2014 wieder mehr Drogentote

Kreuze

Die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler (CSU) und der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch, stellten am Dienstag, 21. April 2015, in Berlin die „Rauschgiftlage 2014“ vor. Dabei wurde den sogenannten „Drogentoten“ viel Aufmerksamkeit geschenkt. Im Jahr 2014 starben in Deutschland 1.032 Menschen an den Folgen ihres Drogenkonsums. Damit stieg die Zahl der „Drogentoten“ in Deutschland wie im Vorjahr wieder an – aktuell um rund 3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Mehrzahl der Rauschgifttoten war weiterhin männlich (85 Prozent), das Durchschnittsalter lag – wie im Vorjahr – bei rund 38 Jahren.

Haupttodesursache der Todesfälle war wie in den Vorjahren die Überdosierung von Heroin und/oder Morphin in Verbindung mit anderen Substanzen. Ein Anstieg von 5 auf insgesamt 25 Todesfällen ist bei dem Konsum von sogenannten Neuen Psychoaktiven Stoffen (NPS) allein oder in Verbindung mit anderen Substanzen zu verzeichnen. Erwähnenswert sind hier vor allem die sogenannten Kräutermischungen respektive deren Inhaltsstoffe, die synthetischen Cannabinoide.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, erklärt dazu: „Der zuletzt leichte Anstieg der Drogentodeszahlen trübt den Blick auf die langfristig positive Entwicklung. Denn die Anzahl der Drogentoten hat sich seit 2000 halbiert. Das ist ein Erfolg der Drogen- und Suchtpolitik der Bundesregierung. Dennoch ist jeder Todesfall ein Todesfall zu viel. Ich habe in diesem Jahr verschiedene Initiativen auf den Weg gebracht. Wir haben nunmehr zusätzliche finanzielle Mittel für die Prävention im Bereich ‚Crystal Meth‘ zur Verfügung und wir erarbeiten neue gesetzliche Regelungen, um den Handel mit Neuen Psychoaktiven Substanzen besser zu unterbinden. Außerdem sollen die Bedingungen der Substitutionsbehandlung für Ärzte verbessert werden. Denn eine gelungene Substitution ist der beste Schutz vor einem Drogentod bei einer Opiatabhängigkeit.

Bayern liegt bei Flächenstaaten vorn

In Bayern gab es letztes Jahr 252 „Drogentote“. Das waren 9,6% mehr als im Jahr 2013 und 42,4% mehr als im Jahr 2011. Pro 100.000 Einwohner gab es in Bayern letztes Jahr 2,0 „Drogentote“, ein Drittel mehr als im Bundesdurchschnitt, der bei 1,3 lag. Von den Flächenstaaten lag nur noch Rheinland-Pfalz mit 1,4 „Drogentoten“ pro 100.000 Einwohner über dem Bundesdurchschnitt.
Häufigkeit von Drogentodesfällen in den Flächenstaaten der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2014Abbildung 1 zeigt die Häufigkeit von Drogentodesfällen in den Flächenstaaten der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2014. Die Flächenstaaten im Osten Deutschlands mussten im Schnitt weit weniger „Drogentote“ registrieren als die im Westen des Landes. Und Bayern lag übrigens nicht nur 2014 über dem Bundesdurchschnitt, sondern schon kontinuierlich seit 2007, wie die folgende Abbildung zeigt.
Häufigkeit von Drogentodesfällen in Bayern und in Deutschland als Zeitreihe von 1994 bis 2014Abbildung 2 zeigt die Häufigkeit von Drogentodesfällen in Bayern und in Deutschland als Zeitreihe von 1994 bis 2014. Einzig im Jahr 2006 lag Bayern unter dem Bundesdurchschnitt, in den Jahren 1995, 1997, 1999, 2002 und 2005 lag Bayern etwa beim Bundesdurchschnitt und in allen anderen Jahren darüber. Es gibt gemäß dieser Statistik keinen Anlass für die Vermutung, dass die härtere Gangart in der Drogenpolitik (Verbot von Fixerstuben, hohe Kontrolldichte) positive Auswirkungen auf die Schadensminderung hat.

Die Drogenbeauftragte Marlene Mortler wird auch nicht Müde, immer wieder die vier Säulen der Drogenpolitik in Deutschland lobend zu erwähnen. Auch in Wien tat sie dies im März bei der Konferenz der Suchtstoffkommission und erläuterte die vier Bereiche: Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression. Dabei verschwieg sie wie immer tunlichst, dass in ihrer Heimat Bayern die bayerische Staatsregierung stets betont, dass es im Freistaat Bayern nur eine 3-Säulen-Dogenpolitik gebe, die die Bereiche Prävention, Repression und Therapie umfasst. Der Bereich Schadensminderung fehlt bei dieser 3-Säulen-Politik. Deshalb gibt es in Bayern zum Beispiel keine Fixerstuben, dafür jedoch seit Jahren eine kontinuierlich steigende Anzahl an sogenannten „Drogentoten“. Solchen Fakten pflegt die Drogenbeauftragte in ihren Verlautbarungen nicht zu erwähnen.

