vonDetlef Guertler 28.05.2012

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Wenn ich den Sozialismus, vor allem den real existierenden, noch richtig erinnere, so hatte er mit Zinsen nichts am Hut. Das Geld spielte dort keine rasend wichtige Rolle (was nützt mir Geld, wenn im Laden die Regale leer sind?), und der Preis des Geldes eine noch unwichtigere. Geleveragte Spekulation und Kreditwucher waren verboten, und die Lenkungswirkung, die im Kapitalismus vom Zinssatz ausgeht, brauchte man im Ostblock schon gar nicht, weil ja alles von der Staatspartei gelenkt wurde.

Zinssozialismus müsste also eigentlich eine Politik meinen, die Zinsen auf ein volkswirtschaftlich unsinnig niedriges Niveau senkt und das Geld von seinem Allmachts-Sockel fegt. Ersteres macht Ben Bernanke, zweiteres die Occupy-Bewegung, beides zusammen könnte eventuell in obskurantistischen Zirkeln der Linkspartei gepflegt werden. Aber so hat es Rainer Brüderle sicherlich nicht gemeint, wenn er jetzt (und vor einem Jahr) behauptet, Eurobonds seien Zinssozialismus.

Faktisch handelt es sich um einen weiteren Versuch, die Populismuskeule gegen jeden eventuell halbwegs realistischen Rettungsversuch der Eurozone zu schwingen – Dummheit statt Sozialismus also, um mit der CDU zu sprechen. In der Konsequenz läuft das meiner Vermutung nach (und der von Ambrose Evans-Pritchard) nämlich nicht mehr auf einen Fiskal- und Sparpakt nach deutschem Vorbild hin, sondern auf einen Rausschmiss Deutschlands aus der Eurozone (vielleicht zeitgleich mit Griechenland, dann ist man beide Störenfriede gleichzeitig los), oder auf einen Putsch in der EZB gegen die deutschen Dickköpfe oder eine europäische Revolution gegen deutsche Suprematie.

Und dass mir hinterher keiner sagt, das hätte man ja nicht voraussehen können!

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