vonDetlef Guertler 13.05.2012

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Okay, es geht los. Nicht das mit dem Ende von Merkel und Rösler, oder vielleicht auch, aber das ist vergleichsweise nebensächlich. Europa und Euro werden uns um die Ohren fliegen, und zwar nicht irgendwann, sondern so ziemlich jetzt. Ich gehe ja ohnehin schon seit Jahresanfang davon aus, dass das Euro-Endspiel vor der Tür steht, aber heute kam Paul Krugman dazu. Schön mit „Eurodämmerung“-Überschrift und verlinktem Wagner-Video, und einer Übersicht über die nächsten Akte:

1. Griechenland steigt im Juni aus dem Euro aus.

2. Run auf Banken in Spanien und Italien, Anleger versuchen, ihre Ersparnisse nach Deutschland zu transferieren.

3. Einführung von Kapitalverkehrskontrollen und/oder EZB-Geldschwemme, um die Süd-Banken am Leben zu erhalten.

4. Deutschland übernimmt PIIGS-Verbindlichkeiten und akzeptiert deutlich höhere Inflationsraten im Inland – oder der Euro ist tot.

Ich teile zwar Krugmans Einschätzung nicht, dass Griechenland kurzfristig aus dem Euro ausscheidet (die Griechen werden ganz im Gegenteil mit Klauen und Zähnen am Euro festhalten), aber ich glaube auch nicht, dass das nötig ist, um die Euro-Todesspirale in Gang zu setzen. Weil ich, anders als Krugman, mit einer weit dramatischeren Zuspitzung in Spanien rechne. Da folge ich dem ebenfalls heute erschienenen Beitrag von Edward Hugh, aus dem so ziemlich alles heraussprudelt, was er in den vergangenen fünf Jahren an Dummheit, Ignoranz, Arroganz und Krisennichtbewältigung in Spanien erlebt hat. Wohl aus Anlass der freitäglichen Chuzpe des spanischen Finanzminister Luis de Guindos, dass das spanische Bankensystem mit einer Kapitalspritze von 30 Milliarden Euro auskommen sollte (es werden eher 250 Milliarden sein), und dass die Rettung der spanischen Banken die spanischen Steuerzahler nichts kosten werde. Womit er nun endgültig den Bogen überspannt haben dürfte.

Und das reicht, so Hugh, um die Eurozone zu sprengen, wenn nicht Deutschland sich eines Besseren als bislang besinnt:

We here in Europe could be doing much better than we actually are. A common fiscal treasury and joint and several Eurobonds on their own won’t entirely resolve the difficulties countries like Spain find themselves in – due to the existence of the competitiveness and growth problem – but both of these certainly would help. Another alternative would be a structural change in the Eurozone – dividing the Euro in two, for example. But, anyway you look at it, losses need to be crystalised, and shared, and hard core Europe isn’t ready or willing to talk about this. And so we head for disaster.

Der sich jetzt gerade sachte abzeichnende Richtungswechsel in der europäischen Wirtschaftspolitik – mehr Wachstum, weniger Sparen – ist für Hugh zu schwach und zu spät:

While the attitude to Eurobonds could change following elections in France and Germany this year and next, I am not optimistic that the changes will move fast enough and deep enough to bring that much needed relief.

Also dann, Vorhang auf zur Eurodämmerung!

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