Textbausteinbruch

„Deshalb sind die Versuche, dieses Blog als Textbausteinbruch von Anders Breivik zu diffamieren, m.E. gescheitert“,

schreibt Tobias Kaufmann heute auf der „Achse des Guten“. Diesem Satz hätte ich bis vor kurzem noch zustimmen können. Eine selbstorganisierte Autoren-Webseite mit starken Meinungen, in der Wahl der Worte und Waffen nie zimperlich, manchmal ärgerlich, manchmal verzichtbar, meistens ein Gewinn, und in jedem Fall meilenweit entfernt von der ressentiment-geladenen Dumpfheit von Seiten wie „Politically Incorrect“ (nein, kein Link). Einige der Teilnehmer der „Achse des Guten“ kenne ich persönlich. Ich schätze sie allesamt sehr. Einige weitere Autoren dieser Webseite lese ich mehr oder weniger gerne – weil sie mich anregen, oder auch aufregen. Nicht alles gut, aber alles im grünen Bereich.

Und dann kam Akif Pirincci mit einem Doppelschlag (1, 2), und nichts ist mehr gut. Denn diese Beiträge auf der Achse des Guten (die in etwa prophezeien, dass schon bald alle Deutschen von moslemischen Mörderbanden umgebracht werden) haben mich nur zu sehr an jene Nacht Ende Juli 2011 erinnert, als ich mir das 1500-Seiten-Machwerk reingezogen habe, mit dem Anders Breivik seine Terroranschläge von Oslo und Utoya rechtfertigen wollte. Die Moslems überrennen Europa, sie wollen uns alle umbringen, die linken Softies und Multikultis stecken mit ihnen unter einer Decke oder lassen das zu, weil sie zu schwach sind, sich zu wehren. Niemals wieder habe ich seither einen Text gelesen, der in Wortwahl und Argumentation dem Breivik-Pamphlet so nahe kam wie diese zwei Beiträge von Akif Pirincci. Breiviks Konsequenz daraus war: Die Linken und vor allem deren Kinder umbringen, damit die vor lauter Angst ums eigene Leben sich eines besseren besinnen. DIESE Konsequenz hat Pirincci nicht. Noch nicht.

Wer sich von solchen Texten nicht distanziert, sondern sie auf seiner Webseite veröffentlicht, darf sich in Zukunft nicht mehr darüber wundern, wenn er der geistigen Nähe zu Rechtsterroristen beschuldigt wird. Das ist dann nämlich keine Diffamierung mehr, sondern nichts als die Wahrheit. Der oben zitierte Text von Tobias Kaufmann markiert hoffentlich den Anfang einer Selbst-Bestimmung der Achgut-Autoren, um Kriterien dafür festzulegen, was auf ihrer Seite geht, und was nicht. Wenn nicht, war’s das eben mit der Achse des Guten.

(Dank an Jochen Grabler, dessen Beitrag dafür gesorgt hat, dass Pirincci sich nicht einfach versendet hat.)

Nachtrag, 8.4.13, 15 Uhr: Erst nach der Veröffentlichung dieses Beitrags habe ich gesehen, dass vor Tobias Kaufmann bereits ein anderer der Achgut-Autoren zu den Pirincci-Texten Stellung bezogen hat, nämlich Henryk M. Broder. Da es sich m.W. bei Broder um einen der Gründer dieser Webseite handelt, muss ich davon ausgehen, dass es sich dabei um eine Art offizieller Stellungnahme der Achgut-Betreiber handelt. Diese sehr kurze Stellungnahme (zieht man die reichlich unnötige Polenz-Polemik mal ab) heißt sinngemäß:

Uns doch egal, ob das stimmt, was der Pirincci schreibt. Wir lassen ihn hier sowieso nicht für die Fakten, sondern für die Wutausbrüche schreiben. Und das soll er ruhig so weiter machen.

Nein, soll er nicht. Sollten die Betreiber der Achse des Guten tatsächlich bei dieser Position bleiben, würde ich jedem der dort publizierenden Autoren raten, nicht mehr weiter für eine Seite zu schreiben, die sich derart mit dem Rechtsterrorismus gemein macht.

Nachtrag, 10.4., 17 Uhr: „Anstatt einer Entschuldigung“ nennt Pirincci seine Antwort auf die doch etwas heftiger gewordene Kritik. Ich würde sie ja nach erster Lektüre eher „Entschuldigung“ nennen – aber dieses Wort zu verwenden ist halt schwierig, wenn man sich erstmal eingegraben hat.

