vonDetlef Guertler 08.10.2012

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

Mehr über diesen Blog

Wenn man anderen einen Text zum Lesen empfehlen will, sagt man, er sei lesenswert.

Und wenn man anderen einen Text zum Streiten, Debattieren, sich damit Auseinandersetzen empfehlen will?

Es gibt da Worte wie „diskussionswürdig“ oder „debattierbar“. In ihnen steckt allerdings für mein Gefühl eine deutliche Distanzierung von der damit beschriebenen Aussage, These oder Aktion. Ein typisches Beispiel hier in der höflich verpackten Kritik eines deutsch-türkischen SPD-Politikers am Umgang mit dem Papstbesuch im Bundestag:

“Auch wenn der Papst nicht für Fortschritt und Offenheit steht, ist es trotzdem nicht unbedeutend, dass der Pontifex im Bundestag spricht. Ob man deshalb die ganze Plenarwoche verschieben musste, bleibt diskussionswürdig.“

Diese Sorte Diskussionswürdigkeit meine ich allerdings nicht, wenn ich den jüngsten Blogbeitrag von Christopher Lauer, Enfant Terrible der Piratenpartei, zum Streiten, Debattieren und sich damit Auseinandersetzen empfehle. In dem ganzen Wust aus Meinungsfetzen und Befindlichkeitssoße, die uns die Vortanzenden dieser Partei zumuten, wirkt „Warum ich den Scheiß mache“ wie die Nadel im Bällebad. Endlich einmal so etwas wie eine Festlegung, so etwas wie eine Standortbestimmung, so etwas wie ein über die eigene Komfortzone hinaus reichender Gedanke. Das ist nicht diskussionswürdig, das ist debattierwert.

Insbesondere eine Passage (orthographisch behutsam angepasst) hat es mir dabei angetan:

„Wir sind eine im besten Sinne sozialliberale Partei. Eine Partei, die ein positives Menschenbild vertritt: Nimm einem Menschen die Existenzangst und gib ihm die Möglichkeit sich frei zu entfalten, dann wird er sich zum Positiven entwickeln und etwas gesamtgesellschaftlich Sinnvolles tun.“

Das ist zwar nicht so sehr Menschenbild als vielmehr Gesellschaftsphilosophie, da das beschriebene menschliche Verhalten hier direkt in Bezug zur Gesellschaft gesetzt wird.

Und es ist auch nicht so sehr ein „Bild“, von dem man ja einfach sagen könnte, ob es die Realität stimmig abbildet oder nicht:
o stimmt
o stimmt nicht
o stimmt manchmal
sondern es ist eher ein politisches Programm, bei dem es vorrangig darum gehen soll, Existenz zu sichern und freie Entfaltung zu ermöglichen.

Es wird dabei wahrscheinlich herauskommen, dass es in erster Linie darum gehen müsste, wie dafür der politische Rahmen so gesetzt werden kann bzw. muss, dass tatsächlich eine positive Entwicklung für die Gesellschaft dabei herauskommt. Aber das schadet ja nichts, bzw. das ist eigentlich schon Teil der Auseinandersetzung, die es sich hier zu führen lohnt.

Ob es sich lohnt, sie mit Lauer zu führen, ist, ähem, diskussionswürdig: Er hat sich von seinem Ehrentitel sowohl den Enfant- als auch den Terrible-Teil redlich verdient. Aber es ist für die Karriere einer Idee bekanntlich ziemlich egal, ob sie mit oder ohne ihren Erzeuger debattiert wird.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/wortistik/2012/10/08/debattierwert/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Mein Einwurf war nicht so gemeint, dass C. Lauer aus Parteiprogrammen zitiert, sondern mehr allgemein. Somit steht Lauer natürlich, wie wir alle, vor dem Dilemma, das Karl Valentin am besten beschrieben hat: „Es wude schon Alles gesagt, aber noch nicht von Allen.“ Ja, ich hatte mir von den Piraten mehr erhofft. Vielleicht bin ich aber nur zu alt und reflektiere zu sehr eigenes früheres Ungestüm. Mit zwanzig konnte ich die Welt erklären. Mit 60+ beginne ich, sie zu verstehen.

    Zur Erinnerung: Vor zwanzig Jahren starb Willy Brandt. Als elitäres Arbeiterkind der Generation „Willy wählen“ und Spät-68er bin ich ja noch immer einer, der mit dem Herzen wählt und schlage vor, dass zusätzlich zum GBE auch noch allen Bürgern ein Potenzialentfaltungscoach beigestellt werden sollte.
    http://blogs.taz.de/wortistik/2012/09/03/potenzialentfaltungscoach/

  • Ich habe nicht die Vorstellung vertreten, dass alle Menschen »lebenskünstlern« (ein schönes Wort!). Ich habe allerdings die Befürchtung, dass der Anteil dieser Lebenskünstler zu hoch wäre.

