2016 wieder mehr Drogentote

Kreuze

Die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler (CSU) und der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch, stellten am Montag, 8. Mai 2017, in Berlin die „Rauschgiftlage 2016“ vor. Dabei wurde den sogenannten „Drogentoten“ viel Aufmerksamkeit geschenkt. Im Jahr 2016 starben in Deutschland 1.333 Menschen an den Folgen ihres Konsums sogenannter illegaler Drogen. Damit stieg die Zahl der „Drogentoten“ in Deutschland wie im Vorjahr wieder an – aktuell um 8,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Mehrzahl der Rauschgifttoten war weiterhin männlich (84 Prozent), das Durchschnittsalter lag – wie im Vorjahr – bei knapp 38 Jahren.

Marlene Mortler ist seit dem 15. Januar 2014 Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Im Jahr vor ihrem Amtsantritt (2013) starben in Deutschland aufgrund des Konsums illegalisierter Drogen 1.002 Menschen. Seit ihrem Amtsantritt stieg somit die Zahl der sogenannten „Drogentoten“ in Deutschland um 33,0 Prozent.

Fast 200.000 Drogentote durch Alkohol und Tabak

Gemäß Pressemitteilung vom 11. April 2017 der Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. zur Veröffentlichung des Jahrbuches Sucht 2017 werden jährlich 74.000 Todesfälle durch Alkoholkonsum oder den kombinierten Konsum von Tabak und Alkohol verursacht. Und weiter heißt es in dieser Pressemitteilung, dass im Jahr 2013 rund 121.000 Menschen in Deutschland an den Folgen des Rauchens starben. Das waren 13,5 % aller Todesfälle.

Die Grafik zeigt die Anteile der sogenannten „Drogentoten“ in Bezug auf die Substanzen Alkohol, Tabak und illegalisierten Drogen in Prozenten.

Grafik 1 zeigt die Anteile der sogenannten „Drogentoten“ in Bezug auf die Substanzen Alkohol, Tabak und illegalisierten Drogen in Prozenten. Die 74.000 Alkoholtote machen 37,7% aus, die mehr als 120.000 Tabaktoten 61,6% und die 1.333 sogenannten „Drogentoten“ 0,7%. Das Schalthahr 2016 umfasste 8.784 Stunden. Demzufolge starben pro Stunde mehr als 8 Menschen aufgrund ihres übermäßigen Alkoholkonsums und mehr als 13 Menschen aufgrund ihres Tabakkonsums. Etwa alle 6 bis 7 Stunden starb ein Mensch aufgrund des Konsums von illegalisierten Substanzen.

Das Saarland liegt bei Flächenstaaten vorn

Im Saarland gab es in den letzten zwei Jahren einen ungewöhnlich starken Anstieg was die Zahl der sogenannten „Drogentoten“ anbelangt. Im Jahr 2014 wurden dort 8 sogenannte „Drogentote“ registriert, im Jahr 2015 waren es bereits 19 und im letzten Jahr waren es dann 27 – innert drei Jahren hat sich dort die Zahl mehr als verdreifacht. Ob es sich hierbei um einen „Ausreißer“ oder um einen neuen Trend handelt, werden erst die nächsten Jahre zeigen.

Bayern lag bei den Flächenstaaten zum ersten Mal seit Jahren nicht vorn, sondern auf Rang zwei hinter dem Saarland. In Bayern gab es letztes Jahr 321 „Drogentote“. Das waren 2,2% mehr als im Jahr 2015 und 81,4% mehr als vor sechs Jahren im Jahr 2011. Pro 100.000 Einwohner gab es in Bayern letztes Jahr 2,5 „Drogentote“, nach wie vor deutlich mehr als im Bundesdurchschnitt, der bei 1,6 lag. Von den Flächenstaaten lagen außer Bayern und das Saarland mit 2,7 nur noch Rheinland-Pfalz mit 1,7 „Drogentoten“ pro 100.000 Einwohner über dem Bundesdurchschnitt.

