vonHans Cousto 07.06.2010

Drogerie

Aufklärung über Drogen - die legalen und illegalen Highs & Downs und die Politik, die damit gemacht wird.

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Die helvetischen Medien wetteifern derzeit um die höchsten Konsumentenzahlen bezüglich Kokain. Eine Studie der Universität Bern versetzte ein paar Journalisten in einen wahren Rauschzustand. So berichtet Christoph Landolt im »Tagesanzeiger« vom 4. Juni 2010 aus Zürich, dass 6,6% der Zürcher im Alter von 16 bis 64 Jahren im Schnitt täglich eine Linie Kokain konsumieren täten. Der Artikel trägt den Titel »Zürcher konsumieren 19.000 Linien Koks«.

Zum Glück ist in dem Artikel eine Graphik der Universität Bern eingefügt, der man entnehmen kann, dass jeweils am Mittwoch in Zürich Rückstände (genauer: Stoffwechselprodukte) im Abwasser von 336 Gramm Kokain zu finden seien und an den Sonntagen jeweils von durchschnittlich 645 Gramm Kokain. Setzt man nun für Montag bis Freitag den Wert vom Mittwoch ein und für Samstag und Sonntag den Wert vom Sonntag, dann kommt man auf einen Wochenverbrauch von etwa 3 kg Kokain pro Woche oder etwa 156 kg pro Jahr in Zürich.

Die Vereinten Nationen gaben im »World Drug Report 2005« (S. 130) auf Basis diverser Schätzungen den durchschnittlichen Verbrauch eines Kokainkonsumenten in Mittel- und Westeuroa mit 35 Gramm Kokain pro Jahr an, wobei diese Angabe sich auf reines Kokain bezieht. 156 kg Kokain reichen somit für knapp 4.500 durchschnittliche Kokser. Das sind etwa 1,7% der Zürcher Bevölkerung im Alter von 16 bis 64 Jahren (270.000 Personen von insgesamt 380.000 Einwohnern). Der so errechnete Anteil ist viermal kleiner als die im Artikel wiedergegebene Zahl von 6,6%. Sicher sind hier alle wiedergegebene Zahlen mit einer gewissen Ungenauigkeit behaftet, doch die Zahl von 6,6% scheint trickreich ausgehend von Kokaingemisch besonders hochgerechnet worden zu sein, weil dies gerade in Zürich derzeit opportun erscheint.

Gemäß Wasseranalysen des Nürnberger Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg (IBMP) im Herbst 2005, bei denen die Konzentration des Kokainabbauproduktes Benzoylecgonin in diversen Flüssen gemessen wurde, lag der Kokainverbrauch in Zürich bei gut 500 Gramm am Tag der Messung entsprechend 20 Linien à 100 mg Kokain pro 1.000 Einwohner zwischen 15 und 64 Jahren. Nach dieser Messung hätte es damals etwa 5.200 Kokser in Zürich gegeben, entsprechend etwa 1,9% der Bevölkerung zwischen 15 und 64 Jahren. Dieser Wert ist mehr als dreimal kleiner als die postulierten 6,6%.

Unterschwellige Manipulation für ein Kongress

In Zürich findet derzeit (7. bis 9. Juni 2010) der »Club Health 2010 Kongress« im Club X-TRA statt. Gesundheit und Prävention im Nachtleben – welche Antworten liefern Fachleute aus Forschung und Praxis zu diesen Themen? Club Health ist gemäß Organisatoren die wichtigste, seit 1999 stattfindende internationale Konferenz zu den Themen Prävention, Öffentliche Sicherheit, Schadensminderung und Forschung im Bereich Nachtleben und Konsum von synthetischen Substanzen. In über 80 Vorträgen werden die neuesten Erkenntnisse aus Praxis, Forschung, Politik und Club- und Eventorganisation präsentiert und diskutiert. Alkohol, Substanzen-Forschung, Research Chemicals, Konsummuster, sexuelle Gesundheit, Jugend und Gewalt bilden die Themenschwerpunkte des diesjährigen Kongresses. Als erster wird in der Pressemitteilung der Club Health 2010 unter den »Highlights« Matthew Nice, Forschungsexperte beim UN-Büro für Drogen und Verbrechensbekämpfung (UNODC), genannt.

