vonDetlef Guertler 16.07.2012

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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von polyphem:

Mit Erstaunen verfolge ich die Diskussion zu dem Kölner Urteil, das Beschneidung schutzbefohlener Minderjähriger als Körperverletzung bezeichnet.

Am Recht, volljähriger oder religionsmündiger Bürger, mit ihrem Körper zu machen, was sie möchten, will ich nicht rütteln. Aber mit Unverständnis nehme ich zur Kenntnis, dass viele, zu viele führende deutsche Politiker, Medienfürsten, Ärztekammerpräsidenten usw., usw. meinen, es müsse ein Sondergesetz her, das den Verstoß gegen die körperliche Unversehrtheit, wie sie im Grundgesetz garantiert ist, außer Strafe stellt. Religiöse Traditionen dürften nicht in Frage gestellt werden, heißt es allenthalben. Sogar der Gesundheitsminister (sic!) beteiligt sich an dem Gezerre und erwägt, eine Lösung über das Patientenrecht herbeizuführen.

Erschreckend, wie viele unsinnige Vergleiche, vom Kopftuchgebot über Sehächtung usw. da benutzt werden, um den “kleinen Schnitt”, der allerdings nicht rückgängig gemacht werden kann, zu relativieren. Da beschäftigt sich die Wissenschaft mittlerweile mit pränatalen Traumata und kommt zur Erkenntnis, dass solche durchaus das spätere Leben eines Menschenkindes negativ beeinflussen können; doch die körperliche Verstümmlung von Kindern wird mit dem Satz “Daran kann der kleine Mann sich später gar nicht erinnern.” schön geredet.

Zur Zeit trauen sich wohl nur die Partei “Die Linke” und die Piratenpartei, für das Beschneidungsverbot die Stimme zu erheben. Ich möchte, dass ein shitstorm sich zum “Schnittstorm” erhebt und den feigen deutschen Politikern von Beck bis Gabriel ins Gesicht bläst. Ich hoffe, dass spätestens das BVG in Karlsruhe unser GG (be)achtet und körperliche Unversehrtheit als höheres Rechtsgut im Vergleich zur Religionsfreiheit erklärt.

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https://blogs.taz.de/wortistik/2012/07/16/schnittstorm/

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kommentare

  • Beschneidung
    Mensch soll zuerst Mensch sein, des weiteren lange nichts und wieder nichts sonst oder Anderes. Irgendwo dann kommt erst Religion, es sei denn, diese wäre umfassend tolerant. Über diese sollte der einzelne Mensch selbst allein entscheiden. In ostasiatischen Religionen geht es eigenartigerweise nicht um den Besitz „der Wahrheit“. Die Zeremonien dort sind einprägsam und schön, aber nicht mit Wortbekenntnissen Einzelner angefüllt. Wenn Religionsgemeinschaften „Gottes Wort“ und Wahrheit besaßen, waren Menschenrechte immer gefährdet. In der zwangsläufigen Dürftigkeit menschlicher Worte bezüglich Höherem spricht auch christliche Theologie vom „Herrn“ des Universums, was in schlichten Denkformen einer Entstellung dessen entspricht, was einem Suchenden ein Gottesbild wird, – mehr ein Gefühl. Irgendwann schneidet man nicht mehr Kleistkindern unverwischbare Zeichen in den Leib, die sie später ggf. als Abtrünnige lebenslang erkennbar machen. Ich bin für allmähliche Abschaffung auch christlicher Gelübde, Gelöbnisse u. dgl. vor dem Erwachsen – Werden.
    Menschen müssen liebesfähig und Mitmenschen verstehend aufwachsen, damit sie ihre Energien friedlich einsetzen können. Die Uniform direkt am Leib ist des Menschen nicht würdig. Religiosität sollte Sinn geben statt Vorschriften oder andere Überforderungen der Kinderseele, dann Glück zu!

