Frauenquote: Wie ich einmal alle Männer entließ

Von Ute Scheub

Die taz-Frauen bei der Durchsetzung der Quote

Die taz-Frauen bei der Durchsetzung der Quote

Samstag, den 15. November 1980, taz-Plenum am legendären Tisch der Kommune 1 in Berlin-Wedding: Mit blanken Busen haben wir taz-Frauen damals die erste Frauenquote der Bundesrepublik durchgesetzt. Von hier aus brach die Quote zu ihrem Marsch durch die Institutionen auf. 1986 kam sie bei den Grünen an, danach bei der SPD, und viel später noch, da hinkte sie schon ziemlich, bei der CDU und Wirtschaftsunternehmen.

“Man sollte sich dieses Datum merken”, hatte ich bereits am 14. November 1980 in der taz orakelt, (PDF), als wir Frauen in einen einwöchigen Streik getreten waren. Wow, wie hellsichtig. Bullshit! “Zum ersten Mal in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung” sei es in diesem Streik nicht um mehr Lohn gegangen, sondern um Strukturen, schrieb ich zielsicher an der historischen Wahrheit vorbei. Der Anlass unseres Streiks waren sexistische Veröffentlichungen (PDF) zweier Männer. Die taz stand mal wieder kurz vor der Pleite, Leserinnen riefen zum Boykott der “Porno-taz” auf, und die tazokratische Selbstverwaltung – alles wurde plenar durchdiskutiert – war hoffnungslos überfordert.

Wir Frauen erlaubten uns den Luxus eines Ausstiegs aus der Produktionsqual und diskutierten eine Woche lang, wie eine andere, bessere taz aussehen sollte. Unsere Forderungen: Vetorecht der Frauen bei allen Texten und Bildern, die weibliche Sexualität betrafen, Einführung einer Frauenseite und eine Frauenquote von 52 Prozent.

Niemand der damals streikenden Frauen erinnert sich heute mehr, wem sie einfiel. 52 Prozent der Bevölkerung waren weiblich, also war das doch nur selbstverständlich und gerecht. Und das Vetorecht beim Thema Sex? “Die werden uns Prüderie vorwerfen”, befürchteten einige. “Dann werden wir ihnen das Gegenteil beweisen”, antwortete sinngemäß Brigitte Heinrich, damals Inlands-Redakteurin, später leider auch Stasi-Spionin.

Als wir dem taz-Plenum unser Begehr vortrugen, herrschte eisige Stimmung. Die taz-Männer, die die Zeitung eine Woche lang ohne Frauen hatten produzieren müssen, waren komplett überarbeitet. Es dauerte nur Minuten, bis die erwartete Provokation kam: “Ihr seid doch nur prüde!” Verabredungsgemäß zogen wir unsere Pullover aus und zeigten unsere jungen Brüste. Stille. Erstes zartes Kichern. Danach Grinsen, Lachen, Prusten. Redakteur Thomas Hartmann verschwand.

Er kehrte wieder, klappte sein Fellmäntelchen auf und entblößte seinerseits nackte Wahrheiten. Kollektives Gelächter. Die folgende Abstimmung gewannen wir in heiter-gelöster Stimmung. 38 waren dafür, neun waren gegen die Quote, sechs enthielten sich.

Die Umsetzung des “Frauenbeschlusses” von 1980 verlief allerdings recht widersprüchlich. Immer wieder hievten Männer und Frauen politische Freunde männlichen Geschlechts auf freiwerdende Planstellen. Es gab keine Instanz, die die Einhaltung der Quote kontrollierte, nur die Frauenredakteurin schimpfte regelmäßig und wurde dafür gehasst.

Ende 1983, als die Zahlen mal wieder brandrot waren und eine Massenentlassung drohte, ergriff ich mit dem Mut der Verzweiflung das Wort auf einem “Nationalen Plenum”. Wenn die Zeitung origineller sein müsse, um eine größere Leserschaft zu gewinnen, sagte ich sinngemäß, dann sollten wir zur ersten nur von Frauen verfassten Tageszeitung der Welt werden. Zu meiner Überraschung kam mein Antrag durch. Am Abend berichteten sogar die “Tagesthemen” über die anstehende Männerentlassung, und ich versank im Boden vor Scham. Ich hatte nicht nur die profilneurotischen Nervbolde, sondern auch meine lieben unverzichtbaren Kollegen vor die Tür gesetzt!

Die übrig gebliebenen taz-Damen beschimpften mich, selbst die hartgesottensten Feministinnen wollten die ihnen zugefallene Macht nicht haben. Nein, nicht mal geschenkt! Am nächsten Morgen krochen wir Frauen zu Kreuze: Bitte, Jungs, es war nicht so gemeint… In den folgenden Jahren hat die Frauenquote die Berichterstattung ebenso entscheidend verbessert wie das Betriebsklima.

