vonzeichen-gewitter 14.04.2019

Zeichen-Gewitter

Filmjournalist Sebastian Milpetz bloggt privat über Medien, Kultur, Alltag und alles, was sonst noch raus muss | Foto: Joe Yates/Unsplash

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In Jonah Hills Regiedebüt „Mid90s“ gibt es eine schöne Szene, in der Protagonist Stevie in das verbotene Zimmer seines älteren Bruders schleicht. Wir befinden uns, der Titel sagt es, in den mittleren 1990er-Jahre, Hip Hop ist im weißen Mittelstand angekommen. So bewundert der 13-Jährige Stevie nicht nur die coolen Klamotten seines Bruders, sondern auch die bunten Rap-CDs im Regal. Ohne in billiger Nostalgie zu baden teilt die Inszenierung von Jonah Hill die Faszination seines Helden. Schließlich könnte Stevie das Alter Ego von Jonah Hill (*1983) sein, das Geburtsdatum passt.

Wird „Mid90“ für die CD das, was 2000 „Almost Famous“  und „High Fidelity“ für die Schallplatte waren? Jedenfalls hätte die CD ein Revival verdient. Schließlich ist kein Trägermedium derzeit so uncool wie die Silberscheibe. Aber nicht so uncool, dass sie schon wieder cool ist wie die Kassette. Sondern nur uncool. Jüngeren Generationen ist sie angesichts von Streaming nicht vermittelbar, Ältere greifen nostalgiebesoffen und statusbewusst (dazu später mehr) zum Vinyl.

Die Silberscheibe ist viel zu empfindlich und unhaptisch, im kulturellen Gedächtnis abgespeichert als seelenloses Yuppie-Spielzeug. Sie hat noch nicht die mythische, nostalgiegetränkte Aura angenommen, die Vinyl besitzt. Auch wenn sich das gerade ändern könnte, siehe „Mid90“.

Ich persönlich komme als 1982-Jahrgang auch aus der Generation von Jonah Hill und seinem Stevie. Auch ich wurde mit CDs sozialisiert, als ich mit 11 Jahren begann, mich für aktuelle Musik zu interessieren war die CD die ganz natürliche Wahl. Aufgewachsen bin ich aber mit Platten, ich kann mich noch gut daran erinnern, wie die CD in den Plattenläden und Kaufhäusern immer mehr Platz einnahm und die gute alte Schallplatte verdrängte – und ich das als Verlust wahrnahm. Dennoch habe ich, anders als viele andere, die mit Vinyl aufgewachsen sind, keine ödipale Bindung an das Medium. Ich streame, besitze Platten und CDs, woher meine Musik kommt ist mir letztlich egal, aber nur fast. Die CD bleibt meine Nummer eins, trotz oder gerade weil sie so uncool ist.

Dritter Weg zwischen Streamingbeliebigkeit und Vinylfetischismus 

Mit der Präferenz für die CD scheine ich alleine da zustehen. Nach über dreißig Jahren Dominanz als Musikmedium hat die Compact Disc 2018 erstmals weniger Geld umgesetzt als das Streaming. Spotify und Vinyl (auch wenn die Verkaufszahlen von Schallplatten nach einem ersten Boom wieder zurückgehen) bilden eine sich ergänzende Doppelspitze, die die gute alte, unglamouröse CD verdrängen. Ich streame natürlich auch, für Menschen mit breitem Musikgeschmack ist Spotify natürlich ein Geschenk. Aber wie so vieles, sind auch Streamingdienste Segen und Fluch zugleich. Man kann durch  tausende Genres und die gesamte Musikgeschichte switchen, bleibt aber tendenziell an der Oberfläche. Wie oft ist es mir passiert, dass ich in einen Song oder ein Album gezappt habe, das mich getriggert hat und das ich mir zum Wiederhören abgespeichert habe – und nie mehr angehört habe.

Wenn ich hingegen einen Tonträger kaufe, höre ich schon aus ökonomischen Gründen (Kosten-Nutzen) öfter rein, auch wenn beim ersten Mal nichts hängen bleibt, was einen Wiederspielreiz auslösen könnte. Alben, die Spotify nicht im Sortiment hat (ja, das gibt es auch) und über die ich irgendwo lese oder in einer Bestenliste finde, üben eine besondere Faszination aus, die muss ich unbedingt haben. Dann kaufe ich sie mir. Und zwar auf CD.