  • Beschneidung
    Es liest sich wei Angriff, was ich schreibe, muss es aber nicht sein. Gedacht ist es für langfristige Überlegungen, Zukunftsregelungen eine Utopie. Mensch soll zuerst Mensch sein, des weiteren lange nichts und wieder nichts sonst oder Anderes. Irgendwo dann kommt erst Jude, Moslem, Buddhist, Christ usw. Eine Religion und ihre Praxis in div. Niederungen sind nicht dasselbe. Das gilt sicher für alle Religionen. In ostasiatischen Religionen geht es eigenartigerweise nicht um den Besitz „der Wahrheit“. Die Macht der Gottes-Wort-Besitzer missachtet naturgegebenes Menschenrecht. Ihr Gott sei der das Menschenbild widerspiegelnde einzige Herr des Universums. So wie es sich hier anhört, steht es geschrieben. Sie schneiden Kleistkindern ihre Zeichen in den Leib. Später sind die ggf. als Abtrünnige lebenslang erkennbar. Ich bin für Abschaffung und Verbot aller auch christlicher Gelübde, Gelöbnisse u. dgl. bis zum 24 – sten Lebensjahr. Nach der Adoleszenz ist unsereiner erst voll urteilsfähig.
    Sollten Europäer später mal ein Brandzeichen „E“ bekommen? Menschen müssen liebesfähig und Mitmenschen verstehend aufwachsen, damit sie ihre Energien friedlich einsetzen können. Die Uniform direkt am Leib ist des Menschen nicht würdig. Religiosität sollte Sinn geben statt Vorschriften oder andere Überforderungen der Kinderseele, dann Glück zu!

  • @Hans-Martin:
    Danke für ihre Antwort. Ich kann ihrer Argumentation zum Teil folgen, möchte aber noch ein paar Anmerkungen zufügen. Schwangerschaftsabbruch möchte ich unterscheiden in a:) „Spätverhütung“ und b.) späte medizinische Indikation. Die letztere ist in ihrer Wirkung fast vergleichbar mit der Beschneidung und man mag sie sogar missbilligen. Ich hätte damit auch Probleme., kann aber gut reden, da ich gesunde Kinder und Enkel habe. Der Spätabbruch einer Schwangerschaft unterscheidet sich trotzdem noch durch einen kleinen, wichtigen Punkt von der Beschneidung. Es liegt eben eine medizinische Indikation vor. Religion ist keine medizinische Indikation.

    Bei den anderen von Ihnen genannten Fällen von Eingriff in die körperliche Unversehrtheit, handelt es sich immer um eine direkte Beziehung von Justiz/Gesetzgeber zur/zum Betroffenen und immer liegt eine medizinische Indikation vor. Beschneidung ist anders, da sie von Eltern über ein unmündiges Kind angeordnet oder zugelassen wird.

    Jede Ausnahme zum GG-Artikel 2 muss sehr gründlich abgewägt werden. Ich erinnere an den Fall Metzler/Daschner. Mich stört die Eilfertigkeit und scheinbare Willfährigkeit der Bundestagsabgeordneten. So schnell, wie diese Rettungsschirme für den Finanzmarkt spannen, so schnell versagen sie der Eichel ihren natürlichen Schutzschirm. Ich würde mir wünschen, dass alle Abgeordneten mindestens so viel über die Problematik nachdenken, wir wir es hier getan haben.

    Und da ich nicht verstehe, warum A.M. fürchtet, Deutschland könne ein Komikerland werden, zum Schluss ein Zitat meines Lieblingsjuden, Groucho Marx: „Ich habe eiserne Überzeugungen. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.“ (Danke theo, für die Erwähnung just in diesen Tagen: http://www.stefan-niggemeier.de/blog/immerhin-das-auto-muesste-sie-stehen-lassen/#comment-326097 )

  • @polyphem: es mag meine Minderheitsmeinung sein, aber ich vergleiche wirklich die Abtreibungsproblematik mit der Beschneidungssache. Beim Abtreibungsurteil wurde festgestellt, dass das Selbstbestimmungsrecht der werdenden Mutter abgewogen werden muss mit der Tatsache, dass da menschliches Leben entsteht.

