vonDetlef Guertler 25.06.2012

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Small-Talk kennen Sie: Irgendwas Belangloses vor sich her reden, um einen Kommunikationsfaden in Gang zu halten.

Wall-Talk kennen Sie vermutlich noch nicht: Irgendetwas Aktuelles mit den Ereignissen rund um den Mauerfall 1989 vergleichen, um auf große Umbrüche einzustimmen.

Die sächsische Grünen-Politikerin Antje Hermenau hat es gestern gemacht, in der Diskussion auf dem grünen Länderrat um die Zustimmung zum ESM-Rettungsschirm: „Ich habe seit einigen Monaten bei Europa Deja-Vus zu der Zeit, als die Mauer fiel“, sagte sie. Und wer Hermenau nicht für wichtig halten mag, lese bitte Wolfgang Schäubles Interview im aktuellen Spiegel zu (online nur auf englisch verfügbar):

SPIEGEL: You believe that the Germans will vote on a new constitution within the next five years?

Schäuble: A few months ago, I would have said: In five years? Never! But now I’m not so sure. Do you want to know why?

SPIEGEL: Yes, please.

Schäuble: Many in Germany said that (former US President) Ronald Reagan was crazy when he stood at the Brandenburg Gate in 1987 and said: „Mr. Gorbachev, tear down this wall!“ And then it happened two years later. At the time, I too didn’t believe that German partition would soon come to an end. In the spring of 1989, I had just become the new interior minister in Bonn. The new US ambassador introduced himself to me and predicted that the Wall could come down in the next three years. I replied: „I would have doubted that a few months ago, but now I would say that with a little luck, it’ll happen in the next 10 years.“ And how long did it really take? Less than half a year.

Was Schäuble damit andeuten will? Na, vermutlich eine Eurodämmerung, bei der nicht nur Griechen und Spaniern, sondern auch Franzosen am Rand des Abgrunds stehen, weil diese erst dann dazu bereit sein werden, nationale Souveränitätsrechte an Europa abzugeben – und danach gewinnt Angela Merkel erst die Fiskalunions-Volksabstimmung in Deutschland und dann die Direktwahl als Europäische Präsidentin.

Geile Aussichten, oder? Deshalb ist es ja so wichtig, das Volk angemessen darauf vorzubereiten. Wall-Talk ist gut dafür: Dann haben wir nicht das Gefühl, dass der rasante Strudel, in den wir uns begeben, in einer Katastrophe enden muss; er kann genausogut, wie 1989, in etwas Großartiges münden. Kann er zwar diesmal nicht – aber das wird uns Schäuble natürlich nicht verraten.

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https://blogs.taz.de/wortistik/2012/06/25/wall-talk/

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kommentare

  • Merkel liegt nichts ferner, als zusätzliche Kompetenzen an Europa zu übertragen. Wenn Europa wirklich funktionieren soll, dann muss nicht nur ein politisches Schwergewicht auf den Präsidentenstuhl, sonder auch ein „echter“ Europäer. Ich glaube nicht, dass ein solcher derzeit aus Deutschland kommen kann.

    Darüber hinaus bin ich mir sicher, dass eine Volksabstimmung den Drang der Masse nach mehr Nationalstaat abbilden würde. In Zeiten der Krise komme immer der Rückzug in das Gewohnte, Heimelige.

  • Sehe ich anders, Hans-Martin: Wenn die Europäer begreifen sollen, dass „Brüssel“ nicht irgendeine ferne Bürokratie ist, sondern die politische Zentrale des Kontinents, muss ein echtes politisches Schwergewicht auf den Präsidentenstuhl kommen. Nicht irgendein Opa für Europa, sondern einer der gerade aktiven zentralen Entscheider. Auf dieses Anforderungsprofil passt am besten Angela Merkel.

  • … uns Angela wird alles, aber nicht Europäische Präsidentin. Viel wahrscheinlicher wäre Helle Thorning-Schmidt, die derzeitige Ministerpäsidentin Dänemarks. Warum? Weil sie sich in der bisherigen Euro-Debatte angenehm zurückgehalten hat und daher (noch) nicht verbrannt ist. Und ja, mir ist bewusst, dass Dänemark nicht in der Eurozone ist.

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