Kommentare (14)

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  1. Der für mich zentrale Punkt, der aus diesem in der Tat eher weinerlichen Text eine Entschuldigung macht, ist die Aussage: „Ich habe zwar Völkermord geschrieben, aber nicht gemeint.“ Oder in Pirinccis eigenen Worten: „Da ich mich in der Evolutionsbiologie ziemlich gut auskenne, erschien mir die Metapher eines Genozids logisch.“ Das ist zwar durch und durch Quatsch: Genozid ist ein Wort, das nirgends anders als in der Bedeutung „Völkermord“ verwendet wird, ja, es ist 1943 genau dafür geprägt worden, um einen Begriff für „Völkermord“ zu haben. Nur völlig merkbefreite Menschen können „Genozid“ schreiben, ohne damit „Völkermord“ zu meinen. Aber bei Würdigung aller Umstände halte ich Merkbefreiung bei Pirincci in der Tat für wahrscheinlicher als Rechtsterrorismus.

  2. Ich würde zustimmen – „Anstatt einer Entschuldigung“ ist wohl eher eine Entschuldigung.
    Allerdings eine ziemlich weinerliche wie ich finde. Nachdem er derart vor allem gegen Grabler ausgeteilt hatte, der ja eigentlich recht sachlich im Ton geblieben war (den Goebbels-Vergleich hätte er auch lassen können m.E.) „ich werde geschlachtet“ zu rufen… ich weiß nicht.

  3. Es wäre erstaunlich, lieber Zyklop, wenn der Stil und die Inhalte der Kommentarspalten noch übler geworden sein sollten. Denn wie stellte doch das Qualitätsmedium „Der Postillon“ bereits im vergangenen September fest: „Der gesamte Internetauftritt der Tageszeitung Die Welt und insbesondere dessen Kommentarfunktion sind in Wirklichkeit ein Trick, um arrogante rechte Arschlöcher vom restlichen Internet wegzulocken.“
    http://www.der-postillon.com/2012/09/welt-online-in-wahrheit-trick-um-rechte.html

  4. Ach ja, zum Thema. Vielleicht könnte Akif Pirincci mal was über die NSU- Terrorgruppe schreiben. Da bekämen seine Thesen doch gleich mehr Gewicht.

  5. Frage an alle Wohlmeinenden: Bin ich nur so empfindlich geworden oder haben wirklich übler Stil und üble Inhalte in Kommentarspalten von Internet-Medien (Zeitungen, Blogs usw.) in den letzten Monaten gravierend zugenommen? Und wenn das so ist, liegt es vielleicht an der für Deutschland bedrohlich scheinenden Weltlage? Sind das alles Angstbeißer, die da rum pöbeln? Ist scheinbare oder offensichtliche Bedrohung vielleicht schlimmer als eine Katastrophe?

    P.S.: Im NDR-Fernsehen wurde gestern eine Dokumentation über Beate Zschäppe gezeigt. Da kamen auch Frauen und Männer aus ihrem persönlichen Umfeld zu Wort, die natürlich alle nichts gewusst haben und jetzt auch alles gar nicht glauben können. So what. Aber was in O-Ton und nachgesprochen aus diesem Umfeld zu hören war, lässt schaudern.

  6. @Medley: Ich schrieb oben: „Niemals wieder habe ich seither einen Text gelesen, der in Wortwahl und Argumentation dem Breivik-Pamphlet so nahe kam wie diese zwei Beiträge von Akif Pirincci.“ Ich nenne das „sich mit dem Rechtsterrorismus gemein machen“. Sie können das gerne anders bewerten. Aber dann bitte sachlich, und nicht mit Amoklauf und Doppelmoralterror um sich werfend.

  7. Broders Beitrag fängt soso an: „Falls Sie wisssen möchten.“ – Welche „s“ oder „ss“ oder „sss“ ich da rauslesen soll – ich sehe oder rieche da einen Freudschen Versprecher. Keinen Vers-Sprecher
    Broders Rechte hat auf der linken Seite der Tastatur durchgeschlagen, wohl mit dem kleinen Finger.
    Er wissen tun alles Rechte. Nur keine VerAntwortung für sein Getue. – Aber man sollte iihn ignorieren (können).