Es scheint, dass die Zürcher auf diesen Kongress dahingehend eingestimmt werden sollen, dass das Drogenproblem in Zürich besonders groß sei, damit allfällige Maßnahmen nach diesem Kongress besser akzeptiert werden. Dass solche Maßnahmen vermutlich auf die Partyszene abzielen, wird durch die Tatsache erhärtet, dass immer wieder in den Medien auf den Kokainkonsum an der »Street Parade« hingewiesen wird. Am Tag nach der Street Parade 2009 wurden Abbauprodukte (Stoffwechselprodukte) von 1.534 Gramm Kokain im Abwasser der Stadt festgestellt, das sind 1.198 Gramm mehr als an einem gewöhnlichen Mittwoch. An der Street Parade 2009 nahmen 600.000 Personen teil, wobei die meisten Teilnehmer von auswärts nach Zürich kamen. Geht man von einem für so einen Feiertag eher bescheidenen Konsum von 100 mg Kokain pro Kokser aus, dann haben etwa 12.000 Personen von diesen 600.000 Personen Kokain konsumiert, also etwa 2%. Das sind durchschnittlich 0,3% mehr als die Zürcher im Schnitt an einem gewöhnlichen Mittwoch konsumieren oder 0,1% mehr im Vergleich zur Messung von 2005. Die Besucher der Street Parade unterscheiden sich somit in Sachen Kokainkonsum kaum von den durchschnittlichen Bewohner der Stadt.

Doch nicht nur beim Kokain lässt die Berichterstattung zu wünschen übrig, auch bei den sogenannten »recreational chemicals« (RC) wird kräftig eingeheizt. So gab Alex Bücheli, Substanzenfachmann der Jugendberatung Streetwork Zürich und Mitorganisator der Club Health 2010 im Januar dem Tagesanzeiger ein Interview. Maurice Thiriet schrieb am 4. Januar 2010 unter dem Titel »Neue Designerdrogen überfordern Kontrolleure« in besagter Zeitung einen Artikel, in dem Alex Bücheli mehrfach zitiert wird. Zu den sogenannten »recreational chemicals« (RC) sagte Bücheli: »Im Gegensatz zu MDMA oder Kokain weiß man über die Neben- und Spätwirkungen dieser Substanzen wenig bis nichts.« Zwei Absätze weiter steht dann zu der Substanz Mephedron, ein RC: »Die Substanz hat ein hohes Abhängigkeitspotenzial, die Wirkung dauert nur eine Stunde an, danach setzt das Craving ein, der Konsument will die euphorisierende Wirkung gleich nochmals erleben«. Es ist wohl wahr, dass man im Wissenschaftlichen Sinne über diese Substanzen wenig bis nichts weiß, weil es noch keine wissenschaftlichen Studien dazu gibt. Doch woher weiß dann Bücheli, dass sie ein hohes Abhängigkeitspotenzial haben? Offenbar wird hier einfach etwas postuliert, obwohl man es nicht weiß. Das ist schlicht und einfach unseriös. So kann man sich jedenfalls kein Respekt verschaffen.

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http://blogs.taz.de/drogerie/2010/06/07/unterschwellige_manipulation/

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kommentare

  • Schade dass sogar informelle Seiten wie der Taz Blog schon zensiert und meinen Kommentar löscht. Propaganda wird nunmal hinterfragt…

  • 1. Steht RC für Research Chemicals und
    2. Wissen Fachleute davon, weil tausende Konsumenten im Internet Erfahrungen austauschen, ob über bluelight oder Eve & Rave.

    Dieser Artikel ist amateurhaft (obwohl man sichs von Gousto anno dazumals anders gewohnt ist) und absolut drogenverherrlichend sowie
    kindisch. Mit Realität ist sowas nicht zu vergleichen…

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