vonDetlef Guertler 03.09.2012

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Auch gestern Precht gesehen? Im ZDF, im Gespräch mit Gerald Hüther, in der Nachfolge von Reich-Ranicki und Sloterdijk? Decken wir über die Nachfolge-Frage gnädig den Mantel des Schweigens, und halten wir zum neuen Sende-Format nur kurz fest, dass die geradezu dramatische Licht- und Kameraführung zu einem Streit hervorragend passen würden, zu einer Debatte ganz leidlich, zu einer Plauderei hingegen gar nicht. Bleiben wir lieber bei jenem einen Wort, das Hirnforscher Hüther ins Gerede brachte: Potenzialentfaltungscoach. Was ein anderes, passenderes Wort für „Lehrer“ sei, weil es bei den lieben (selbstverständlich grundsätzlich hochbegabten) Kleinen ja eigentlich nicht mehr darum gehe, ihnen Wissen einzutrichtern, sondern ihre Potenziale zu erkennen und zur Entfaltung zu bringen.

Passenderweise ist Hüther auch gerade dabei, so steht es geschrieben, einen Masterlehrgang Potenzialentfaltungscoach zu entwickeln, der im kommenden Jahr an den Start gehen soll. Ist es nicht toll, dass uns die Hirnforscher jetzt endlich sagen können, wie Schule eigentlich wirklich sein sollte?

Äh, nein. Das konnten uns vor drei Jahren sogar schon Manager sagen:

„Die heute zur Verfügung stehenden Lernmittel, ob auf Papier, auf CD-Rom oder im Internet, sind um Klassen besser als alles, was ältere Generationen an Lernmitteln hatten. Für die Stoffvermittlung braucht man deshalb eigentlich keine Lehrer mehr, sondern allenfalls Coaches, die dabei helfen, das Lernen zu lernen.“ (Dieter Brandes)

Und Schüler:

„Ich brauche keinen Lehrer, der mir nur das erklärt, was ich auch im Buch finden könnte. Es gibt ganz viel, was man von Lehrern lernen kann; aber eben nicht das.“ (Leonie Gürtler)

Oder eben Ihr untertänigster Wortist damals in seinem Buch „Wir sind Elite“ (aus dem auch die übrigen Zitate hier sind):

„Es sieht ganz so aus, als würde auch für die Lehrer das gelten, was für viele Berufe in vielen Branchen gilt: In der Wissensgesellschaft wird alles ganz anders. Lehrer werden nicht verschwinden. Sie müssen sich nur ändern. Sie haben kein Monopol auf Wissensvermittlung mehr. Sie haben nur noch das Monopol auf jene gut zwei Dutzend Stunden pro Woche, die sie mit den Schülern in einem Klassenraum verbringen. Und dort müssen sie eben nicht mit „Empire Earth“ oder Wikipedia konkurrieren, sondern lehren, was man dort nicht lernen kann.“

Was wiederum den eigentlich dafür zuständigen Wissenschaftlern schon ein paar Jahre früher eingefallen ist – also nicht den Hirnforschern, sondern den Pädagogen. Zum Beispiel Peter Struck:

„Lehrer sind am effektivsten und halten länger durch, wenn sie sich von Be-Lehrern zu Lernberatern oder Coaches wandeln, so wie wir die Belehrungsschule zur Lernwerkstatt und die Schulklasse zur Lernfamilie wandeln müssen.“

So ganz genau weiß ich gerade nicht, wann Struck auf diese Erkenntnis gekommen ist. Aber es war nicht erst 2004, als er seine „15 Gebote des Lernens“ veröffentlichte (PDF), und wohl auch nicht erst 2001, als der PISA-Schock das Land erschütterte, sondern spätestens 1999, als sein Buch „Vom Pauker zum Coach – Die Lehrer der Zukunft“ erschien. (Gemeinsam verfasst mit Ingo Würtl, den ich für den eigentlichen Formulierer jenes progressiven Gedankenguts halte, und Struck eher für den Popularisator). Und auch damals wurde schon mit den neuesten Erkenntnissen der Hirnforschung argumentiert.

