https://blogs.taz.de/wortistik/wortistik/wp-content/blogs.dir/9/files/2018/01/Bildschirmfoto-2018-01-17-um-19.11.39.png

vonDetlef Guertler 01.08.2011

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

Mehr über diesen Blog

„Nabelschau … uargh!“, schreibt Anonym-Kommentator Gähn im Handelsblog unter einen Beitrag, in dem einem Spiegel-Online-Autor massives Abkupfern vorgeworfen wurde. Aber was soll man machen, wenn Mitglieder der eigenen Zunft sich nicht an die Regeln halten, ob nun Standes-, Anstands- oder Gesetzesregeln? Einfach drüber wegschweigen – so wie alle Medien außer dem Guardian in der Abhör-Affäre bei News of the World? Das würde ja wohl jedem journalistischen Ethos widersprechen; aber leider gleichzeitig der herrschenden journalistischen Praxis entsprechen.

Michael Spreng schreibt im Zusammenhang mit den Plagiatsaffären von Koch-Mehring und Chatzimarkakis von den Sagenichtsen (in der FDP) und den Fragenichtsen (in den Redaktionen). Was den Umgang der Medien und der Journalisten mit Abschreiben und Content-Klau in den eigenen Reihen angeht, muss man wohl eher davon reden, dass man es in den Redaktionen mit Sagenichtsen UND Fragenichtsen zu tun hat.

Nein, es geht nicht darum, dass journalistische Arbeiten den gleichen Ansprüchen genügen müssten wie wissenschaftliche Arbeiten – Medien- und Urheberrecht würden völlig ausreichen. Aber ganz offensichtlich haben wir es mit einem System zu tun, in dem von oben Gesetzestreue und Compliance gepredigt wird und unten die Arbeitsbedingungen und Honorare so gequetscht werden, dass die Schreiber kaum noch anders als über Copy-und-Paste-Journalismus auf ihren Lebensunterhalt kommen können.

Man kann natürlich zitternd hoffen, dass niemand ein MediaPlag einrichtet und in der Zwischenzeit jedes einzelne hochploppende Fehlverhalten als bedauerlichen Einzelfall bezeichnen. Aber das kann einem Unternehmen oder der ganzen Branche in eine unkontrollierbare Entwicklung abkippen, wenn doch eines Tages zu viele Sünden auf einmal ploppen – oder wenn man an einen unermüdlichen Wachhund gerät, wie es Murdoch mit dem Guardian passierte. Im langfristigen Überlebensinteresse der Branche wäre es deshalb ratsamer, einen Prozess der Selbstkontrolle einzuleiten: ein vom Verlegerverband initiiertes und finanziertes MediaPlag zum Beispiel.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/wortistik/2011/08/01/fragenichts/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.