vonDetlef Guertler 16.06.2012

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Korrektoren sind in der Regel unerbittlich und konsequent. Wenn es so im Duden steht, ist es so, und eben nicht anders herum:

Das Adverb womöglich steht für „vielleicht“ und darf nicht mit der (getrennt geschriebenen) Wendung „wohl möglich“ mit ähnlicher Bedeutung verwechselt werden

heißt es bei korrekturen.de, einer Seite, die uns Drauflosschreibern dabei helfen möchte, richtiges Deutsch zu schreiben.

„Darf nicht“!

Wird aber oft. Auf satte 954.000 Google-Treffer bringt es „wohlmöglich“, das einzig korrekte „womöglich“ dagegen auf gerade mal das Doppelte, nämlich 2,16 Millionen. Sogar bis in linguistisch wertvolle Angebote wie das Sprachlog hat es das „wohlmöglich“ bereits geschafft – wenn auch bislang nur im Kommentarbereich.

Ich habe eine Weile darüber nachgedacht – und finde, dass die Korrektoren nicht recht haben. Ganz im Gegenteil sogar sollte „wohlmöglich“ zur richtigen Form hochgestuft werden. Das würde die Sprache nämlich logischer machen.

Warum logischer? Weil nicht einzusehen ist, warum „womöglich“ etwas ganz anderes heißen soll als „wo möglich“ – nämlich eben so viel wie „wohl möglich“, was wiederum nicht das gleiche heißen darf wie „wohlmöglich“, weil es das ja offiziell gar nicht gibt. Ein Beispiel:

Wo möglich wird er die deutsche Sprache reformieren – nämlich an so vielen verschiedenen Stellen, wie es ihm möglich sein wird.

Womöglich wird er die deutsche Sprache reformieren – kann aber auch sein, dass er das nicht schafft.

Wohl möglich, dass er die deutsche Sprache reformiert – oder eben auch nicht.

Wohlmöglich wird er die deutsche Sprache reformieren – ist kein korrekter deutscher Satz.

Können wir uns nicht einfach darauf einigen, dass die Korrektoren hier einen Kampf kämpfen, den sie gar nicht gewinnen können? Dass sich ein bisschen mehr Logik in der deutschen Sprache durchsetzen könnte? Zumindest dort, wo möglich?

 

 

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https://blogs.taz.de/wortistik/2012/06/16/wohlmoglich/

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kommentare

  • Der reformatorische Ansatz gefällt mir grundsätzlich gut. Aber steht nicht zu befürchten, dass das ohnehin schon große Durcheinander um „wohl möglich“, „womöglich“ und „wo möglich“ mit der Vervollständigung des Quartetts nicht geschmälert, sondern im Gegenteil noch vergrößert wird?

    Sollte das aber tatsächlich passieren, werde ich meinen oben zitierten Eintrag natürlich gerne ändern.

    Es grüßt freundlich
    Julian von Heyl (korrekturen.de)

  • Schließe mich obigen Kommentar erfeut an, nachdem ich eben nach der richtigen bzw. möglichen Schreibweise suchte.

    Hier mein Text:

    >> PAPPELN <<

    Wach
    steigt der Mond
    kugelrund auf.
    ’S scheint sonst gar nichts
    bewegt heut.

    Kein Lüftchen kein Windhauch!
    Es zirpt keine Grille
    nicht mal ein Käuzchen
    dass weinerlich schreit.

    Leise vernehm ich
    ein Wispern und Wispeln
    dass aus der Pappeln Dunkel
    wohl möglich aufsteigt.

    Es säuseln
    auf einmal oh Wunder
    millionenfach Blätter
    allein vom silbernen Mondlicht
    verzaubernd magisch berührt.

    Soweit der Text.
    Hier sind ja dichterisch auch Ausnahmen sicher möglich von Regeln.

    Dennoch: Wohl möglich, dass wo möglich der Mond heute scheint.

    In diesem Sinne Dank für die gebrochene Lanze für neue Worte.

    Wilfried Baganz (Freizeitdichter) aus Mecklenburg Strelitz

    23.11.2012

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