Die neue taz.am wochenende: Abschied von der Chronistenpflicht

Von Felix ZimmermannFoto: Kathrin Windhorst

Weitsichtig, unsere taz-Gründungsväter und -mütter, schon damals, Ende der Siebziger, als sie unserer Zeitung ihren Namen gaben: die tageszeitung. Wurde im Laufe der Zeit taz draus, knapp und schnörkellos, ein Kurzwort mit bissigem, listigem Zischlaut am Ende. Und wer jetzt meint, »taz« klinge wie etwas, dem Luft entweicht, bis es schlaff nur noch herumliegt, der irrt.

Denn hinter dem Namen verbirgt sich längst ein Medienunternehmen, prosperierend, mit – bald – neuem, stolzen Haus und veränderungswillig bis hin zur Abkehr vom Tageszeitungsjournalismus – zumindest am Wochenende.

Die taz.am wochenende soll zwar noch taz sein, aber keine Tageszeitung mehr, sondern ein Wochenmagazin, das für sich funktioniert. Jeder mag an seinem persönlichen Leseverhalten bemerkt haben, was sich seit einigen Jahren als Trend festgesetzt hat: Unter der Woche wird es schwieriger, Tageszeitungen zu verkaufen; Zeit für die einigermaßen ausgiebige Lektüre nimmt man sich vor allem am Wochenende. Die taz profitiert davon, mindestens seit Gründung der sonntaz als Magazinbeilage im Frühjahr 2009. Die Wochenendauflage wuchs und mit ihr die Zahl der verkauften Abos – auf inzwischen 12.300.

taz-weEin Tageszeitungshaus um Magazinjournalismus zu erweitern, kann nur als evolutionärer Prozess vonstatten gehen. Den nächsten Schritt taten wir mit Gründung der taz.am wochenende im Frühjahr 2013. Nun soll diese Wochenendausgabe noch stärker zum Magazin werden.

»Ausgeruht« hatte sich als Kennzeichnung dieser Art von Journalismus vorübergehend eingeschlichen, was aber irreführend ist. Es klingt nach einem allzu behäbig-verpennten Zugang zu Themen, die uns nachdenklich machen, berühren, begeistern.

Wir wollen eher von »Souveränität« sprechen, denn darin liegt die Chance: Weil es ein Überangebot an Nachrichten und Verbreitungskanälen gibt, muss die Tageszeitung nicht mehr der Ort sein, der sich eine Nachrichtensicherheit zum Ziel setzt, die eh nicht einzulösen ist. Befreien wir uns also von der Chronistenpflicht, die die Zeitung von morgen flugs zur Zeitung von gestern macht, wählen stärker aus, welche Geschichten aus Politik, Kultur, Gesellschaft und Alltag uns wirklich wichtig sind, und überlegen, wie wir sie erzählen wollen.

Ideenreich, ausgiebig recherchiert, auf stilistisch und dramaturgisch hohem Niveau. Überraschend, eigenständig und dabei vom Nachrichtenstrom nicht völlig abgekoppelt, nur eben nicht mehr getrieben von ihm, was in schnelllebigen Zeiten ohnehin kaum noch Sinn ergibt.

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