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vonDetlef Guertler 16.12.2011

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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War ein paar Tage ziemlich offline und mit allem möglichen anderen beschäftigt, unter anderem mit einem Beitrag für den Wettbewerb um den Wolfson-Preis (mehr wird natürlich hier noch nicht verraten), so dass es jetzt doch schon eine Woche her ist, dass ich im Funkloch am Fusse der Pyrenäen zusammen mit Edward Hugh darüber diskutierte, was kurz-, mittel- und langfristig vom in der Tat reichlich historischen EU-Gipfel in Brüssel zu halten bzw. zu erwarten sei. Edward hat sich bereits ausführlich schriftlich dazu gemeldet, ich empfehle die Lektüre ausdrücklich, und möchte mich hier nur mit einem Aspekt beschäftigen, ausgehend von folgendem Satz aus seiner Analyse:

At the end of the day one thing is clear, and this has not been emphasised enough in the press reporting of the summit, this is the end of Keynesian demand management as a policy tool as it has been practised in Europe since the end of WWII.

Wenn den Regierungen nicht mehr als ein halbes Prozent des BIP an Neuverschuldung erlaubt sein soll (okay, über einen ganzen Konjunkturzyklus gerechnet), bedeutet das schlicht: Der Staat verabschiedet sich aus seiner wirtschaftsankurbelnden Rolle. Zum einen, weil sich gezeigt hat, dass Staaten am anderen Ende des Zyklus das mit dem Bremsen bei zu flotter Konjunktur nicht hinkriegen, zum zweiten, weil Demographie und Ökologie eine Abkehr vom Expansionismus nahelegen, und zum dritten natürlich, weil die Staaten das Geld dafür nicht mehr geliehen bekommen. Wenn die Wirtschaft lahmt, dann lahmt sie eben, basta.

Wir erleben also den (wohl vorwiegend von Wolfgang Schäuble eingeleiteten) Versuch, eine Zeitenwende zu gestalten, bevor sie einfach passiert. Hätte der Kapitän der Titanic nach Sichtung des Eisbergs nicht nur „Volle Kraft zurück!“ kommandiert, sondern auch sofort die Rettungsboote klar gemacht, hätten sicherlich noch deutlich mehr Passagiere das Unglück überlebt. In diesem Punkt also Hochachtung für Käpt’n Schäuble.

Wer fühlt sich am heftigsten von einer Politik bedroht, die auf das Ende des Keynesianismus hinausläuft? Klar, Keynesianer. In vorderster Front agiert da natürlich Paul Krugman, der einzige Journalist, der jemals einen Wirtschaftsnobelpreis bekommen hat, der die europäischen Ereignisse gerade als das Gegenteil des Ende des Keynesianismus wertet:

Basically, European experience is very consistent with a Keynesian view of the world, and radically inconsistent with various anti-Keynesian notions of expansionary austerity and flexible prices.

Nein, Herr Krugman, Wolfgang Schäuble geht nicht davon aus, dass „austerity“ zu kurzfristigem Wirtschaftswachstum führen könnte, er geht eher davon aus, dass der keynesianische Versuch, kurzfristiges Wachstum herbeizuzwingen, die unausweichliche Katastrophe zwar hinauszögert, aber dafür noch schlimmer macht. Aber das nur nebenbei. Interessanter daran finde ich, wie sehr inzwischen „austerity“ als Kampfbegriff benutzt wird, um den Schäuble’schen wirtschaftstheoretischen und -politischen Ansatz zu diskreditieren. Austerity, das ist Gürtel enger schnallen, Schweiss und Tränen und natürlich Hoover, Brüning und das ganze Schlamassel der 1. Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1933. Krugman und seine Freunde folgen dabei jener Demagogen-Taktik, die schon Heiner Geissler vor 28 Jahren gegen die Friedensbewegung anwandte – wonach der Pazifismus der 30er Jahre Auschwitz erst möglich gemacht hätte. So hat eben in keynesianischer Sicht auch die austerity der frühen 30er Jahre Hitler erst möglich gemacht.

Wie wehrt man sich am besten gegen solche Attacken? Indem man ein neues Wort findet, das die eigene Wirtschaftspolitik bezeichnen kann. Wer sich auf das Austeritätspflaster begibt, hat schon verloren, denn er geht den Wachstums-Dealern auf den Leim, indem er ihre Sprache und Denkweise übernimmt. In den Worten von David Bosshart (aus seinem neuen Buch „Age of Less“):

Die meisten Kritiker der Wachstumsideologie empfehlen uns den Verzicht als Rezept für eine nachhaltig lebenswerte Zukunft. Der Erfolg war bislang nicht gerade durchschlagend – was die Verzichtspropheten entweder auf die Schwäche der Menschen schieben, ihre Trägheit, ihre Inkonsequenz, ihr Verdrängen und Vergessen, oder auf die Perfidie des Systems: Es verharmlost seine Katastrophen von heute, es verdrängt seine Katastrophen von morgen, es ködert die Menschen mit Werbung und stellt sie mit Konsum ruhig. Aber tatsächlich steckt das Problem im Rezept selbst: Der Verzichts-Ansatz bleibt nämlich im gleichen Denkmodus verhaftet wie das Wachstums-Dogma – nur eben mit umgekehrten Vorzeichen. Er bleibt im quantitativen Denken stecken, nur dass er weniger Quantität als Ziel vorgibt, nicht mehr Quantität. Und er bleibt eine Ideologie, wo praktisches Handeln angebracht wäre. Damit ist er in etwa so attraktiv wie jene Geißler, die im Mittelalter durch Europa zogen: Sie lehrten, und praktizierten, dass man zur Erleuchtung über den eigenen Schmerz komme; und hinterließen nicht viel mehr als einen Schauder.

Schäuble ist der geradezu klassische Vertreter der Verzichts-Ideologie. Und damit der geborene Verlierer, wenn er sich auf den Kampf von Plus gegen Minus einlässt. Minus kann nur verlieren. Wenn er (und wir) das Ziel einer nachhaltig überlebensfähigen Gesellschaft erreichen wollen, müssen wir den Kampf umdefinieren: Nicht Plus gegen Minus, sondern Masse gegen Klasse, Quantität gegen Qualität, Maschine gegen Mensch. Oder so.

Und dafür, noch einmal, wäre es extrem hilfreich, ein anderes Wort für das zu finden, was die Keynesianer mit „austerity“ bezeichnen. Ich suche gerne mit nach Antworten. Aber für jetzt muss es erstmal reichen, die Frage gestellt zu haben.

Disclaimer: David Bosshart ist CEO des Gottlieb-Duttweiler-Instituts in Rüschlikon bei Zürich, das auch die von mir chefredigierte Zeitschrift GDI Impuls herausgibt. Wenn mir sein Buch nicht gefallen würde, würde ich es trotzdem weder empfehlen wollen noch müssen. Es gefällt mir aber.

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