vonDetlef Guertler 20.11.2011

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Irgendjemand hat mich hier neulich mal dafür geprügelt, dass ich so viele Bindestrich-Wörter hier neu aufnehme – die könne das Deutsche ja in praktisch unendlicher Menge produzieren. Oder war es deswegen, weil ich so viele Unterarten des Liberalismus verbreite? Immerhin sind schon überliberal, krawallliberal, Liberalfundamentalismus und grünliberal hier besprochen worden.

Und jetzt auch noch ein Bindestrich-Wort mit Liberalismus? Äh, ja. Und zwar schlicht deswegen, weil die Selbstfindung bzw. Neusortierung jener kleinen bis mittleren Häufchen, die sich irgendwelchen Sparten des liberalen Denkens zugehörig finden, noch längst nicht abgeschlossen ist bzw. gerade eben erst angefangen hat. Seit klar ist, dass die Parteiensystem-Gleichung

liberal = FDP

nicht mehr aufgeht, wird nach neuen Konfliktlinien und Schubladen gesucht. Die Schweiz ist dabei doch um einiges weiter als Deutschland, wohl vor allem deshalb, weil es eine solche Gleichung niemals gab – irgendwie ist ja ausser Christoph Blocher dort jeder liberal – und man sich deshalb auch nicht vom Liberalismus nicht distanzieren muss, nur weil man eine Partei oder deren Spitzenpersonal nicht mag. Deshalb haben in der Schweiz im Oktober die Grünliberalen erstmals den Einzug ins Parlament geschafft. Und eine Piratenpartei dort müsste sich auch nicht so verkrampft vom Liberalismus distanzieren, wie das in Deutschland passiert, und zwar fälschlicherweise, denn wie soll man die Piraten-Ideologie eigentlich anders nennen als radikalliberal; oder nach Geschmack auch anarchistisch, was ja das Gleiche ist?

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, in der Schweiz. Dort ist es nämlich erstmals gelungen, sogar für den Rechtsausleger und Sarrazyniker Christoph Blocher ein liberales Etikett zu finden. „Besitzstandswahrer-Liberalismus“ attestiert ihm Rudolf Walther sowohl in der taz als auch im Freitag.

Ich mag dieses Etikett. Es geht weg von der üblichen Rechts-Links-Teilung des Liberalismus, die Rechts die Freiheit der Wirtschaft (Bourgeois) und Links die Freiheit der Menschen (Citoyen) vertritt. Das ist zwar auch nach mehr als 200 Jahren noch eine passende Beschreibung, aber eben nur eine; sie kann zudem nicht wirklich erklären, warum Wirtschaftsliberale ihr Heil heute eher in Abschottung als in Freihandel sehen (hat hier jemand Schäffler gesagt?) und sogar zu ignoranter Bestverdiener-Lobby verkommen – oder wie soll man die gemeingefährlichen Irren von der Tea-Party sonst bezeichnen? Besitzstandswahrer-Liberale eben.

Am nettesten wäre natürlich, wenn beim Untergang der FDP nur diese Sorte Liberalismus mit in die Tiefe gerissen würde (oder in die Bad Party), und die FDP sich mit lauter Fortschritts-Liberalen neu konstitutiert. Aber wäre es da nicht einfacher, wenn sich die versprengten Aufrechten der diversen Dahrendorf-Kreise in der FDP zu den übrigen Fortschritts-Liberalen in der Piratenpartei gesellen?

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https://blogs.taz.de/wortistik/2011/11/20/besitzstandswahrer-liberalismus/

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kommentare

  • Radikalliberal = anarchistisch? So dachten bestimmt auch die Sklavenhalter über die Sklaven, die sich befreien wollten. Also Vorsicht.
    Ansonsten stimme ich Ihnen zu. Dir Piratenpartei ist es nicht gut geraten, sich vom den Begriff des „Liberalismus“ zu distanzieren. Dummes Volk hin oder her. Der Begriff muss nach vielen Jahren der FDP-Despotie und Raubes endlich wieder rein gewaschen werden.

  • Ergänzung zum Bindestrich-Jourrnalismus:

    Ob die Piratenpartei Deutschland (PIRATEN) sich (oder andere) je zu einer Mehrfach-Liberalismus-Bindestrich-Partei generieren kann (mitsamt allen Co-, Ex- oder Trans-Dahrendorfschen-Kreisen, -Zirkeln der- Kreiseln…), können nur die Bindestrich-Auguren erlesen aus den Eingeweiden anderer abgespaltener, abgespalteter und/oder zugrunde gerichteter Liberal-Liberalismus-Liberalissimus-Shouter.

    Derweil wird ein „Meinungsjurist“ die Lebensgefühle und Hallo-Wach-Träume vieler führer- und hoffnungslos- und liberal-genötigter Deutscher zu versammeln suchen – die Hoffnung von der US-Westküste: KT Gutt.
    (Ein Drittel der Deutschen glaubt, KT GUTT sei an einer Pressekampagne, sprich: Medienputsch, gescheitert – nach Springer-Prozent-Meinungen mit den zielführenden Fragenstellungen-.)

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