vonDetlef Guertler 11.05.2010

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Das ist der wohl kürzeste Nenner, auf den die Euro-Krise gebracht werden kann. Denn der vom FT-Journalisten Neil Hume geprägte Begriff „Drachmark“ für die europäische Gemeinschaftswährung enthält genau jene zwei ökonomischen Kulturen (hansisch und mediterran), die in dieser einen Währung zusammengepackt wurden.

Und die nun mal so gar nicht zusammenpassen, wie erst kürzlich der Wortist schrieb:

Um doch noch zu einer gemeinsamen ökonomischen Kultur zu kommen, müsste der Süden jetzt auf nördliche Weise reagieren: Abbau der Sozialleistungen sowie sinkende Löhne, um die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Unternehmen zu verbessern. … Gleichzeitig müsste wiederum der Norden auf südliche Weise reagieren. Dafür müssten die Leistungsbilanzüberschüsse deutlich sinken: durch mehr Konsumausgaben, höhere Löhne oder höhere Verschuldung. Allerdings treibt die Aufforderung, mitten in der Krise auf Pump zu konsumieren, einem ordentlichen Deutschen die Zornesröte ins Gesicht. Das Trennende der ökonomischen Kulturen scheint sich also als stärker zu erweisen als das Vereinende der gemeinsamen Währung.

Optimistische Kommentatoren sehen in der Euro-Rettungsaktion vom Wochenende den Beginn einer europäischen Schicksalsgemeinschaft.

Pessimistische Kommentatoren hingegen prognostizieren wie Matthew Lynn in der Business Week den Anfang vom Ende der Eurozone: „It doesn’t matter how many zeros you put on the end of a bad idea. It’s still a bad idea. In reality, you can’t stabilize a sinking ship.“

Ich siedle mich eher dazwischen an: Auf Initiative von Frankreich (Brückenstaat zwischen hansischer und mediterraner Kultur) hat sich die EU Zeit gekauft: einige Monate, vielleicht auch ein, zwei Jahre, um zu versuchen, von der Währungsunion zu einer Wirtschaftsunion zu kommen. Sollte sich dabei herausstellen, dass die trennenden Kräfte der ökonomischen Kulturen stärker sind, dürfte das auf einen Bruch der Eurozone hinauslaufen – wenn es gut geht, mit einer Aufspaltung in eine Nord- und eine Südwährung, ausgewürfelt an einem erneuten dramatischen Brüsseler Wochenende.

Und wenn es schlecht geht, in einem allgemeinen, billionenteuren Chaos nach dem Zusammenbruch Spaniens. Denn, wie erstmals im Februar bei wallstreetoasis behauptet: „Greece is to Bear Stearns as Spain is to Lehman.“

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