    Es geht also um die Abwägung von Grundrechten und da hat sich das Bundesverfassungsgericht aus gutem Grund von dem Tretminenfeld irgendeiner Gesinnung zurückgezogen und ein pseudosalomonisches Urteil gefällt. Bei der Beschneidungsproblematik sind es andere, aber dennoch Tretminenfelder. Ich bezweifle, dass das Verfassungsgericht sich in eins der beiden Felder begibt und entweder sagt „Körperverletzung aus religiösen Motiven muss aufgrund Art 4 uneingeschränkt möglich sein“ oder „Aufgrund Artikel 2, Abs. 2 ist der Anspruch auf körperliche Unversehrtheit absolut festzustellen“. Letzteres vor allem nicht, weil Art 2. Abs 2 gesetzlich eingeschränkt werden kann, nicht so wie Art. 4. Das bedeutet, dass der Bundestag jederzeit ein Bundesgesetz erlassen kann, das Artikel 2, Abs. 2 einschränkt (z.B. Zwangsbehandlung von Triebtätern mit Psychopharmaka, aber eben auch die Erlaubnis von männlichen Beschneidungen im Rahmen der Religiösen Freiheit und der „Erziehungsfreiheit“ der Eltern …

  • Die Bschneidung ist unvertzichtbar fürs Judentum, wer gegen die Beschneidung ist, ist gegen das Judentum. Graumann hat klar und deutlich gesagt, was auf dem Spiel steht.

  • Beck-Messern wollen aber die Grünen. Und auch die Renate. (Auch bei fr-online)

    Die immer wieder berufenen positiven Effekte der Beschneidung im hygienischen und medizinischen Bereich halte ich übrigens für ein Musterbeispiel von Bedarfsethik.

    Und noch ein Lob auf die deutsche Sprache, die doch durch den Begriff „Beschneidung“ wunderbar ausdrückt, worum es wirklich geht. Es geht nicht nur um einen Eingriff am männlichen Geschlechtsteil aus Hygienegründen. Es soll dem jungen Erdenbürger sofort klar gemacht werden, dass er selbst im intimsten Bereich und in seiner Persönlichkeit „beschnitten“ wird.

  • @polyphem: Das mit Deinem Pseudonym ist natürlich ebenfalls Bedarfsethik – aber akzeptiert! 🙂 Unter wortistischen Gesichtpunkten ist „Bedarfsethik“ übrigens ein glänzender Fund, weit kreativer als „Schnittstorm“.

  • @Christian Dombrowski: Über Klarnamen hatte ich in diesem Falle sogar nachgedacht. Aber ich habe befürchtet, dass jemand anfragt: „Polyphem?“ Und da ich schon so viel Nonsens geschrieben habe… Tut mir Leid. Vielleicht in zwei Jahren, wenn ich dann in Rente sein werde.

    @Hans-Martin: Schwangerschaftsabbruch und Vorhautentfernung halte ich nicht für vergleichbar, außer bei dem vormaligen und beim zu erwartenden „Tourismus“ an Orte, wo entsprechende Eingriffe durchgeführt; aber vermutlich wird es solch ein rechtliches „Konstrukt“ geben, wie Sie es andeuten.

    So haben wir nun also wieder den klassische Konflikt zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Die Antwort der Politik auf solche Konflikte ist allerdings üblicherweise die „Bedarfsethik“. Es wird die Ethik dem Bedarf angepasst.