Große Städte stärker betroffen

Heroinkonsumenten ziehen gerne in große Städte, da es dort meistens eine bessere Infrastruktur für die medizinische Versorgung gibt. Dies gilt insbesondere für die Substitution mit Methadon und Buprenorphin sowie in einigen Städten für die Originalstoffvergabe (Diamorphin). Durch die Zuwanderung von Opiatabhängigen ist die Häufigkeit von „Drogentoten“ in großen Städten oftmals deutlich größer als auf dem Land.

Erst nach der Grundsatzentscheidung durch den Bundesgerichtshof am 17. Mai 1991 zur Therapiefreiheit des Arztes und zur Zulässigkeit der Methadonbehandlung wurde vom Gesetzgeber das Betäubungsmittelgesetz am 9. September 1992 dahingehend geändert, dass bei bestimmten Indikationen, auch sozialen, die Substitution zulässig war. Nach der Änderung des Betäubungsmittelgesetzes im September 1992 wurde auch die Verschreibungsverordnung für Betäubungsmittel 1992 und 1994 den richterlichen Vorgaben angepasst und erweitert, so dass sich die ärztliche Verschreibung von Ersatzdrogen wie Methadon und Levomethadon in den neunziger Jahren als anerkannte Methode zur Behandlung der Heroinabhängigkeit etablieren konnte. Auch die Abgabe von sterilen Kanülen wurde erst 1992 legalisiert.
Häufigkeit von Drogentodesfällen in den Stadtstaaten und ausgewählten Städten im Jahr 2014Abbildung 3 zeigt die Häufigkeit von Drogentodesfällen in den Stadtstaaten und ausgewählten Städten im Jahr 2014. Dortmund liegt unter dem Bundesdurchschnitt, Bremen, Hamburg, Frankfurt am Main, München, Berlin, Köln und Mannheim übertreffen diesen um mehr als das Doppelte und Nürnberg sogar um mehr als das Vierfache.
Häufigkeit von Drogentodesfällen in den Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg als Zeitreihe von 1994 bis 2014Abbildung 4 zeigt die Häufigkeit von Drogentodesfällen in den Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg als Zeitreihe von 1994 bis 2014. Um die Jahrtausendwende musste Bremen die meisten „Drogentoten“ registrieren, während in Hamburg die Zahl der „Drogentoten“ stetig im Sinken war. Dies lag in der Tatsache begründet, dass Hamburg bereits 1994 die ersten Fixerstuben (Gesundheitsräume, Injektionsräume) in Betrieb nahm, während in Bremen in  der Folge nach der Beschlagnahmung des „Drug-Mobils“ (Fahrbare Fixerstube) des Hamburger Vereins Freiraum e.V. im Sommer 1997 in Bremen das Stadtamt der Bremer Innenbehörde in geradezu zynischer weise mitteilte: „Die Gesundheit der Bevölkerung sowie die körperliche Integrität und das Leben des Einzelnen könnten dadurch [durch Fixerstuben, Anm. d. Red.] Schaden nehmen. Vor diesen Gefahren ist die Allgemeinheit zu schützen.

Frankfurt am Main war die erste Stadt in Deutschland, die Fixerstuben zugelassen hat. In Frankfurt am Main hatten Fixerstuben den Segen des damaligen Oberstaatsanwaltes Harald Körner, der im Jahr 1993 in einem Rechtsgutachten (Gutachten zur Zulässigkeit von Gesundheitsräumen für den hygienischen und stressfreien Konsum von Opiatabhänigen) die Zulässigkeit von Fixerstuben festgestellt hatte. So war es verschiedenen Trägervereinen in der Mainmetropole möglich Fixerstuben, die amtlich ursprünglich Gesundheitsräume, später dann Konsumräume genannt wurden, einrichten zu können. Seit der Eröffnung der ersten Fixerstuben in der Bahnhofsgegend im Jahr 1994 sind die Notarzt-Einsätze dort drastisch zurückgegangen wie auch die Zahl der registrierten „Drogentoten“. Die Zahl der sogenannten „Drogentoten“ sank in der Zeit von 1991 bis 1997 um mehr als das Sechsfache, von 147 im Jahr 1991 auf 22 im Jahr 1997. Keine andere Stadt konnte eine so erhebliche Minderung verzeichnen wie Frankfurt am Main.

Heimarbeit für die Drogenbeauftragte Mortler

In Nürnberg gab es pro 100.000 Einwohner im Jahr 2014 etwa 5,5 „Drogentote“. In keiner andern deutschen Großstadt gab es im gesamten Jahr so viele „Drogentote“ in Relation zur Einwohnerzahl. Dennoch bleiben die Behörden in Bayern absolut lernresistent, setzen nach wie vor primär auf repressive Maßnahmen und verhindern die Etablierung von Maßnahmen zur Schadensminderung wie beispielsweise Fixerstuben.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, wuchs im Nürnberger Land in Franken (Nordbayern) auf und war bisher dort auch politisch aktiv. Für Mortler ist jetzt echte „Heimarbeit“ angesagt, um dem Drogenelend in der fränkischen Metropole und dem Bundesland Bayern Einhalt zu gebieten. Deshalb muss sie dafür sorgen, dass auch in Bayern der Schadensminderung eine höhere Priorität eingeräumt wird als der Repression.

