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vonDetlef Guertler 06.07.2012

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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„Es wäre schon viel erreicht, wenn wir im Deutschen das Wort „Volk“ aus der VWL streichen würden“, tweetete Barbara Bohr gestern kurz und trocken. Und auch wenn die Diskussion um die Benennung sowie die Gegenstände wissenschaftlicher Disziplinen eine ziemlich unendliche Geschichte ist, und bei den Ökonomen sowieso, wird dieser Tage wieder einmal deutlich, wie anachronistisch und geradezu gefährlich dieser Begriff „Volkswirtschaftslehre“ geworden ist.

Anachronistisch ist die Volkswirtschaftslehre, weil eigentlich alles, was die sogenannten Volkswirte tun bzw. erforschen, nichts mit dem „Volk“ zu tun hat. Da geht es um die Welt, um Europa, um einzelne Branchen oder Märkte und natürlich auch um Länder. Aber selbst wenn ein Volkswirt sich mit Deutschlands Ökonomie beschäftigt, hat das natürlich nichts mit der Ökonomie des deutschen Volkes zu tun. Mit dem Staat vielleicht, vielleicht auch mit der Nation, aber nicht mit dem Volk. Dafür sind Märkte und Unternehmen zu verflochten, Menschen zu mobil und Bevölkerung zu gemischt. Es gibt eine ganze Reihe von ökonomischen Maßnahmen, die auf staatlicher Ebene wirken können: Steuern und Gesetze zum Beispiel. Es gibt eine ganze Reihe von ökonomischen Daten, die auf nationaler Ebene erhoben werden: Sozialprodukt, Arbeitslosenquote, Leistungsbilanz zum Beispiel. Aber es gibt schlicht nichts (außer vielleicht ein paar unappetitlichen Ideen zu Demografie und Migration), was ökonomisch auf Volks-Basis getan oder geforscht werden könnte.

Und wie gefährlich der Begriff „Volkswirtschaft“ werden kann, lernen wir dieser Tage beim unsäglichen Aufruf jener 170 Wirtschafts“wissenschaftler“, die Angela Merkel verbieten wollen, neun Billionen Euro deutscher Spargroschen zur Begleichung aller Schulden südeuropäischer Banken einzusetzen. Sie bauen unter Verwendung einer ganzen Reihe von falschen und/oder unredlichen Argumenten (mehr dazu bei Olaf Storbeck vom Handelsblatt, Matthias Ohanian von der FTD und Mark Schieritz von der Zeit) eine Frontlinie auf, bei der sie, die Ökonomen, sich auf Seiten des deutschen Volkes (Steuerzahler, Sparer) gegen die schwache deutsche Kanzlerin, die südeuropäischen Pleitestaaten und ihre Pleitebanken stellen.

Volkswirtschaft fürwahr. Dass da Dinge zusammenwachsen, die nicht zusammengehören sollten, sieht man auch daran, dass der Initiator dieses Aufrufs nicht etwa der an sich schon schwer erträgliche Hans-Werner Sinn ist, sondern der noch weit unverdaulichere Walter Krämer, von Beruf Statistik-Professor, aber von Berufung Sprachnörgler und Kämpfer gegen Denglisch und andere Affensprachen, der seit geraumer Zeit schon aus der Welt des wissenschaftlichen Diskurses in die der ideologischen Demagogie gewechselt ist.

Olaf Storbeck hat dankenswerterweise mitgeteilt, was er auf seine Kritik an diesem chauvinistischen Blödsinn so an Feedback bekommen hat:

„Herr Storbeck, Ihre Bürokratenpropaganda ist jenseits jeglicher Realität, genauso wie das Gewäsch aus Brüssel. Machen Sie ruhig so weiter, wenn die Stimmung im Volk kippt wird man sich an Sie erinnern.“

Oder: „Sie sollten sofort in London bleiben. Das verarmte deutsche Volk wird nämlich in ein paar Jahren aufbegehren. Dann stehen Sie auf der Fahndungsliste.“

Danke, Herr Krämer. Danke, Herr Sinn. Lassen wir ihnen und ähnlichen Dumpfbatzen gerne die „Volks“-Wirtschaftslehre, aber lasst den Rest, lasst alle ernstzunehmenden Ökonomen bitte in ein Fach namens Wirtschaftslehre wechseln. Ohne Volk, ohne Raum, einfach nur Wirtschaft.

Ach ja: Falls die bisherigen Betriebswirte sich davon irgendwie bedroht fühlen sollten: Sie können ihren Namen natürlich gerne behalten – oder sich wie in anderen Ländern in Geschäftsverwaltung (Business Administration) oder Unternehmensführung (Management) umtaufen. Es könnte ohnehin ratsam sein, sich begrifflich möglichst weit von jenen Knallköpfen abzusetzen, die aus der Makroökonomie eine Völkischwirtschaft machen.

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kommentare

  • „Dass da Dinge zusammenwachsen, die nicht zusammengehören sollten, sieht man auch daran, dass der Initiator dieses Aufrufs nicht etwa der an sich schon schwer erträgliche Hans-Werner Sinn ist, sondern der noch weit unverdaulichere Walter Krämer, von Beruf Statistik-Professor, aber von Berufung Sprachnörgler und Kämpfer gegen Denglisch und andere Affensprachen, der seit geraumer Zeit schon aus der Welt des wissenschaftlichen Diskurses in die der ideologischen Demagogie gewechselt ist.“

    Und wo war jetzt das Sachargument?

  • […] London-Korrespondent des Handelsblatts, unter Bezugnahme auf den auch hier bereits fassungslos kommentierten Aufruf von 172 deutschen Ökonomen gegen eine Begleichung aller südeuropäischen Bankschulden […]

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