Die Grafik zeigt die Häufigkeit von Drogentodesfällen in den Flächenstaaten der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2016 (Datenquellen: BKA: PKS; Bundesländer: PKS).

Grafik 2 zeigt die Häufigkeit von Drogentodesfällen in den Flächenstaaten der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2016 (Datenquellen: BKA: Lagebilder Rauschgift; Bundesländer: PKS). Die Flächenstaaten im Osten Deutschlands mussten im Schnitt weit weniger „Drogentote“ registrieren als die im Westen des Landes. Und das Saarland lag bereits 2015 schon über dem Bundesdurchschnitt, die Jahre davor jedoch deutlich unter dem Bundesdurchschnitt, wie man der folgenden Grafik entnehmen kann.

Die Grafik zeigt die Häufigkeit von Drogentodesfällen im Saarland und in Deutschland als Zeitreihe von 1994 bis 2016 (Datenquelle: BKA).

Grafik 3 zeigt die Häufigkeit von Drogentodesfällen im Saarland und in Deutschland als Zeitreihe von 1994 bis 2016 (Datenquelle: BKA). In den letzten beiden Jahren lag deren Häufigkeit deutlich über dem Bundesdurchschnitt, zuvor kam dies jedoch eher selten vor, so in den Jahren 1995, 1998 und 2009.

Die Grafik zeigt die Häufigkeit von Drogentodesfällen in Bayern und in Deutschland als Zeitreihe von 1994 bis 2016. Datenquelle: BKA

Grafik 4 zeigt die Häufigkeit von Drogentodesfällen in Bayern und in Deutschland als Zeitreihe von 1994 bis 2016 (Datenquelle: BKA). Einzig im Jahr 2006 lag Bayern unter dem Bundesdurchschnitt, in den Jahren 1995, 1997, 1999, 2002 und 2005 lag Bayern etwa beim Bundesdurchschnitt und in allen anderen Jahren darüber. Es gibt gemäß dieser Statistik keinen Anlass für die Vermutung, dass die härtere Gangart in der Drogenpolitik (Verbot von Fixerstuben, hohe Kontrolldichte) positive Auswirkungen auf die Schadensminderung hat.

Die Drogenbeauftragte Marlene Mortler wird auch nicht Müde, immer wieder die vier Säulen der Drogenpolitik in Deutschland lobend zu erwähnen und erläutert dabei die vier Bereiche: Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression. Dabei verschweigt sie wie immer tunlichst, dass in ihrer Heimat Bayern die bayerische Staatsregierung stets betont, dass es im Freistaat Bayern nur eine 3-Säulen-Drogenpolitik gebe, die die Bereiche Prävention, Repression und Therapie umfasst. Der Bereich Schadensminderung fehlt bei dieser 3-Säulen-Politik. Deshalb gibt es in Bayern zum Beispiel keine Fixerstuben, dafür jedoch seit Jahren eine kontinuierlich steigende Anzahl an sogenannten „Drogentoten“. Solchen Fakten pflegt die Drogenbeauftragte in ihren Verlautbarungen nicht zu erwähnen.

Große Städte stärker betroffen

Heroinkonsumenten ziehen gerne in große Städte, da es dort meistens eine bessere Infrastruktur für die medizinische Versorgung gibt. Dies gilt insbesondere für die Substitution mit Methadon und Buprenorphin sowie in einigen Städten für die Originalstoffvergabe (Diamorphin). Durch die Zuwanderung von Opiatabhängigen ist die Häufigkeit von „Drogentoten“ in großen Städten oftmals deutlich größer als auf dem Land.

