vonDetlef Guertler 04.04.2012

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Eigentlich beschäftigen wir uns hier ja nur mit neuen Wörtern, und das Titelwort „Umwelt“ gehört ganz sicherlich nicht dazu.

Aber wir beschäftigen uns hier auch gelegentlich mit Wörtern, die einen Bedeutungswandel mitmachen, und auch mit der garstigen Aufnahme fremder, noch dazu meist englischer Wörter in den deutschen Sprachschatz, oder mit der umgekehrten Aufnahme deutscher Wörter in andere Sprachen (was letzteres angeht, sei nur auf die Plädoyers für die internationale Verbreitung der schönen deutschen Wörter Weihnachten und Handy verwiesen).

Deshalb sei hier auf eine gänzlich neue Verwendung des guten alten deutschen Wortes „Umwelt“ verwiesen. Nämlich aus meiner Lieblings-Comicserie xkcd von Randall Munroe. Sein Comic Nummer 1037 trägt eben den deutschen Titel Umwelt, und im Mouseover (das ist der Text, der erscheint, wenn man die Maus über den Comic zieht) erscheint folgender Text:

Umwelt is the idea that because their senses pick up on different things, different animals in the same ecosystem actually live in very different worlds. Everything about you shapes the world you inhabit – from your ideology to your glasses prescription to your browser window.

Das ist meines Wissens ziemlich revolutionär. Der Umwelt-Begriff, der doch eigentlich recht schwammig für alles irgendwie da draußen steht, wird auf diese Weise individualisiert. Soll das englische „environment“ gerne weiterhin für das alles irgendwie da draußen stehen, wird das deutsche „Umwelt“ (bitte auch immer mit Großbuchstaben) für das individuelle irgendwie da draußen stehen. Das ist erstens ein philosophisches Konzept, mit zweitens wahnsinnig viel Tiefgang, und drittens einer Prägung der Außenwelt durch die Innenwelt, die viertens dialektisch Idealismus und Materialismus aufhebt und dadurch miteinander versöhnt, und alles das ist für den Rest der Welt schon konzeptmäßig so deutsch, dass es dafür einen deutschen Begriff braucht.

Ich also wäre dringend dafür, der Welt unseren schönen deutschen Umwelt-Begriff zu schenken. Und sei es auch nur, um erstmals eine fremde Sprache durch den Mouseover eines Comics bereichern zu können.

Nachtrag 08.04, 08:04:

@Erbloggtes hat mich gerade darauf aufmerksam gemacht, dass der hier besprochene xkcd-Comic nicht immer gleich ist, sondern dass Bild und Mouseover-Text je nach „Umwelt“ unterschiedlich sein können. Sofort ausprobiert, stimmt: Im iPhone sehe ich ein völlig anderes Motiv als auf dem Notebook, via Twitter-Link ein anderes Motiv mit (etwas) anderem Text als via Blog-Link. Sollte bei Ihnen der Mouseover-Text also nicht genau so aussehen wie hier beschrieben, zweifeln Sie nicht an sich oder dem Wortisten, sondern schieben Sie’s auf Ihre Umwelt.

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https://blogs.taz.de/wortistik/2012/04/04/umwelt/

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kommentare

  • Die deutsche Entsprechung der Beschreibung ist „Wirklichkeit“ — im Gegensatz zu „Realität“.

    Die unveränderliche Welt „da draußen“ (a priori) wird mit Realität fixiert. Die Realität ist subjektiv kaum auszuloten.

    Meine Welt hingegen wirkt durch mich, und sie bewirkt mich; diese Verflechtung der Realität mit subjektiver Sensorik wird folgerichtig „Wirklichkeit“ genannt.

  • Es ist quasi die postmoderne Umkehrung der Definition, die im OED genannt wird: ‚The outer world as it affects and is perceived by the organisms inhabiting it; the environment.‘

    Letztere ist eine realistische Definition, setzt also eine äußere Realität voraus; die Cartoondefinition geht von einer individuellen Konstruktion aus.

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