht um eine Elite geht, die in löchrigen Fetzen von Versace einherschreitet. Sondern die Lumpen, Plural vom Lump, dem Tunichtgut und Taugenichts, eigentlich auch dem Habenichts, aber weil wir uns FDP-nah und in der FDP nahe stehenden Kreisen bewegen, sind nur Habeviels zu finden.

Aus gegebenem Anlass kann es zudem nicht schaden, sich wieder in Erinnerung zu rufen, was die heutige Vorgesetzte von Guido Westerwelle, Angela Merkel im Jahr 2002 in einem der vielen Nachpisaschock-Bücher über die Anforderungen an Elite geschrieben hatte (habe das Buch gerade nicht präsent, deshalb hier die entsprechende Passage aus meinem Buch Wir sind Elite von 2009):
– „Elite verpflichtet: Die Zugehörigkeit dazu bedeutet, Überdurchschnittliches zu leisten und Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen. Gemeint sind Führungspersönlichkeiten, die eben nicht nur an ihre eigene Karriere, an Reichtum und Selbstverwirklichung denken, sondern auch an das Gemeinwohl und die deshalb Vorbildfunktionen wahrnehmen können.“
– „Die Elite ist nichts Statisches, sie ist vielmehr der dynamischste Teil der Gesellschaft, und sie steht selbst permanent unter Druck, muss sich behaupten und durch herausragende Leistungen stets aufs Neue legitimieren.“
– „Eliten in der demokratischen Gesellschaft und in der ihr entsprechenden Wirtschaftsordnung, der Sozialen Marktwirtschaft, sind offene Eliten. Sie zeichnen sich allein durch Leistung aus und nicht etwa durch soziale Herkunft. Jeder kann deshalb bei entsprechenden Fähigkeit und bei entsprechendem Einsatz und Verantwortungsbewusstsein zur Elite gehören.“
– „Elitenbildung heißt in erster Linie Persönlichkeitsbildung.“
– „Wir benötigen in Deutschland insgesamt ein stärker ausgeprägtes Bewusstsein dafür, dass die Begriffe Leistung und Elite etwas Positives repräsentieren, nicht nur beim Fußball, sondern auch in Schulen und Hochschulen.“

Das sollte auch für das Bundeskabinett gelten, oder, Frau Merkel?

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kommentare

  • Warum beantragt dann nicht das „Genie“ von dieser Raubseite das Urheberrecht an diesem Wort? Ich hab die Seite übrigens mir mal angesehen, also so besonders ist die ja nun auch nicht. Was da steht, habe ich mir vor 25 Jahren im Parteilehrjahr anhören müssen, nur konnte ich da nicht einfach gehen. Die überflüssige Seite wegzuklickern, geht dagegen sehr leicht. 🙂

    Manchmal verstehe ich Menschen nicht, die über das System, in dem sie damals gelebt haben und dessen Vorteile sie genossen haben, heute so herziehen. Es ist doch wie bei einem Eid. Schwört man ihn 2x hat man Einen belogen. Aber darüber findet man auf dieser Seite unter dem Button „Lügendetektor“ leider nichts.

  • @Clara Herischek: Ein interessantes Werk, diese Streitschrift. Wissen Sie mehr darüber, z.B. eine Annäherung an das Publikationsdatum? Die Webseite selbst gibt dazu nämlich keine Auskunft, und die Schrift auch nicht.

  • Ergo contra „Leistungs-“ oder Möchtegernelite der Westerwellness-Landschaft:

    „Principibus placuisse viris nin ultima laus est.“
    Horaz: Briefe 1, 17, 35.

    (Christoph Martin Wieland übersetzte traditionell elitebewusst: „Den Ersten im Staat zu gefallen, ist schon ehrenwert.“ )

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