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vonDetlef Guertler 02.03.2013

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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„Der deutschen Sprache geht es gut.“

Falls Sie meinen, sich gerade verlesen zu haben, noch einmal langsam und deutlich:

Der. Deutschen. Sprache. Geht. Es. Gut.

Und nicht nur gut:

„Goethe war gut, aber wir sind besser.“

konstatiert WELT-Autor Matthias Heine in der heutigen Ausgabe. Die deutsche Sprache sei insgesamt „goethesker“ als zu Goethes Zeiten – gemessen an ihrer Vielfalt:

„3,715 Millionen deutsche Wörter zählte ein Team um Wolfgang Klein von der Akademie der Wissenschaften Berlin-Brandenburg in ausgewählten Texten einer so genannten „Zeitscheibe“ von 1905-1914. Für die Jahre von 1948-1957 kam man auf 5,045 Millionen. Und im Zeitraum von 1995-2004 wuchs der Wortschatz auf computergezählte 5,328 Millionen an. Von einer „Verarmung“ der Sprache, wie sie eine populäre Sprachkritik gerne beklagt, kann also keine Rede sein.“

Nun wollen wir nicht darüber streiten, wie sehr die Goetheszenz des Deutschen durch die Vielfalt des Wortschatzes geprägt wird; aber doch zumindest darauf verweisen, dass es keinerlei Grund zur Sprachnörglerei gibt.

Nicht einmal, was die vermeintliche Überschwemmung des Deutschen mit Anglizismen angeht. Da schimpfen Grobmotoriker wie Heinz-Günther Schmitz zwar darüber, dass neu im Wortschatz auftauchende Wörter „schon zu rund 60 % aus dem Angloamerikanischen entlehnt“ seien, und ein verbohrter Faktenignorant wie Walter Krämer behauptet ebenso dreist wie falsch, dass 23 der 100 häufigsten Begriffe im Deutschen aus dem Englischen kämen; aber tatsächlich ist in deutschen Texten im Schnitt nur jedes 260. Wort ein Anglizismus. Sagt der jetzt präsentierte „erste Bericht zur Lage der deutschen Sprache“, erarbeitet von der Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften und von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 0,38 Prozent Anglizismendichte! Noch einmal halb so groß, etwa 0,2 Prozent, ist die absolute Zahl englischer Wörter im deutschen Wortschatz – so zumindest das Ergebnis, wenn man 11.000 registrierte Anglizismen durch die Gesamtzahl von 5,3 Millionen Wörtern teilt.

Können wir also jetzt bei der Diskussion über die deutsche Sprache von grotesker Brachialität zu goethesker Eleganz übergehen?

Hallo, Herr Krämer! Ja, Sie sind gemeint! Und Ihre Sprachnörgler-Kollegen natürlich auch! Ach, Sie haben wieder mal nicht zugehört? Okay, ich wiederhole die Frage noch einmal: Können wir bitte bei der Diskussion über die deutsche Sprache von grotesker Brachialität zu goethesker Eleganz übergehen? Ja??

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kommentare

  • Zur Ästhetik hat er sich kritischer geäußert, als es die nachfolgenden Theoretiker gerne reflektiert und/oder vermittelt hätte.
    „Ich muß über die Ästhetiker lachen […], welche sich abquälen, dasjenige Unaussprechliche, wofür wir den Ausdruck schön gebrauchen, durch einige abstrakte Worte in einen Begriff zu bringen. Das Schöne ist ein Urphänomen, das zwar nie selber zur Erscheinung kommt, dessen Abglanz aber in tausend verschiedenen Äußerungen des schaffenden Geistes sichtbar wird und so mannigfaltig und so verschiedenartig ist als die Natur selber.“ (Im Gespräch mit Eckermann, am 18.4.1827)

    Ich kann keinen derzeitig lebenden, tätigen, publizierenden Sprachkritiker oder Literaturwissenschaftler solcher Provenienz erkennen. Sie scheitern schon zumeist an folgendem Goetheschen Maßstab:
    „Da ich zwar kein Widerchrist, kein Unchrist, aber doch ein dezidierter Nichtchrist…“ (An Lavater, 1782. Artemis-Gedenkausgabe 1948ff., 18,680)

    Zuhauf: Viele angebliche Sprachwissenschaft ist elaboratesk; sie schieben Spezifisches, irr-gendwo gesammelte, in der Existenz zufällige Corpora oder Wortbestandteile hin und her. Irr-gendwie gescheit klingt es schon. Und Verlaufskurven in Diagrammen blitzen vor den Augen von Narren auf.
    Eine literaturgeschichtliche Konsistenz vermeiden sie partout.

