vonDetlef Guertler 04.06.2010

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Die älteren und östlicheren unter unseren Lesern werden sich noch erinnern: Montags, 17 Uhr, vor der Kirche im Zentrum, versammelte man sich im glorreichen Herbst 1989 in der wesentlich weniger glorreichen DDR zur Montagsdemonstration.

Damals ging es darum, ein Regime loszuwerden, das nicht abgewählt werden konnte – dabei helfen Demonstrationen.

Jetzt geht es wieder darum, ein Regime loszuwerden, das nicht abgewählt werden kann, wenn auch, weil es gerade erst vor ein paar Monaten mit einer ordentlichen Regierungsmehrheit ins Amt gehoben wurde. Aber wir können es loswerden, indem wir dafür sorgen, dass jemand anders gewählt wird: nämlich Joachim Gauck als Bundespräsident. Er ist nicht nur der bei weitem bessere Kandidat als Christian Weichei Wulff; wenn es gelänge, ihn durch eine Volksbewegung ins Amt zu heben, würde das Deutschlands politische Kultur massiv bereichern; durch einen Sieg der direkten Demokratie über küchenkabinettliches Parteiengeschacher, und natürlich auch durch das rückstandslose Verschwinden von Guido Westerwelle und Angela Merkel – es sei denn, dass die Kanzlerin als alte Gauck-Bekannte und Überlebenskünstlerin noch schnell die Fronten wechselt und sich an die Spitze der Reformbewegung stellt.

Aber warum sollen wir da wild spekulieren: Es geht nicht darum, sich den Kopf der CDU- und FDP-Idioten zu zerbrechen, sondern darum, alle Kräfte zu mobilisieren, um Joachim Gauck zum Bundespräsidenten zu machen. Ich schlage dafür den Montagswahlkampf vor: Jeder mache an jedem Ort an jedem Montag um 17 Uhr Wahlkampf für Joachim Gauck, so gut er eben kann. Ob durch Abhaltung einer Demo oder eines Flashmobs, ob durch eine Schweigeminute oder eine Redeviertelstunde im Büro. Ob durch Tragen eines Go-for-Gauck-T-Shirts oder durch Verstreuen von als verkollerte Stasi-Akten verkleidetem Konfetti – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Vier Montage haben wir noch bis zur Wahl des Bundespräsidenten am 30. Juni. Das ist in etwa so viel Zeit wie zwischen dem 40. Jahrestag der DDR-Gründung und dem Mauerfall. Sorgen wir dafür, dass Deutschland wieder ein Sommermärchen bekommt.

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https://blogs.taz.de/wortistik/2010/06/04/montagswahlkampf/

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kommentare

  • @Chrissie: Klar, wir schauen da regelmässig vorbei – und wenn ich nicht die nächsten zwei Wochen in Marbella verbringen würde, würde ich mir auch persönlich eine Demo-Organisation ans Bein binden.
    Übrigens: Den Ausgangspunkt für all diese Vorbereitungsgruppen bildete die Diskussion, die ich in eben dieser Gruppe startete (am 6. Juni um 15.21 Uhr), sofort nachdem polyphem hier den 17. Juni vorgeschlagen hatte.

  • Schaut mal bei Facebook in der Gruppe J. Gauck als Bundespräsident auf den Diskussionsseiten: Dort entstehen gerade Vorbereitungsgruppen für Demonstrationen in vielen deutschen Städten. Es ist faszinierend zu sehen, was sich dort tut!
    In Reutlingen (sic!) ist man am weitesten – und es sind nicht die üblichen Verdächtigen, die dort organisieren, das Ganze hat das Zeug zu einer Riesenbewegung!

  • @Christoph Giesa: Akzeptiert.
    Mit zwei Einschränkungen:
    1. Blogs sind nicht unbedingt eine Stelle, an der der Stil immer sauber und journalistisch ist, und er muss auch nicht sein (der Stil wohlgemerkt, nicht die Recherche). In meinen Zeitschriften und Büchern schreibe ich anders als in diesem Blog.
    2. Am Freitag abend, als ich diesen Eintrag geschrieben habe, war die Gauck-Kandidatur noch keine Massenbewegung. Und da ich kein Berufsrevolutionär bin, habe ich zu jenem Zeitpunkt nicht wie jemand formuliert, der schon die Massen hinter sich wähnt, sondern so, wie ich mich gerade fühlte – nämlich stinksauer über die Art und Weise der Wulff-Nominierung und froh über die Gauck-Nominierung.

  • Zitat: „Es geht nicht darum, sich den Kopf der CDU- und FDP-Idioten zu zerbrechen…“ – Nennen Sie das sauberen journalistischen Stil??? Ehrlicherweise beschädigen solche Einlassungen die Bewegung eher, als dass sie nützen. Wenn Sie eine Massenbewegung wollen, dürfen Sie nicht selbst spalten!

  • Sommermärchen. Genau. In den nächsten Wochen wird ja wieder Fähnchen schwingen statt finden. Wo bekommen wir jetzt so schnell schwarz-rot-goldene Wimpel mit Gauck-Porträt her? Und dann damit zum public-viewing. Oder zum Gruppen-Kucken. Flash-Mob von der Siegessäule bis zum Brandenburger Tor. Am 17. Juni.
    Und Briefe an die Abgeordneten der Links-Partei. Und an die Abgeordneten von FDP und C-Parteien.

    Was brauchen wir noch? Sticker und Buttons mit
    – „Super-GAUck statt Atom-Wulff“ ?
    – Poster mit Super- Gauck

    Da würde ich mir zum ersten Mal nach vierzig Jahren einen Aufkleber an meinen PKW pappen.

    Merchandiser, Texter und Drucker, zeigt, was ihr könnt.

  • Im Kampf gegen Ferdinand Piech um die Macht bei VW scheint es sich aber um sehr weichen Beton gehandelt zu haben. Oder handelt es sich bei Wulff um eine Art Fabelwesen: Oben Betonkopf, unten Schlappschwanz?

  • Mal sehn, was die online-Petition bringt. Ich bin dabei.

    Ein westfälicher Langweiler aus OS soll Bundespräser werden und der Sohn eines cadbury- Offiziers soll MP von lower saxonia werden.

    Erklärung zum cadbury-Offizier hier:
    http://www.stefan-niggemeier.de/blog/armenien-und-lena-auf-platz-5/?utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed%3A+StefanNiggemeier+%28Stefan+Niggemeier%29#comment-130621

    P.S.: Wulff ist ein Betonkopf, kein Weichei.

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