vonDetlef Guertler 01.01.2012

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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„Nichts los hier im Nahsehprogramm“, quengelt Leonie, 16, gerade. Mindestens fünf Minuten lang ist niemand mehr durch jene kleine Gasse Calle Buitrago in Marbellas Altstadt gelaufen, die man vom Esstisch in unserer neuen Wohnung so gut im Blick hat – vor allem, wenn man direkt vor dem Kamin sitzt.

Nach zwei Wochen mitten in der Altstadt bekommen wir langsam ein Gefühl für den Rhythmus der Gasse. Jeden Morgen gegen acht Uhr fegt die städtische Reinigungskraft hier entlang; eine gute Stunde später stellen die Jungs von der Churreria ihre Stühle raus, bald danach donnert der erste Fußball an das Gitter unseres Wohnzimmerfensters (in der Schulzeit hoffentlich erst später), und das alte Ehepaar von nebenan schlurft spazieren. Das Abendprogramm schließlich läutet David ein, wenn er sich gegen 21 Uhr zur Arbeit in seine Bar „Barbella“ begibt (Es kann gar nicht illegal sein, wenn ich ihn dort mit unseren minderjährigen Kindern besuche, weil David ja das Jugendschutzgesetz gar nicht kennt). Viele Menschen, die wir die Gasse entlang gehen sehen, schauen auch bei uns hinein, manche glotzen, manche winken – wenn uns danach ist, winken wir zurück, noch dabei, uns in unsere neue Rolle als Altstadtbewohner hineinzufinden.

Ja, es ist eigentlich nur ein Fenster zur Straße hinaus. Aber Menschen, die sich daran gewöhnt haben, ständig auf irgendwelche Bildschirme zwischen iPhone und Flatscreen-Größe zu schauen und dabei Menschen in aller Welt zu begegnen (natürlich hat sich Leonie auch nicht bei mir über das Nahsehprogramm beschwert, sondern bei Facebook), dürfen das Fenster auch gerne „Nahseher“ nennen – als Fenster zu jenem wirklichen Leben, das nicht nur in sichtbarer, sondern auch in greifbarer Nähe ist.

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kommentare

  • @Ferdinand: So schlank ist nicht einmal Leonie, dass sie sich zwischen den Gitterstäben vor dem Nahseher-Fenster hindurchzwängen könnte, um hinauszugehen. Aber zwei Meter rechts davon ist die Haustür…

  • Warum nicht einfach das Fenster öffnen, hinausgehen und erfahren, dass Nahsehen eben nicht Nachsehen heißt, sondern eher eine neue Ferne ermöglicht, die es irgendwann zu sehen wert ist? Sind alljene, die die Ferne zuerst sehen wollen, verwirrt, weil sie glauben, die Ferne würde sich selbst vertiefen und sie dabei erhöhen? Sind sie überfordert, da sie die Ferne, die sie überflutet, nicht beherrschen können? Die nahe Ferne vertieft sich weiter und rückt näher, während sich die ferne Nähe entfernt. Wir müssen zuerst schnell aufzutauchen lernen aus dem Meer der Ferne, um überhaupt wieder die Möglichkeit zu haben, Nähe zu atmen.

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