vonDetlef Guertler 26.11.2011

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Ganz neu ist der Begriff natürlich nicht. Schon vor vier Jahren etwa wurde in einem Nutzer-Forum des Computerspiel-Entwicklers Paradox Interactive ein Eurogeddon-Spiel diskutiert – als Strategiespiel auf der Basis des Europas im 16. Jahrhundert. Varianten dazu gab es zwei Jahre später unter dem gleichen Namen auf der Basis des Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das ja in der Tat einige der furchtbarsten Ereignisse in der Geschichte des Kontinents versammelte.

Aber jetzt kommen wir gerade aus der Spiele-Welt in die Realität. „Death of a Currency as Eurogeddon approaches“ meldet der Daily Telegraph mit vielen Worten, wofür Paul Krugman vor zehn Tagen nur einen Chart und zwei Sätze brauchte:

„ECB bailout or bust. And it’s looking like bust.“

Die Financial Times und der Economist vergleichen den Euro mit der Titanic (mit Deutschland als einzigem Passagier der Ersten Klasse), und auch Wolfgang Münchau, der bislang noch immer Wege gesehen hatte, wie die Eurozone sich doch noch aus ihrer Sackgasse herausmanövrieren könnte, wirft langsam das Handtuch:

Mit Sparen kommt man aus dieser Krise nicht raus. Auch nicht mit Strukturreformen. Erst recht nicht mit falsch motivierten europäischen Vertragsänderungen. Die Krise ist mittlerweile derart weit fortgeschritten, dass ohne die EZB nichts mehr geht. Und ohne Euro-Bonds ebenfalls nicht. Der Grund für den Pessimismus besteht darin, dass wir nur noch wenig Zeit haben, maximal ein oder zwei Monate. Man kann einfach nicht mehr davon ausgehen, dass es der Politik gelingen wird, in dieser kurzen Zeit die verfestigten Narrative zu ändern und dann daraus die richtigen Konsequenzen zu ziehen.

So wie bei dem Meteoriteneinschlag auf der Erde, bei dem man eine Zeitlang noch hoffen kann, dass die Katastrophe nicht eintritt, oder man das Verhängnis gerade noch abwenden kann, gibt es auch beim Eurogeddon jenen Moment, in dem man feststellt, dass nun nichts mehr zu ändern ist, dass das Verhängnis seinen Lauf nimmt. Man kann dann Schutz für sich und seine Angehörigen (und natürlich sein Vermögen) suchen, und ansonsten dem Ratschlag meines Lieblings-Analysten Edward Hugh folgen:

Whatever happens will be a unique historical event, so we should experience it and live it as such.

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