vonDetlef Guertler 06.01.2014

Wortistik

Neue Zeiten brauchen neue Wörter. Doch wer trennt die Spreu vom Weizen? Detlef Gürtler betätigt sich als Wortwart der Nation.

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Die Republik scheint es ja schwer umzutreiben, ob ein Vizekanzler es sich leisten darf, einmal die Woche seine Tochter von der Kita abzuholen. Die größte Meinungs-Spannweite unter den klassischen Medien zeigt dabei die Welt. Ein krachendes Nein von Dorothea Siems:

Wer eine Ausnahme-Karriere anstrebt, ob nun in der Politik, in der Wirtschaft oder beim Profisport, sollte wissen, dass dies nur mit 100 Prozent Einsatz funktioniert.

Und ein flammendes Ja von Miriam Hollstein:

Wie können wir uns über Spitzenpolitiker beschweren, die angeblich vom „normalen“ Leben keine Ahnung mehr haben, und uns empören, wenn einer von ihnen auch ein solches für sich einfordert? Ist es nicht paradox, zu glauben, weil einer privat Verantwortung übernimmt, könne er dazu politisch nicht mehr – oder nur noch eingeschränkt – in der Lage sein?

Wobei Hollstein, fast beiläufig, erwähnt, dass Gabriel das mit der Kita schon länger mittwochs praktiziert. Er nenne das „Marie-Tage“. Was ich für einen wunderbaren Begriff halte, um auch über Vizekanzler-Haushalte und individuelle Marie-Kinder hinaus über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu reden. Weil er sofort klar macht, dass es hier nicht in erster Linie darum geht, irgendwelche Vater- oder Mutterrollen zu erfüllen, sondern für Kinder da zu sein. Das wollen, und sollen, Väter wie Mütter gleichermaßen, und es kollidiert weit weniger mit überkommenen Geschlechterbildern als beispielsweise Begriffe wie „Erziehungsurlaub“ oder „Herdprämie“.

Solche Marie-Tage lassen sich sicherlich mit vielen Arbeitgebern vereinbaren, sie könnten auch geradezu von den Gewerkschaften in Tarifverhandlungen eingebracht werden – als griffige Übersetzung für „genderneutrale Arbeitszeitflexibilisierung in der frühen Familienphase“. Na, wie wärs?

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