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vonDetlef Guertler 17.06.2010

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Von „Marktschaft“ schrieb Leser bschl in seinen Kommentaren zum vorvorvorherigen Beitrag, und meinte offenbar ein gesellschaftliches System, in dem der Markt regiert. (Vielleicht hat er auch nur den -wirt- vergessen.) Aber genau deshalb eignet sich das Wort Marktschaft nicht, um ein solches System zu kennzeichnen, weil das Wort immer unvollständig aussehen wird und nicht spezifisch genug ist.

Allerdings hat bschl damit auf ein erstaunliches Sprachloch aufmerksam gemacht: Es gibt bislang im Deutschen kein Wort für ein System, in dem der Markt regiert. Es gibt Kapitalismus und Marktwirtschaft, aber das sind beides Begriffe für Wirtschafts-, nicht für Gesellschaftssysteme – und wie gerade in Skandinavien immer wieder bewiesen wird, gibt es astreine kapitalistische Systeme, in denen aber der Staat regiert. Und es gibt die Plutokratie, die Herrschaft der Reichen, die aber nicht deckungsgleich mit der Herrschaft des Marktes ist, sondern eine Abart der Oligarchie.

Wenn es ein Wort noch nicht gibt, bilden wir es uns eben neu. Natürlich aus dem Griechischen: Herrschaft heißt kratia, und der Marktplatz bei den alten Griechen hieß agora – macht zusammengenommen eben Agorakratie.

Noch findet Google dafür „ungefähr 0 Ergebnisse“. Aber das kann sich ja ändern – sobald sich die Bewegung der Agorakratiekritiker formiert.

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https://blogs.taz.de/wortistik/2010/06/17/agorakratie/

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kommentare

  • *lach*

    neeee, neeee!

    Ich habe nicht „aufmerksam gemacht“, sondern geschlampt und den „-wirt-“ vergessen.

  • Interessante Frage am Rande: Ich wollte jetzt eigentlich nur anmerken, dass durch die Wortschöpfung „Agorakratie“ plötzlich das Wort „Agoraphobie“ in der allgemeinen Wahrnehmung eine neue Deutung erhalten würde (nicht mehr die panische Angst vor öffentliche Plätzen sondern eben eine Angst sich dem Markt zu stellen, wahrscheinlich würde es in politischen Debatten als erstes von eher Marktbefürwortern gegen Gegner der Marktwirtschaft als Schimpfwort missbraucht werden). Die allgemeingültige Frage dahinter ist aber, ob man mit Wortschöpfungen und -neudeutungen nicht implizit weitere Neuschöpfungen und -deutungen mit verwandten Wörtern kreiert (igitt, schreibt man das wirklich so? Erinnert mich an ein anderes Wort für börgsen) …

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