Erst nach der Grundsatzentscheidung durch den Bundesgerichtshof am 17. Mai 1991 zur Therapiefreiheit des Arztes und zur Zulässigkeit der Methadonbehandlung wurde vom Gesetzgeber das Betäubungsmittelgesetz am 9. September 1992 dahingehend geändert, dass bei bestimmten Indikationen, auch sozialen, die Substitution zulässig war. Nach der Änderung des Betäubungsmittelgesetzes im September 1992 wurde auch die Verschreibungsverordnung für Betäubungsmittel 1992 und 1994 den richterlichen Vorgaben angepasst und erweitert, so dass sich die ärztliche Verschreibung von Ersatzdrogen wie Methadon und Levomethadon in den neunziger Jahren als anerkannte Methode zur Behandlung der Heroinabhängigkeit etablieren konnte. Auch die Abgabe von sterilen Kanülen wurde erst 1992 legalisiert.

Die Grafik zeigt die Häufigkeit von Drogentodesfällen in den Stadtstaaten und ausgewählten Städten im Jahr 2016 (Datenquelle: BKA: Lagebilder Rauschgift; Bundesländer: PKS)

Grafik 5 zeigt die Häufigkeit von Drogentodesfällen in den Stadtstaaten und ausgewählten Städten im Jahr 2016 (Datenquelle: BKA: Lagebilder Rauschgift; Bundesländer: PKS). Dortmund und Düsseldorf liegen deutlich unter dem Bundesdurchschnitt, Hannover, Bremen, Stuttgart, Essen und Karlsruhe liegen zwischen dem Bundesdurchschnit und dem Doppelten des Bundesdurchschnittes und alle weitere hier aufgelisteten Städte liegen über dem Doppelten des Bundesdurchschnittes.

Im Jahr 2015 lag Nürnberg mit 5,4 „Drogentoten“ pro 100.000 Einwohner an der Spitze dieser Statistik. Im letzten Jahr hat Berlin mit 4,7 „Drogentoten“ pro 100.000 Einwohner diesen traurigen ersten Rang übernommen. Doch inzwischen hat Berlin einen neuen Senat und die Verantwortlichen für die Drogenpolitik der letzten Jahre, Innensenator Frank Henkel (CDU) und Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU), wurden abgewählt, so dass Hoffnung auf bessere Bedingungen für Prävention und Überlebenshilfe in der Hauptstadt Deutschlands besteht.

Kritik an der Drogenbeauftragten Marlene Mortler

In einer Pressemitteilung, die die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) anlässlich  der Bekanntgabe der Zahlen zu den sogenannten „Drogentoten“ am 9. Mai 2017 veröffentlichte, wird festgestellt, dass wissenschaftlich erprobte Maßnahmen zur Lebensrettung in Deutschland aus ideologischen Gründen oft nicht angewendet werden. Dazu erklärte Björn Beck vom Vorstand der Deutschen AIDS-Hilfe: „Anders als Marlene Mortler sagt, hat die steigende Zahl der Todesfälle nur am Rande mit Legal Highs, steigender Stoffqualität oder sinkenden Preisen zu tun. Hauptgrund ist die Drogenpolitik im Bund und vielen Ländern, die auf verschiedene lebensrettende Maßnahmen bewusst verzichtet.“ Wie die gesamte Fachwelt, fordert die Deutsche AIDS-Hilfe seit langem ein Umdenken in der Drogenpolitik und bei der Justiz: „Statt sich auf Nebenschauplätzen zu verzetteln und Drogenkonsumenten immer intensiver strafrechtlich zu verfolgen, müssen wir in die Lebensrettung investieren“, betont Björn Beck, und weiter: „Die Drogenbeauftragte steht in der Pflicht, die wissenschaftlich erprobten Mittel der Lebensrettung und Prävention der Bundesregierung und den Ländern zu vermitteln. Das alljährliche öffentliche Bedauern hilft niemandem, sondern verschleiert die eigene Verantwortung. Man kann es nur noch scheinheilig nennen.

Vergl. hierzu in diesem Blog

[30.04.2016] 2015 wieder mehr Drogentote

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