Vergleiche hierzu in diesem Blog

17.04.2014: 2013 wieder mehr Drogentote
04.12.2013: Die CSU und der Drogentod

Kommentare (8)

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  1. Diese Statistik zeigt mir ganz klar, dass es eine hohe Zahl an DrogenTote in Süddeutschland gibt. Vermutlich dort wo die Politik stark gegen cannabiskonsum vorgeht und die Leute vieles in den Nachbarländern und online kaufen.sprich chrystel, legal high Stoffe u.s.w..
    Der Staat kassiert jährlich Milliarden € an steuern. Alkohol ist 24 Stunden 7 Tage die Woche für ein Apfel und Ei zu haben. Und die Leute nutzen dies auch. Zur Freude der alkohollobby.
    Wenn der Staat den cannabiskonsum und Handel freigeben würde, könnte er enorm steuern einnehmen und die Kriminalität senken.
    Und unsere Berliner Parks und Partymailen sauber halten.
    Ich wollte dieses Thema nur anreißen. Es gibt zu jedem Punkt noch vieles zu sagen.

    Legalize it germany

  2. Ja, Alkohol ist eine Droge. Angesprochen wurde es in dem Bericht nicht. Gut 15.000 Menschen sterben alljährlich am Alkohol. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich deutlich höher. Will man mit den 1.032 Toten die nicht am Alkohol starben, vom wirklichen Problem ablenken. !?

  3. @ Sophia

    Quellen der Statistiken:

    Bundeskriminalamt: Lagebilder Rauschgiftkriminalität, jeweils der veröffentlichte Tabellenanhang für jedes Jahr.

    Jährliche gemeinsame Presseinformation des Bundeskriminalamtes und der Drogenbeauftragten. Für 2014: Pressekonferenz der Drogenbeauftragten der Bundesregierung und des Präsidenten des Bundeskriminalamtes vom 21.04.2014: „Zahl der Drogentoten / Rauschgiftlage 2014

    Jährliche REITOX Jahresberichte für Deutschland; der REITOX Jahresbericht für Deutschland 2014, frühere Jahrgänge (in Englisch) sind bei der EBDD verfügbar.

  4. Woher stammen die Statistiken? Ich würde diese gerne für meine Bachelorarbeit nutzen, hätte hierfür aber gerne eine seriöse Quelle.
    LG Sophia

  5. @Hannah:
    Ich hab die Frage für mich so beantwortet: Wenn ich den Personen Geld gebe, um das sie mich bitten und sie so erfolgreich ihren Bedarf decken können, müssen sie sich nicht prostituieren oder das Geld auf illegale Weise beschaffen.
    Letztere Wege verschlimmern ihre Situation sicherlich nur noch mehr. Schnorren ist da aus meiner Sicht der „schadensminimierendere“ Weg. Denn eins ist klar, Süchtige Menschen hören nicht auf Drogen zu nehmen, weil man ihnen kein Geld gibt. Sie finden dann andere Wege.

  6. Gibt es realistische Zahlen darüber, wieviel Prozent Abhängige von schweren Drogen langfristig wieder clean werden?

    Würde mich interessieren im Umgang mit Abhängigen, die von mir Geld haben wollen. Eine Schwerabhängige fragt mich in der U-Bahn und vor einem Supermarkt immer mal wieder nach Geld. In einer ruhigen Ecke sehe ich dann oft, wie sie sich mit einem Freund Spritzen setzt. Würde ich ihr Geld geben, wäre das im Prinzip aktive Sterbehilfe oder sollte ich einem schwerabhängigen erwachsenen Mensch wie jedem anderen auch gesundheitliche Mündigkeit zugestehen?

    Früher war meine Antwort immer: Nein! Heute frage ich mich, ob das richtig ist, wo ich eine Legalisierung von Cannabis beispielsweise wenig problematisch finde.

  7. Dringend erforderlich ist die Anerkennung von Cannabis als „Ausstiegsdroge“ bei Alkohol- oder Opiatabhängigkeit. Aber ist so ein Schattensprung einer „christsozialen“ Mortler zuzutrauen? Eher nicht…

  8. Und das schlimme ist bevor man stirbt, entwickelt man noch Psychosen, Schizophrenien und oder man wird dement.

    Manch einer hört auf mit den Drogen und stirbt dann an den Spätfolgen, obwohl er vielleicht das Leben dann lieben gelernt hat. Zu spät. Es ist bitter. An die Droge geraten, wegen Traumatisierungen, dann vielleicht weg davon und zum Schluss: Hätte ich doch nie, oder hätte ich doch früher aufgehört. Der Körper kann eine ganze Weile regenerieren, aber irgendwann ist Schluss.