    Die Frage »Was würden Sie und ich tun?« kommt in fast jeder Diskussion mit BGE-Befürwortern. Ich kenne niemanden, der auf diese Frage wirklich ehrlich antworten kann, weil es ja ein fiktiver Anreiz ist. Ich kenne zu viele Menschen, die auf falsche Anreize reagieren.

    Die Frage »Was würden Sie und ich tun?« stellt sich für mich erst, wenn mir BGE-Befürworter ein volkswirtschaftlich durchgerechnetes Modell der Finanzierung zeigen, das mich als Ingenieur überzeugt. Bisher habe ich kein solches Modell gesehen.

    Ich mache es mir niemals einfach und ich kenne mehr Ansätze, als Sie vielleicht vermuten. Ich habe nach der Wiedervereinigung etwa bis zur Abwahl Helmut Kohls die »taz« wirklich gern und oft gelesen. Es war die erste überregionale Zeitung, an die ich mich als Käufer am Kiosk lange gebunden habe. Da bleibt man von linken und individualistischen Ideen nicht unberührt 😉

  • Sie machen es sich weiterhin zu einfach, stefanolix. Ihre Vorstellung, dass bei einem BGE alle Menschen nur unproduktiv vor sich hin lebenskünstlern, trifft zwar im Fall Ponader ziemlich die Realität, würde aber doch sicherlich weder bei Ihnen noch bei mir zutreffen, oder?
    Vor gut elf Jahren habe ich in meinem allerersten Buch die (reichlich optimistische) Prognose abgegeben, dass wir im 21. Jahrhundert dahin kommen werden, dass wir am Arbeitsplatz nur noch das tun, was wir wollen – dass wir also, in Ihrer Terminologie, es mit einem individualistischen Ansatz auf der Einnahmenseite jedem Bürger ermöglichen, sein individuelles Glück zu finden.
    Sie müssen diesen Ansatz nicht teilen. Sie kennen ihn ja vermutlich auch noch nicht. Sie sollten allerdings respektieren, dass Sie nicht der erste sind, der über dieses Thema nachdenkt.

  • Selbstverständlich verfolgt Herr Lauer einen sehr individualistischen Ansatz. Herr Ponader ist ein Musterbeispiel dafür. Aber der individualistische Ansatz gilt nur für die Ausgabenseite. Die beiden Herren möchten es jedem Bürger ermöglichen, auf der Basis eines BGE ihr individuelles Glück zu finden. Bravo.

    Daneben gibt es aber noch eine finanzielle Seite und eine materielle Seite. Man muss das BGE finanzieren. Man darf aber dabei keinen bisher bestehenden Anspruch auf Rente oder andere Sozialleistungen verletzen, der über das BGE hinausgeht. Das heißt: Es muss so viel Geld erschaffen oder durch Steuern eingetrieben werden, dass man ein BGE und sämtliche darüber hinaus gehenden Ansprüche finanzieren kann.

    Meinen Sie wirklich, dass das ohne kollektivistischen Zwang möglich ist?

    Selbst wenn wir für einen Augenblick annehmen, dass das Geld vorhanden wäre (was es nicht ist!): Dann müsste man sich dafür auch noch etwas kaufen können. Von den Leistungen der elementaren Daseinsvorsorge (Wasser, Strom, Fernwärme, Datennetze, Entsorgung) ganz zu schweigen …

    Das BGE ist eine Illusion, die man innerhalb Deutschlands nicht verwirklichen kann. Eine Ausbeutung der Arbeitskräfte in anderen Ländern bzw. aus anderen Ländern sollten wir aus ethischen Gründen ausschließen.

  • @stefanolix: Viel weiter kann man gar mit so wenigen Worten gar nicht neben der Spur liegen. Den extrem individualistischen Ansatz Lauers und den extrem kollektivistischen Ansatz der SED trennen nicht Worte, sondern Welten. Was zum Beispiel die „10 Gebote der sozialistischen Moral und Ethik“ deutlich machen, die von 1963 bis 1976 Bestandteil des SED-Programms waren.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Zehn_Gebote_der_sozialistischen_Moral_und_Ethik

  • Was „debattierenswert“ angeht, stimme ich gerne zu, werter Zyklop, was die Lauer-Einschätzung angeht, nicht. Er hat manchmal ausgesprochen lichte Momente (und oft das genaue Gegenteil), und das was er „positives Menschenbild“ nennt, steht so zumindest bislang in keinem Parteiprogramm.

  • Neu sind diese schrägen (will sagen – kursiv gestellten) Sätze aber nicht. Die sind schon so oft benutzt, dass es nicht mal mehr möglich ist, die Quellen zu finden. Glück gehabt, dann gibt´s auch keinen Ärger mit dem Urheberrecht.

    Und obwohl mein FireFox meckert, fände ich debattiernswert (abgeleitet von lesenswert) besser.

    Am Rande: Wie wäre eine „im schlechten Sinne“ sozialliberale Partei? Ich finde, Lauer merkelt und drischt Phrasen wie ein Politiker. Hätte Rudi Dutschke mit Christopher Lauer debattieren können?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.