Warum nicht, wie die Hipster, auf Platte? Weil die Platte eben mittlerweile ihren unschuldigen, so-uncool-das-sie-wieder-cool-ist-Charme verloren hat, den sie noch Ende der 90er hatte. Sie ist mittlerweile mehr denn je Statussymbol, soziale Distinktionsmaschine und sogar Wertanlage, Teil des Achtsamkeitsgewichses des Großstadthipsters.

Ich bleibe bei der CD, die so out und unhip ist, dass sie schon wieder cool hoch zwei ist.

 

 

 

 

 

 

 

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kommentare

  • Ich bleibe auch bei der CD.
    Streaming spricht mich gar nicht an. Ich bezahle Geld, um alles hören zu können was ich möchte. Aber tatsächlich kaufe ich die Musik nicht. Keiner Erinnerungen in vielen Jahren, an meinem ersten gekauften Album. Absolut Seelenlos.

    MP3 kaufe ich mir auch nicht bzw. nur, wenn es die Musik ausschließlich als MP3 gibt. Finde ich auch Seelenlos. Alles als Datei irgendwo auf dem Rechner. Aber nie im Musikregal.

    Platten unterstütze ich nicht. Es ist mittlerweile ein bestimmtes Schema auf dem Markt entstanden. Geringe Auflage bzw. nur Erstauflage. Entsprechend hohe Preise und wenn vergriffen in Gebrauchtzustand um ein Vielfaches teurer. Zudem ist die Musik auch nicht mehr ganz so analog wie noch damals, als die Platte das Medium war und die CD noch nicht existent. Es mag sein, dass die Platte genauso funktioniert wie damals. Allerdings sind die Master dafür auch mittlerweile aus einer Digitalquelle.
    Zudem stört mich einfach das Knacksen. Ich mag es einfach nicht.
    Ein weiterer Grund ist das ein Album nicht am Stück gehört werden kann, wie bei einer CD. Je mehr auf einer Seite einer Platte gepresst wird, desto schlechter die Ton-Qualität. Je weniger auf einer Seite, desto öfter muss man aufstehen und Platte wechseln bzw. umdrehen.
    Ich hab in einem Geschäft ein Album, was ich als CD hab mal auf Platte entdeckt. Es war eine Doppel-Vinyl. Rund 40 Minuten auf zwei Platten gepresst. 10 Minuten Musik auf einer Seite. Rohstoffverschwendung.

    Ich bleibe bei meiner CD. Man hat, wie bei der Platte einen Datenträger. Man muss diesen einlegen. Und man erinnert sich an die erste CD, das erste Album. Vorteil unter anderem, man kann ein Album am Stück hören. Kratzer auf CDs kann man entfernen lassen, wenn sie stören und ein Booklet von einer CD bietet mehr als das einer Platte, wenn bei einer Platte überhaupt ein Booklet dabei ist.
    Die CD darf nicht sterben.

  • Ich Teile die Meinung, dass die CD auf jeden Fall eine Daseinsberechtigung hat, voll und ganz. Der entscheidende Punkt ist eben das „vertiefte, bewusste Hören“ von Musik. Überall, wo billige oder sogar kostenlose Daten endlos verfügbar sind, wird vor allem Masse konsumiert. Da die Zeit und die Aufmerksamkeit des Konsumenten begrenzt ist, bleibt die Rezeption zwangsläufig oberflächlich.
    Das gilt übrigens nicht nur für das Hören von Musik, sondern auch für das Lesen von Texten, was unbedingt für den Erhalt des guten alten Buches oder der Papierzeitung spricht.

  • Ja, die Schallplatte ist nur „Gewichse“ eines Hipsters… und nicht der haptisch interessantere Speicher. Du stellst die Frage nicht: analog oder digital? Das ist hier der entscheidende Aspekt. Die CD ist 10010101, die LP ist die tatsächliche Musik.

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