vonDetlef Guertler 28.06.2010

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

Mehr über diesen Blog

„BIZ warnt vor Zombiefirmen“ schreibt die FTD heute. Und während es sich sonst  bei solchen Wörtern meist um Schöpfungen der Überschriftenmacher der FTD handelt, hat diesmal tatsächlich die stockseriöse Bank für Internationalen Zahlungsausgleich selbst das Wort Zombiefirmen gebraucht und die aktuelle Niedrigstzinsphase mit der japanischen Niedergangspolitik in den 90er Jahren verglichen: „Das Fortbestehen ansonsten nicht überlebensfähiger Firmen, die sich nur dank Anschlussfinanzierungen über Wasser halten konnten, (führte in Japan) vermutlich dazu, dass weniger Wettbewerb herrschte, weniger investiert wurde und neue Firmen am Markteintritt gehindert wurden.“ Genau das passiert offenbar auch gerade in Europa – die Bauindustrie in Spanien beispielsweise hätte eigentlich einmal komplett über den Jordan gehen müssen, um danach ordentlicher wirtschaftenden Unternehmen Platz zu machen.

Besonders verständlich hat das Problem Anfang des Jahres Philipp Bagus, Ökonom an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid, in den Schweizer Monatsheften formuliert:

Es ist ein Irrtum zu glauben, die expansive Geldpolitik könne die überfällige Restrukturierung abwenden. Sie kann sie höchstens verzögern – und durch die Verzögerung verschlimmern. Denn sie täuscht faktisch Unternehmer, Sparer und Konsumenten über die realen Verhältnisse. Dadurch akzentuieren sich die bestehenden Ungleichgewichte noch zusätzlich. Zum einen werden die irrtümlich unternommenen Projekte nicht so schnell wie möglich liquidiert. Die Ressourcen, die an anderen Stellen der Wirtschaft dringend benötigt würden, stecken in jenen Unternehmen fest, die diese Ressourcen dank der erneuten Politik des billigen Geldes an sich binden können. Damit wird die ganze Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen. Diese privilegierten Unternehmen gehen so zwar nicht gleich unter, können aber auch nicht wirklich prosperieren. Sie können ihre Produkte nicht gewinnbringend verkaufen, da sich die Nachfrage auf andere Bereiche richtet (die Nachfrage wird ebenfalls künstlich durch billiges Geld gestützt). Es sind eigentliche Zombieunternehmen, die bloss durch die Injektion neuen billigen Geldes am Leben gehalten werden – bis der Schwindel auffliegt und sie dennoch sterben, mit umso grösserem Krach.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/wortistik/2010/06/28/zombiefirma/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • […] daher unser Film der Stunde sein. Wer seinen Unmut gegen die allgegenwärtigen Zombie-Banken und -Firmen artikulieren will, kann sich übrigens den monatlich stattfindenden Zombie-Walks anschließen. Im […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.