von 19.04.2009

taz Hausblog

Wie tickt die denn? Der Blog aus und über die taz mit Innenansichten, Kontroversen und aktuellen Entwicklungen.

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(c) Fotoklasse der Reportagefotografie im Photozentrum am Wassertor der vhs Kreuzberg

Evangelischer Kirchentag in Stuttgart. Mitte Juli 1969. Ein Mann tritt an das Saalmikrophon, redet wirr, es ist heiß, das meist junge Publikum irritiert. Vor 2.000 Menschen, in Gegenwart von Günter Grass, trinkt der 56-jährige Apotheker aus einem Fläschchen. „Ich provoziere jetzt und grüße meine Kameraden von der SS“, sind seine Worte, bevor er das Zynakali schluckt. „Der Tod trat auf dem Weg zum Robert-Bosch-Krankenhaus ein“, notiert Grass später in seinem Buch „Aus dem Tagebuch einer Schnecke“.

35 Jahre später findet die Tochter den Nachlass des öffentlichen Selbstmörders auf dem Dachboden. Vierzehn Abschiedsbriefe, Abzeichen, Manuskripte, NSDAP-, SS-, SA-Ausweise. Die Tochter, das ist Ute Scheub, Mitbegründerin der taz, freie Journalistin und Publizistin. „Sein Name: Manfred Augst. Augst wie Angst. Er war mein Vater“, schreibt Scheub in ihrem Buch „Das falsche Leben. Eine Vatersuche“, aus dem sie auf dem tazkongress liest.

Es sind noch einige Plätze frei im Café Global, Sonntag Vormittag 11.00 Uhr.  Im Auditorium geht es zeitgleich um Rot-Grün-Rot, es gibt noch einen Malworkshop für Kinder und anderswo werden die nächsten 30 Jahre der taz debattiert. Hier gibt es dagegen vermeintlich schwere Kost. Die Aufarbeitung einer ganzen Generation steht im Mittelpunkt, einer Generation von Kindern, deren Väter Täter waren.

Das Publikum schweigt über weite Strecken, zeigt kaum Regung, in den Köpfen scheinen Bilder und Geschichten der eigenen Familie abzulaufen. „Ich wollte nicht meinen Vater, sondern meine Generation porträtieren“, sagt Scheub.

Als sich ihr Vater öffentlich hinrichtete, war sie 13 Jahre und hatte mit ihm längst abgeschlossen. Auf seiner Beerdigung verspürte sie keine Trauer, eher Freude und Erleichterung. Endlich frei, das Leben kann beginnen, der Vater ist tot…

Scheub schämte sich für ihre Gefühle:  „Ich war ein Tochterschwein“, so ihre Gedanken, als die Medien über die Nazi-Vergangenheit des Vaters berichteten. In der Kleinstadt Tübingen kannte sie fast jeder. BILD-Redakteure klingelten an der Tür, nach der Beerdigung, wollten Statements von Scheubs Brüdern und ihrer Mutter, sagten, eine Geschichte werde ohnehin kommen, besser, man rede mit ihnen. Bereits damals hatte das Boulevardblatt dieselben Methoden wie heute.  „Das war ein Schlüsselerlebnis für mich. Ich wollte eine andere Art von Journalistin werden“, bemerkt Scheub dazu.

Die Tochter will keine Abrechnung, sie will vielleicht das Unmögliche verstehen lernen.  Schon früh wollte sie ihre Schuldgefühle abschütteln. Sie schrieb eine Schuldbrief und vergrub ihn im Grab ihres Vaters. „Seine Leichen waren nicht meine“, sagt Scheub heute. Damals schrie sie „Lies das gefälligst!“ Und fühlte sich befreit.

Ihr Vater schwieg nach dem Krieg über seine Verbrechen, sein Schweigen war das Schweigen einer ganzen Generation, „er ist daran erstickt“, schreibt Scheub. Was genau er in Afrika oder Norditalien getan hat, welche Kriegsverbrechen er begangen hat, das bleibt für sie im Dunkeln.

Warum sich der Vater öffentlich umbrachte, auch das blieb für Ute Scheub lange unklar. „Er begab sich in die Opferrolle, wollte aber auch seine Schuld durch Sühne abschütteln“, glaubt Scheub heute.

40 Minuten sind vergangen. Ich fühle Entsetzen, Verwirrung, Trauer und eine irritierende Art von Freude darüber, dass ich nicht aus einer Täterfamilie stamme. Dass ich mich zu meiner Familie eng verbunden fühlen kann. Im Publikum besteht Diskussionsbedarf.

Wie waren die Reaktionen auf das Buch? Muss man den Tätern nicht auch ein Stück weit zugestehen, dass sie sich nach dem Krieg um die Zukunft des Landes kümmern mussten? Scheub widerspricht: „Es wird eine Gesellschaft immer einholen, wenn sie versucht, zu vergessen“. Aufklärung ist notwendig.

Die Diskussion wird abgebrochen. Umbau. Im Café Global geht es mit einem Jazz-Frühschoppen weiter. So vielfältig kann der tazkongress sein. Und so verstörend.

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http://blogs.taz.de/hausblog/2009/04/19/ich-war-ein-tochterschwein/

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kommentare

  • Gute, aber verstörende Lesung. Das Versagen, die unleugbare Schuld der Väter wird hergenommen als Folie, um sich davon abzusetzen. „Wir sind nicht böse, denn wir nehmen die Schuld der Väter auf uns. Also sind wir die Guten.“ Das halte ich für eine Selbsttäuschung. Ein solches Grundmuster findet sich bei vielen, etwa auch bei Ulrike Meinhof, bei vielen, die in die RAF gingen. Ein gewisses Maß an Nicht-Wissen-Wollen, an Vergessen scheint für den Fortbestand einer Gesellschaft nach einem moralischen Totalversagen für eine gewisse Zeit fast unumgänglich zu sein.
    Wie das vielleicht schon gescheiterte Beispiel Südafrikas mit seinen Wahrheits- und Versöhnungsausschüssen lehrt: Auf keinen Fall bietet die schonungslose, frühzeitige Auseinandersetzung mit der verbrecherischen Vergangenheit die Gewähr, dass Menschenrechte und Gesetze besser eingehalten werden. Vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall.

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