    Da sich ja mittlerweile auch unsere Kanzlerin geäußert und was von Komikerland gemurmelt hat und dass sie nicht will, dass Deutschland das einzige Land wird, in dem jüdisches (und muslimisches?) Leben nicht möglich ist, habe ich noch eine Frage:Gibt es wirklich auf diesem Globus keinen Staat, in dem Vorhautenfernung bei Neugeborenen als Straftat gilt?

  • Nein, eine „Circumcisio“ist kein kleiner Schnitt!
    Eine mühevolle Schweinerei, ein Krieg am kleinen Jungen.

    Immer wieder verursachen – auch schnitttechnisch kundige Chirurgen – Nachsorgeprobleme, Nachbluten, Narben, gestörte oder mangelnde Sensibilität an Eichel, Ecihelkranz und Ansatz der durch Vernarbung angewachsenen Penishaut… – mannestümliche Felhentwicklungen der Sexualität nach diesem Versuch.
    (Nicht nur angelesen; auch am einem Kinde miterlebt.

    Ein Schnibbelei-erlaubt-Gesetz wird scheitern.

    Ohne Missionierei ,, für die nächsten tausend, tausend Jahre (das ist wahrlich nicht A.H.; sondern Lessings Richter mit dem Ringspruch): „Weg-von-der-Vorhaut“!

    Vgl.: Heines Ballade „disputaion“ – mit dem Richtspruch über verhandelnde Christ und Juden, ausgesprochen von einer Lady:

    H.H.:
    „(…) Welcher Recht hat, weiß ich nicht –
    Doch es will mich schier bedünken,
    Daß der Rabbi und der Mönch,
    Daß sie alle beide stinken.“

  • Das Bundesverfassungsgericht wird sicherlich nicht die Grundrechte auf freie Religionsausübung (Artikel 4) und das auf körperliche Unversehrtheit (Artikel 2, Absatz 2) soweit gegeneinander aufwiegen, dass ein Verbot der Beschneidung von Jungen herauskommt. Und wenn, dann doch analog zur Abtreibung, die (nach einem dezenten Hinweis des Bundesverfassungsgerichts an den Gesetzgeber) zwar gesetzwidrig aber auch straffrei gestellt ist. Am Rande sei bemerkt, dass zwar Artikel 2, Absatz 2, nicht aber Artikel 4 durch (Bundes- ?)gesetz geregelt werden kann (nachlesen bildet) …

    Und warum? Wegen des Minderheitenschutzes. Ich möchte wirklich nicht in einer Gesellschaft leben, deren Mehrheit einfach mal so nach dem Motto „ich brauch das nicht, dann braucht ihr das gefälligst auch nicht“ Minderheiten jahrtausendealte religiös begründete Praktiken verbietet. Und bevor wieder irgendjemand diese Keule auspackt, Mädchenbeschneidung hat keine religiöse sondern nur sozialkulturelle Begründung. Und ich rede hier auch nicht aztekischen Menschenopfern das Wort.

    Ich bitte alle, die hier auf die Knabenbeschneidung draufhauen, zu bedenken, dass nach jüdischem Verständnis diese innerhalb von 8 Tagen nach der Geburt stattfinden sollte, damit das Kind überhaupt den Reinheitsstatus erhalten kann, um am kulturellen Leben seiner jüdischen Gemeinde teilhaben zu können. Wollen wir wirklich 67 Jahre nach Ende einer unsäglichen Periode die Juden aus unserer Gesellschaft erneut vertreiben? Abgesehen davon, dass ein wie auch immer geartetes Beschneidungsverbot unterhalb des Alters für Religionsmündigkeit (14 Jahre in D) nur zu einem Beschneidungstourismus analog zum Abtreibungstourismus früherer Jahre führen würde.

  • Du nennst deutsche Politiker „feige“, weil sie sich vorgeblich nicht trauen, für das Verbot von Beschneidungen zu plädieren, trägst aber Deine eigene diesbezügliche Meinung unter Pseudonym vor? Das ist ein Widerspruch, lieber Zyklop!

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