Sollte es tatsächlich im vergangenen Jahrzehnt neue, hier einschlägige Erkenntnisse der Hirnforschung gegeben haben, wäre es schön gewesen, wenn Hüther uns etwas davon verraten hätte. Ansonsten lässt sich immerhin konstatieren, dass die Um-Definition des Lehrerberufs dem Meinungs-Mainstream näher kommt.

Wobei die Avantgarde bereits einen Schritt weiter ist. Denn insbesondere Praktiker, ob Lehrer oder Eltern, weisen immer wieder darauf hin, dass Potenziale sich nicht einfach so entfalten wie die Flügel eines Schmetterlings. Sondern dass verflucht viel Arbeit dazu gehört; und damit auch der Wille und die Fähigkeit des Kindes, sich anzustrengen. Nicht nur seine Eltern, nicht nur seine Verwandtschaft, nicht nur seine Lehrer, Mentoren, Potenzialentfaltungscoaches – sich selbst muss anstrengen, wer etwas voranbringen will.

(Gilt übrigens nicht nur für Kinder, sondern auch für Philosophen und Hirnforscher)

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https://blogs.taz.de/wortistik/2012/09/03/potenzialentfaltungscoach/

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kommentare

  • ziemlich ähnliches hat M. Montessori schon 1907 gesagt: Das Selbstverständnis des Erwachsenen in der Montessori-Pädagogik ist das eines Helfers, der dem Kind den Weg zur Selbstständigkeit ebnet, gemäß Montessoris Leitwort „Hilf mir, es selbst zu tun“. (wiki) also neudeutsch „Coach“.

  • @Detlef Guertler,

    Doppel-„Seufz“.
    Im Rahmen einer Kommentarfunktion kann es mitnichten mein Anspruch sein: „dieses auch nur ansatzweise zu erläutern“; Zumal ich – in Differenz zu Ihnen – nicht für ’s (‘fundiertere’) Schreiben, Publizieren bezahlt werde und in meinem Leben ohnehin eher andere Ambitionen hege, Ansätze verfolge, als dem Rest der – wie Sie sehr treffend erweiternd anmerken – ‘Widerständler’, sprich: (Durch-) Konditionierten: „Eltern, Lehrer, Schüler“, ein Konzept verkaufen zu wollen, das jene, sofern es denn eines(!) gäbe, bereits im Diskussionsstadium infolge aller internalisierten ‘heiligen Kühe’ ablehnen, resp. nicht (ansatzweise) rezipieren (wollen) würden; Schließlich wären die-se Adressaten ja alle ‘mündige’ (, vom etablierten (Gesamt-)System (noch) profitierende) Staats-Bürger, die sich im Status quo offenbar sehr wohlwühlen, oder nicht? Bei Fragen von: „schuld sein“ (eine mir fremde (Denk-)Kategorie) wenden Sie sich bitte vertrauensvoll an andere.

  • @ion: Seufz.
    Wenn es etwas gibt, das die Hirnforschung den pädagogischen „Sandkastenspielen“ vergangener Jahrzehnte hinzufügen konnte, so haben es leider weder Hüther noch Sie fertig gebracht, dieses auch nur ansatzweise zu erläutern. Ich wäre weiterhin interessiert.
    Das mit der bornierten Kultusbürokratie hat sich nach meiner Erfahrung wie Empfindung durch den Pisa-Schock drastisch geändert. Es hat sich ein Reform-Fenster im deutschen Bildungswesen geöffnet, sicher nicht so groß wie das von 1807/08, durch das Humboldt schlüpfte, aber doch beachtlich. Derzeit scheitert „grundlegend reformierte Pädagogik“ deshalb mindestens so sehr an Eltern, Lehrern, Schülern oder Direktoren wie an der Kultusbürokratie. Oder sie scheitert eben NICHT.
    Auch Hüther hat ja offensichtlich seit Jahren ein Reform-Projekt in Thüringen am Laufen; oder doch eher, wie es mir von der Papierform her vorkommt, am Humpeln – die Gelegenheit, etwas darüber zu erzählen, hat er ja bei Precht nicht genutzt. Wenn das keine Kreise zieht (und zu der Schule, die eines meiner Kinder in Thüringen besucht, hat es jedenfalls noch keine Kreise gezogen), kann ja wohl nicht einfach der Kultusminister schuld sein.

