vonDetlef Guertler 20.11.2011

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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„Clemens, denk dran, du musst um 10 bei der Chorprobe sein!“ Clemens putzt seine Zähne, als hätte er alle Zeit der Welt. Noch nie in seinem zehneinhalbjährigen Leben hat er sich so viel Zeit dabei gelassen, scheint mir. Als er wieder bei mir in der Küche vorbeikommt, hat er immerhin schon seinen Jacke an – aber noch keinen einzigen Schuh. „Clemens, deine Schuhe!“ – „Ja ja.“ Greift sich den ersten Schuh, schlüpft hinein und wirft mir ein „Bring‘ mich nicht aus meiner Stress-Ruhe-Balance“ zu.

„Deine was bitte?“ – „Meine Stress-Ruhe-Balance“, sagt Clemens, und greift sich den zweiten Schuh. „Mal hat man Stress, mal hat man Ruhe.“ Spricht’s, und schlendert zum Fahrstuhl.

Stress-Ruhe-Balance? Mal abgesehen davon, dass ich mich nicht erinnere, meinen Sohn jemals im Stress erlebt zu haben, scheint mir dieser Begriff eine extrem gelungene Übersetzung der denglischen Work-Life-Balance zu sein. Denn diese leidet erstens darunter, dass sie sich nicht wirklich wörtlich übersetzen lässt: Arbeit-Leben-Gleichgewicht klingt ja ziemlich dämlich. Und zweitens darunter, dass sie etwas trennt, was längst nicht mehr zu trennen ist, nämlich Arbeit und Leben. Ein Bild, ja fast schon ein Klischee aus dem langsam verblassenden Industriezeitalter, als es sich hier tatsächlich um klar voneinander abgegrenzte Zeitabschnitte handelte. Heute verwischt sich das, und das Problem mit der Work-Life-Balance ist ja nicht so sehr, ob man gerade erwerbsarbeitet oder nicht, sondern wie sehr einen das Arbeitsleben auffrisst. Dafür haben wir aber schon lange das Wort Stress eingebürgert – so dass die Stress-Ruhe-Balance sowohl eine korrekte Übersetzung von Work-Life-Balance ist, als auch diese transzendiert, indem sie den Stress von der Erwerbs-Dimension abstrahiert.

Möglicherweise konnte diese Übersetzung ja nur jemand finden, der noch nie etwas von Work-Life-Balance gehört hat und auch noch nie Erwerbsarbeit leistete. Danke, Clemens.

„Warst du eigentlich noch rechtzeitig bei der Chorprobe?“, frage ich Clemens, nachdem ich am Abend von der ersten Hälfte meiner Wochenendschicht aus dem Büro zurückgekommen bin. „Ja, gerade so“, antwortet er, und widmet sich wieder seiner Herausforderung, seinen Joghurt mit nur einer Hand zu öffnen und auszulöffeln, damit er ohne Pause weiter in seinem Donald-Duck-Buch lesen kann.

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https://blogs.taz.de/wortistik/2011/11/20/stress-ruhe-balance/

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kommentare

  • Interessante Sprachelemente. Danke!
    Und eine Wohnung am Fahrstuhl;?
    Das fluppt ja wohl!
    Die gegenteilige Erfahrung macht Frankie Parsons, der morgens aufbrechen will: „‚Dieses Haus funktioniert nicht!’, rief Frankie die Treppe hinauf.“
    (Kate de Goldi: Abend um zehn. Carlsen Verlag. 2011. S. 3)

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