Die Rechnung ist ganz einfach: je weniger Hähne, desto weniger Hahnenkämpfe. Und seit 1999 ist die taz-Chefredaktion fest in Frauenhänden.

Ute Scheub, 57, ist Mitgründerin der taz, Doktorin der Politikwissenschaft, zivilgesellschaftliche Aktivistin, vielfach preisgekrönte freie Journalistin, Bloggerin und Buchautorin. Am liebsten verbreitet sie gute Nachrichten, unter anderem auf www.visionews.net und www.futurzwei.org

Kommentare (6)

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  1. Die Frage die sich stellt ist: Wofür ist die Frauenquote da?

    Früher wurden die Frauen von ihrem Liebsten auf Händen getragen!

    Nun haben sich die Frauen angeblich e-mann-zipiert und was tun sie?

    Sie lassen sich erneut, in einer zutiefst patriarchal tradierten Art und Weise, auf den Händen tragen!

    Nun ist der Staat derjenige, der die Frauen auf die Hände tragen soll!

    Das Problem ist nur: Um das zu erreichen, müssen die Frauen die Gesetze biegen, wie es sehr treffend Frau Burmester im SPON ausdrückte!

    Ein Staat, in dem aber die Gesetze gebogen werden, ist kein Rechtstaat mehr, sondern eine Diktatur!

    Eine Diktatur hat aber keine Hände, die einen tragen, sondern nur Hände, die einen fallen lassen.

    Wer nicht versteht, dass Rechtbeugung das Ende des Rechtstaates und ein Verrat an den Werten des Humanismus ist, wird von der Geschichte recht unsanft eines Besseren belehrt.

  2. Ich mag Hahnenkämpfe lieber, als Zickenkrieg. Die Hahnenkämpfe der Männer dauern nur kurz. Es gibt eine kurze aber heftige “Schlägerei”, danach steht die Hackordnung wieder und jeder hat seinen Platz. Zickenkriege der Frauen ziehen sich dagegen endlos hin und werden mit hinterlistigen und fiesen Mitteln geführt. Kneifen, fetzen, Haare ziehen, hinterrücks provozieren, Intrigen spinnen, Gerüchte verbreiten usw. Und das Ganze kommt nie zu einem Ergebnis, sondern zieht sich hin, wenn kein Mann kommt, der da mal aufräumt. In mehr als 20 Jahren Berufserfahrung habe ich noch nie von einer Frau gehört, dass sie eine andere Frau als Vorgesetzte haben will. Frauen wollen Männer als Vorgesetzte. Von den Hahnenkämpfen der Männer werden Fauen nämlich ausgespart, oft geniesen sie sogar einen gewissen “Mädchenbonus”. Bei einer Frau als Vorgesetzten werden Männer durchaus in die Zickenkriege einbezogen, entweder instrumentalisiert oder zum Mobbingopfer.

    Deutsche Frauen bekommen es einfach nicht hin, mit Leistung und Führungsqualitäten zu überzeugen. In den USA braucht man keine Quote, weil es amerikanische Frauen auch ohne Quote schaffen. Karriere darf keine Frage von Quoten sein, sondern muss eine Frage von Eignung sein.

  3. 32 Jahre Frauenquote bei der taz? Und die taz ist nicht die meistgelesenste, weil qualitativ eben beste Zeitung dieses Landes?

    Man könnte sicher nicht behaupten, dass die Frauenquote der taz geschadet hat. Genutzt hat sie ihr aber sicher auch nichts.

  4. Pingback: “Titten raus und Stimmung!” : Mathias Broeckers

  5. das war 1980. nun, 2012 und mit einer weiblichen chefredaktion schafft es die taz immer noch nicht, insgesamt in gerechter, d.h. nicht-diskriminierender, d.h. nicht-sexistischer sprache zu schreiben.

    und sich gleichzeitig als emanzipiert selbst zu beweihräuchern.

    interessant. aber leider (mich) nicht überzeugend.

  6. Wenn seinerzeit die Einführung der 52-Prozent-Quote für eine Verbesserung der Berichterstattung, das Betriebsklimas und der Geschäftszahlen der taz gesorgt hat, dann hatte das zweifellos damit zu tun, dass erstmals Lebenserfahrungen zu Wort gekommen sind, die Männer so nicht hatten. Würden Frauen, um zu beweisen, dass sie “es geschafft” haben, nun massenhaft vormals rein männliche Lebensentwüfe leben (12-Stunden-Tag ohne private Verpflichtungen, Befehl und Gehorsam, Spitzeneinkommen, Dienstwagen mit Chauffeur, Hahnenkämpfe etc.), fielen alternative Erfahrungen erneut unter den Tisch. Was wollen wir wetten, dass die Zahlen und die Texte dann wieder schlechter werden würden – und das Klima einfriert, egal, wie nackt die Tatsachen sind?

    Es geht nicht darum, Führungsposten weiblicher zu machen. Es geht darum, Strukturen menschlich zu gestalten. Für alle Beteiligten.