    Goethe war geneigt aus oder in Partikularitäten Gescheites zu vermuten:
    „Doch fällt mir ein, dass auch manchmal etwas Anmutiges aus solchem Bestreben nach Partikularitäten entspringen kann.“ (JWG an Zelter, 27.3.1830)
    Doch genau zu lesen: „manchmal“(ein Zufälligkeits-Adverb) und das Modalverb „kann“.

    Literatur war zu Anfang und zumeist Stoff fürs Lesen (und Leben), auch Stoffgebiet für literaturwissenschaftlich gebildete Sprachler.
    In nicht mehr goetheischen Zeiten der Internet-Stoff- und Corporahubereien zeigen die googelnden oder gackelnden Netz-Magi(er) (die alten biblischen und die neuen internetaffinen μάγοι), was ihnen in der Literaturwelt zu deutelnden beliebt: Es sind Zufalltreffer, die der Kontrolle oder der Kritik der literative Profis oder Literatorenbedürfen.

    Ja,, noch mal Goethe: „Viele … sind geistreich genug und voller Kenntnisse, allein sie sind zugleich voller Eitelkeit, und um sich von der kurzsichtigen Masse als witzige Köpfe bewundern zu lassen, haben sie keine Scham und Scheu und ist ihnen nichts heilig.“ – Wen meinte Goethe: Literatoren? Sprachler, Sprachwissenschaftler? (Ich werde das Zitat recherchieren und verifizieren müssen…)

    P.S.:
    Die viel gescholtenen Sprachnörgler: Wer sie sind, weiß keiner genau. Goethe wusste einen Begriff, der genauer und noch heute brauchbar ist, den der Sprachreiniger:
    JWG wusste, „daß es eigentlich geistlose Menschen sind, welche auf die Sprachreinigung mit so“ großen Eiern [pardon:] „so großem Eifer dringen: denn da sie den Wert eines Ausdrucks nicht zu schätzen wissen, so finden sie gar leicht ein Surrogat, welches ihnen ebenso bedeutend scheint, und in Absicht auf Urteil haben sie doch etwa zu erwähnen und an den vorzüglichen Schriftstellern etwas auszusetzen, wie es Halbkenner vor gebildeten Kunstwerken zu tun pflegen, die irgendeine Verzeichnung, einen Fehler der Perspektive mit Recht oder Unrecht rügen, ob sie gleich von den Verdiensten des Werkes nicht das Geringste anzugeben wissen. (An F. W. Riemer am 30.6.1813)

    Wer die heutigen Sprachreiniger sind?
    N-Wort-Jäger in Kinderbüchern,
    Rassismus-„Rassismus“-Prediger,
    Sprachbastler für Angliszismen.

    Beider Geschwätz über Sprachverfall oder Sprach-Rassismus braucht man nicht zu multiplizieren oder hektografieren (pardon: hektisch zu grafien).

    [Vorsicht: Ein Tag auf Goethes Spuren III]

    Goethe und poetische Nachfolger wissen um Armut und Reichtum der deutschen Sprache.
    „Durch Worte sprechen wir weder die Gegenstände noch uns selbst völlig aus. Durch die Sprache entsteht gleichsam eine neue Welt, die aus Notwendigem und Zufälligem besteht.
    Verba valent sicut nummi. [Worte haben Wert wie Geld.] Aber es ist ein Unterschied unter dem Gelde. Es gibt goldne, silberne, kupferne Münzen und auch Papiergeld. In den erstern ist mehr oder weniger Realität, in dem letzten nur Konvention.
    Im gemeinen Leben kommen wir mit der Sprache notdürftig fort, weil wir nur oberflächliche Verhältnisse bezeichnen. Sobald von tiefern Verhältnissen die Rede ist, tritt sogleich eine andre Sprache ein, die poetische.“ (Aus: “Wert und Ehre Deutscher Sprache“)

    [Vorsicht: Ein Tag auf Goethes Spuren IV]

    Lesen, arbeiten … und sich nicht hetzen lassen von Illiteraten.

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