  8. „…Rechtsterrorismus gemein macht“? Welche „rechtsterroristischen“ Taten hat denn der Herr Pirincci begangen bzw. propagiert? Mein lieber Jolly. Geht’s eigentlich noch? Sich über ander Leute Prolemik und Unsachlichkeit beschweren, diesbezüglich aber (selbst)keinen Deut besser sein. Toll. Wirklich „vorbildlich“ und „sehr hilfreich“. So eine Art von selbstgerechten „Doppelmoralterror“, den sie hier amoklaufend praktizieren, den haben wir wirklich „dringend gebraucht“, Herr Gürtler. Oh Mann, oh Mann, o Mann, oh Mannomann.

  9. Bei Yücel muss man mMn unterscheiden, ob er journalistisch (ööh – sachlich) oder kolumnistisch (satirisch) schreibt.

    Ich denke mal, der Vorwurf „sachlich“ lässt ihn ungekränkt.
    Er weiß auch weiches Holz zu spalten.

    (Wollte gerade den Link setzen.Aber der ist schon da. Schön.
    Wäre mir eine Herzensangelegenheit gewesen.)

  10. Auf der Achse des Guten hingegen blieb es Katharina Szabo vorbehalten, Pirinccis Dünnschiss mit George Orwells „Animal Farm“ zu vergleichen:
    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/belege_bitte
    Da muss man erstmal drauf kommen…

  11. Ich mag ja sonst das, was Deniz Yücel schreibt, ü-ber-haupt nicht. Komischerweise ging mir das bei seinem Kommentar zur Causa Pirincci
    http://www.taz.de/!114204/
    komplett anders. Während Yücel sonst oft geradezu krampfhaft eine Argumentation so lange weiter und weiter und weiter dreht, bis mit ihr das passiert, was mit einer Uhrfeder bei gleicher Behandlung passiert, ist er hier, nun ja, (wie soll ich das sagen, ohne ihn zu kränken?): sachlich. (Okay so?)
    „Herr Pirinçci: In die Pfanne gehauen haben Sie sich selber. Kein Bedarf mehr. Und tschüss.“ endet Yücels Beitrag. So als wäre Pirincci tatsächlich kein Proto-Terrorist, sondern nur ein armer, nach Aufmerksamkeit heischender Irrer („mit einer Aufgeregtheit …, die man sonst nur von Praktikanten vor ihrer ersten Veröffentlichung im Lokalteil kennt). Hoffentlich hat er damit recht.

  12. Ihr Pflichtbewusstsein zur Bürgerinformation in allen Ehren, Herr Guertler. Allerdings gibt es in diesem Land nicht wenige Menschen, die sich darüber wundern, weshalb der Wille zur Information vieler Journalisten immer genau dann erlahmt bzw. ins ungenaue abdriftet, wenn es denn Nachrichten zu vermelden gäbe, die ganz offensichtlich seitens der Politik oder in den Journalistenstuben nicht so gern gehört werden.

    Und man es vielmehr dem mündigen Bürger überlassen würde, diese Informationen zu bewerten und sich mittels dieser ein entsprechendes Urteil zu bilden. Also, Herr Guertler, nur Mut! Beim nächsten Fall, ähnlich dem des Daniel S. aus Kirchweyhe, kann ihre Zunft beweisen, daß der Vorwurf, man müsste ihre Zunft quasi zum Jagen tragen, eine böswillige Unterstellung ist.

  13. Jepp. Wenn jemand mit Breivik’schem Vokabular und ebensolcher Argumentation durch die Gegend schäumt, halte ich es in der Tat für meine Pflicht, die Bevölkerung darüber zu informieren. Und all jenen, die mit diesem Jemand auf der gleichen Webseite schreiben, den guten Ratschlag zu geben, entweder diesen Jemand rauszuwerfen bzw. zu sanktionieren oder sich selbst von dieser Seite zu verabschieden.
    Bei den bisher, wenn ich’s recht gezählt habe, insgesamt 16 Wortistik-Posts, die auf einen Achgut-Text verlinkt haben, ging es jeweils um sachliche Auseinandersetzung oder gar Lob (hier z.B.: http://blogs.taz.de/wortistik/2007/05/30/puddingpaedagogen/ )

  14. Geht es auch eine Nummer kleiner, Herr Guertler? Die TAZ, wie auch viele der sog. „Mainstream-Medien“, schafft es nicht einmal die Bevölkerung anständig und umfassend über die Vorgänge hierzulande zu informieren.

    Aber anderen gute „Ratschläge“ geben, das geht immer. Wenn der „Wortwart“ nun auch noch Ratschläge gibt, dann haben wir es wohl mit einer klassischen Kompetenzüberschreitung zu tun.