vondigitalkonzentrat 15.08.2018

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Schöne neue digitale Welt? Ein Blog über Digitalisierung, Netzkultur, Bürgerrechte – und ohne Buzzwords.

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Dass es bei den Googles, Teslas und Netflixen im Silicon Valley irgendwie anders läuft als in der deutschen Heimat – das hat die hiesige Old Economy inzwischen kapiert. Hippe Espressomaschinen, Kühlschränke voller Club Mate und verordnete Lockerheit sind die Antwort darauf. Aber bringt das wirklich was?

Eine wissenschaftliche Studie und ein Bericht sind in den letzten Wochen durch die Tech-Blase gewandert. Beide zeigen: Wir wollen die Arbeitswelt verbessern, haben aber keinen Plan, was wir tun.

Ethan S. Bernstein und Stephen Turban (Harvard BS und University) zeichnen in „The impact of the ‘open’ workspace on human collaboration“ (Phil. Trans. R. Soc. B 373: 20170239, Open Access) den Albtraum einer jeden Chef-Etage. Zwei Firmen werden vorgestellt, die von einer traditionellen Büroaufteilung zu einem offenen Großraumbüro gewechselt sind. Ein großer Invest. Ziel war es, die Zusammenarbeit und Kommunikation zu fördern. Was wurde aber wissenschaftlich nachgewiesen? Die Kommunikation ist um überwältigende 70% zurückgegangen.

Die neuseeländische Firma Perpetual Guardian hatte in einem Experiment die 40-Stunden-Woche auf 32 Stunden reduziert. Das Ergebnis? Gemessen wurde eine um 24 Prozent bessere Work-Life-Balance, zudem eine mehr oder weniger gut nachweisbare Steigerung der Produktivität.

Warum das so ist, weiß man nicht. Grundsätzliche Untersuchungen zum Verhältnis von Arbeitszeit und Produktivität scheint es keine zu geben. Auch wenn die Gewerkschaften eine Reduzierung der Arbeitszeit schon lange fordern — eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung kann diese Forderung nur mit groben statistischen Daten in nationaler Auflösung untermauern.

Das Arbeitsmodell der industriellen Revolution ist überholt

Die Anforderungen an die neue digitale Dienstleistungsarbeit sind irgendwo zwischen messerscharfen Analysen und impulsiver Kreativität. Und das Arbeitsmodell drumrum stammt aus der Zeit der industriellen Revolution, als mehr Arbeit mehr Stückzahlen und mehr Stückzahlen mehr Kapital bedeutet haben.

Meiner Meinung nach findet man die Lösung zum Change in der Arbeitswelt nicht in wie auch immer reglementierten Arbeitsstunden, nicht in der Architektur des Büros und nur bedingt in der Hipsterness der koffeinhaltigen Kalt- und Heißgetränke. Sondern in der Arbeitskultur.

Die letzten zwei Sätze stehen (auf englisch) fast wortwörtlich in einem Dokument, das vor einigen Jahren zum ersten Mal den Begriff „Kultur“ im Kontext von Arbeit etabliert hat. „Reference Guide on our Freedom & Responsibility Culture“ ist eine geleakte Powerpoint aus der Personal-Chefetage von Netflix. Aktuell ist deren Inhalt ganz offiziell von Netflix ins Netz gestellt worden. Diesen Foliensatz darf man wegen seiner fehlenden sozialen Ebene keinesfalls kritiklos stehen lassen, in den Grundsätzen steckt aber dennoch viel Wahrheit.

Keine Prozesse, keine Vorgaben, kein Management-Überbau

Eine gute Arbeitskultur heißt, dass es keine Prozesse und Vorgaben braucht, um zufriedene, kreative und gute Mitarbeiter zu haben. Wenn Motivation und Verantwortung von unten wachsen kann – in einem Umfeld, das ein solches Wachstum willkommen heißt – dann schafft das sowohl Produktivität als auch Zufriedenheit. Dass dann nebenbei der Management-Überbau so mancher Old Economy in sich zusammenfällt, ist ein netter Nebeneffekt.

Eine gute Arbeitskultur heißt auch, Wissen, Arbeitsergebnisse und auch Fehler-Management völlig offen nach außen zu kommunizieren. Es war mir schon immer ein Rätsel, warum der Schritt von Wissenschaft zu Industrie vor allem eines bedeutet: Die Arbeitsergebnisse geheim zu halten, mit NDAs zu schützen und ja mit keinem reden, der woanders arbeitet. Diesen Protektionismus gilt es zu durchbrechen. Die Plattform meetup.com und der eine oder andere neue Kongress hat das hierzulande schon geschafft. Man redet miteinander, tauscht sich aus, bildet eine Community auch jenseits des eigenen Büros.

Mit der alten Welt, der 40-Stunden-Woche in einer starren Management-Hierarchie, Prozesslandschaft und Verantwortungsfolge können wir die Herausforderungen der nächsten Jahre nicht sozialverträglich lösen. In dieser alten Welt eine neue Kultur zu verordnen, funktioniert nachweislich nicht. Wir haben keine Methoden dafür. Was wir also brauchen: Selbstbewusste, motivierte und gut ausgebildete Menschen, die ganz ohne den alten Schimmel in einem maximalen Freiheitsbewusstsein arbeiten wollen – bei maximaler Verantwortung für ihre Arbeit und deren gesellschaftliche Effekte.

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https://blogs.taz.de/digitalkonzentrat/2018/08/15/kann-man-mit-club-mate-und-hipsterdutt-die-arbeitswelt-revolutionieren/

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kommentare

  • So wahr… ich kenne nur die Arbeit in Tech-Startups und fand diese immer erschreckend starr (wahrscheinlich, weil diese öfter von Berater-Typen gefoundet werden, die außer Überarbeitung nichts kennen) und ich hab nach einigen Jahren jetzt schon keinen Bock mehr auf Kapitalismus und will nie wieder 40h pro Woche arbeiten. Lasst Mal Kommunen in Brandenburg gründen. Mit WLAN natürlich.

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