  • „Ja“ – zu Ihrer vertraulich-konspirativen „auch?“-Intro-Frage; Und(!): „Aber offenbar im anderen Brain-Modus als Sie.“; respektive Sie als die: „wir“;
    Wer sich (dann) primär(!) über eine „geradezu dramatische Licht- u. Kameraführung“ auszulassen vermag – ohne dem: “Set & Setting” seine Bedeutung absprechen zu wollen – hat eigentlich bereits wieder alles Wesentliche des Anliegens (der Precht-tv-Sendung) erfolgreich unter den Teppich gekehrt. Bravo(?).
    Und „toll“-schlappe Verweise darauf, dass das:
    „Ist es nicht toll, dass uns die Hirnforscher jetzt endlich sagen können, wie Schule eigentlich wirklich sein sollte?“,
    (auch) schon andere (früher) ‘wussten’, sind insbesondere dann ein (weiteres) Ärgernis, wenn sogleich sehr opportunistisch, selektiv und eigennützig auf ein vom „wir“-Autor, vulgo: „Ihr untertänigster Wortist“ [sic!] verfasstes Büchlein: „“Wir sind Elite” (aus dem auch die übrigen Zitate hier sind): (….)“ hingewiesen wird, neben dem dann nur noch ein anderer Autor Platz zur Erwähnung findet: ein aus der (alt-)etablierten Pädagogik kommender Vielschreiber-Protagonist, von dem (durch diekten Buch-Kauf-Link) ein Werk beworben wird, das – so es denn überhaupt Beachtung fand – vor bereits über einem Jahrzehnt in etwa so:
    “Schule alt, Kinder neu”,
    [http://www.zeit.de/1999/49/199949.sl-struck_.xml],
    hinreichend (und abschließend) kommentiert worden war.

    Etwas sonderbar und müde mutet dann auch an, dass schlussendlich noch diffus eine „Avantgarde“ (, die hoffentlich nicht der Kaste der „Hirnforscher“ angehört?!) erwähnt wird, die „bereits einen Schritt weiter“ (ja(!): „wir“ trippeln linear) sei, indem sie Plättitüden zum Besten gäbe, aus denen der Blogautor ableitet:
    „Nicht nur seine Eltern, nicht nur seine Verwandtschaft, nicht nur seine Lehrer, Mentoren, Potenzialentfaltungscoaches – sich selbst muss anstrengen, wer etwas voranbringen will.
    (Gilt übrigens nicht nur für Kinder, sondern auch für Philosophen und Hirnforscher)“;

    Dass jeglichem Engagement um eine grundlegend reformierte Pädagogik (im Rahmen der staatlichen Schulpflicht) neben den ‘herrschenden’ Teilen der Gesellschaft ein absolut renitenter, bornierter Staatsapparat in Form von Länderhoheiten (Bildungshoheit der Kultusminister-ien) entgegensteht – wie es eben auch sehr trefflich und mit Geschichtsbezug in der Precht-Sendung erwähnt wurde – scheint den Blog-Autor u. „Wortwart der Nation“ nicht weiter zu jucken; es scheint wie eh und je zu gelten:
    „(….) – sich selbst muss anstrengen, wer etwas voranbringen will.“;
    Na dann: Alles war ‘gut’; „selbst“ weiterschlafen, Herr Guertler.
    Und falls Sie in Wachphasen gelegentlich noch auf der Suche nach dem Ihnen so Wichtigen: “Wer hat ’s erfunden‽” sein sollten: befassen Sie sich doch n.a. mal mit dem Œuvre eines Timothy (Francis) Leary und dessen Mitstreitern, die schon zu Zeiten Ihrer erstlichen Sandkistenspiele thematisch ‘R-Evolutionäres’ zu sagen ‘wussten’; Bereits vor Jahrzehnten antizipierten und diskutierten jene im (spekulativen) Wissen (u./o. Phantasieren?) um anstehende technologische Entwicklungen angemessene – im Gegensatz zu William „Bill“ Henry Gates III – Bedeutungs-Einschätzungen und die Auswirkungen, Potentiale jener (Technologien) in Bezug auf Gesellschaften und auch auf Schul-/Lern-Systeme.

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