Redakteure sind Teil des Systems

Von Lea Deuber

Wer die Praktikumsvergütung bei anderen Medienhäusern kritisiert, sollte selbst fair zahlen. Und das liegt auch in der Verantwortung der fest angestellten Journalisten.

Anfang dieser Woche stellte Sebastian Heiser in einem Beitrag klar: Auch wenn die taz nur 200 Euro Praktikumsvergütung zahlt, dürfe er trotzdem über die niedrigen Löhne anderer Medienhäuser schreiben. Er kritisiere die schließlich auch am eigenen Blatt.

Doch was bringt diese Kritik? Heiser hat Recht. Er ist nicht die taz. Aber er ist Mitarbeiter dieser Zeitung und als solcher arbeitet er tagtäglich mit jungen Kollegen, die für zehn Euro am Tag in die Redaktion kommen und davon leben müssen.

Können sich die Praktikanten wehren? Nein! Denn sie sind auf diese Berufserfahrung angewiesen. Umso wichtiger wäre es deshalb, wenn sich die engagieren, die es sich leisten können: die Festangestellten. Denn sie haben die Löhne der Praktikanten im eigenen Haus zwar nicht festgesetzt, aber sie tolerieren sie. Das macht sie zu einem Teil des Systems.

Dass Journalisten mit dem Finger auf sich und andere zeigen, bringt den Praktikanten nichts. In der Frage der Praktikumsvergütung geht es um Solidarität. Erst recht bei der taz.

Lea Deuber ist Praktikantin im Ressort Wirtschaft & Umwelt

Kommentare (12)

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  1. Nur mal so eine blöde Frage: Ist es nicht komisch, dass kurze Zeit nach der linken Kritik von Lea Deuber an kapitalistischen Arbeitsweisen in der taz und Sebastian Heisers unterschwelliger Zustimmung der Redakteur rausgeworfen werden soll?

  2. Oder sie machen nicht nur Gedöns, tun was dagegen (.. bekommen wahrscheinlich Ärger) und fangen nach der investigativen Recherche endlich mit dem Aufklären an:
    http://blogs.taz.de/hausblog/2015/02/20/in-eigener-sache/

    Wo? Nicht bekannt bis jetzt. In der tageszeitung gedruckt und online höchstwahrscheinlich nicht.
    Da vielleicht:
    heisersstimme.wordpress.com

  3. Mit welcher juristischen Begründung wird die Umgehung des Mindestlohns bei der taz eigentlich zum Praktikum umgelogen?

    • Wir lügen uns das mit der Begründung zurecht, dass es so im Gesetz steht. Der hier relevante Teil von § 22 des Mindestlohngesetzes lautet: „Dieses Gesetz gilt für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Praktikantinnen und Praktikanten im Sinne des § 26 des Berufsbildungsgesetzes gelten als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Sinne dieses Gesetzes, es sei denn, dass sie […] ein Praktikum von bis zu drei Monaten begleitend zu einer Berufs- oder Hochschulausbildung leisten […].“ Den ganzen Paragrafen finden Sie hier: http://www.gesetze-im-internet.de/milog/__22.html

  4. Lese ich das richtig? Die Kategorie Meist gelesen ist bis jetzt leer, seitdem der obige Beitrag erschienen ist. Sonst steht dort eigentlich immer etwas, meist eintönig lang, da die Blogbeiträge ja nicht so oft wechseln wie die Artikel auf http://www.taz.de.

    Soll hier absichtlich von dem Blogbeitrag abgelenkt werden?

    Weil er zu viel Aufmerksamkeit bekommen könnte, wenn sich herausstellt, dass er, langsam ist er ja nicht mehr wirklich frisch und morgen bei voraussichtlich neuen Blogbeiträgen wird er auch nicht mehr frischer, mit am meisten gelesen wurde? Hihi, spannend, spannend.

    Ja, Sönke, wo linksalternativ draufsteht, erwartet mensch auch, dass linksalternativ drin ist. Ganz genau so sehe ich das mit der Glaubwürdigkeit.

    Nur das mit dem neuen Gebäude sehe ich anders. Die taz braucht das. Auch für den Neuanfang, der ihr bevorsteht. Meiner Prognose nach werden nach dem Umzug weniger Menschen für die tageszeitung arbeiten als heute. Den Umgang mit Praktikanten kann die taz dann neu aufbauen.

  5. Nö, sie macht sich unglaubwürdig! Ich zahle lieber mehr für die Mitarbeiter als für da neue Gebäude.

  6. Pingback: Wer im Glashaus sitzt, sollte mit Steinen werfen | taz Hausblog

  7. Unzählige junge Menschen haben unzureichend Ahnung von Wirtschaft.

    Was die taz mit ihrem Praktikumsangebot macht, mildert den Bauchklatscher der fertig absolvierten Abiturient*nnen, Student*nnen, Promovenden. Der Übergang aus dem Elfenbeinturm in die Realität wird langsamer mit Zeit zum Nachdenken. Denn selbst diese Akademiker*nnen verstehen oft genug erst in der Praxis durch leidliche Erfahrung, wie private/öffentliche Wirtschaft funktioniert. Wie hart Leben außerhalb der behütenden Schulen, Alma Matren und anderen Bildungseinrichtungen sein kann. Vie normal diese Härte für die gesellschaftliche Mehrheit ist. Zeit zur Rückkehr auf den Boden.

  8. Das mag jetzt fies klingen aber:
    Das Angebot schafft sich nunmal seine Nachfrage. Laut aktuell vorherrschender Logik.

    Aber, ein Gedankenspiel:
    Eine Anzahl von XXXXX Personen braucht für ihr Studium ein Praktikum um „Berufserfahrung“ zu sammeln oder zu erwerben(das vor allem nicht nur aus Eigennutz sondern auch Interesse). Das Angebot ist da.
    „Nehmer“/Konsument des Angebots sind die Unternehmen.

    Unter welchen Bedingungen „arbeitet“ der Praktikumsmensch?
    Es gelten die Bedingungen des Marktes.

    Können die Unternehmen die Bedingungen des Praktikums vorgeben?
    Ja, die Unternehmen können und werden Bedingungen vorgeben, denn Qualifikation spielt seit der starken Arbeitsspezialisierung eine große Rolle. Damit befindet sich der Praktikumsmensch in einer Abhängigkeitsbeziehung zu den Unternehmen.

    Problem:
    Der Staat hält sich raus. Der „Markt“ macht das schließlich.
    Das Praktikum verkommt somit automatisch zu einer nach Markt geordneten Leistung. Die Folgen von Deruglierung und verfehlter/unterlassener Ordnungspolitik sind bekannt.(Missbrauch der Leiharbeit etc.)

    Folge:
    „Gute“ Praktikumsplätze werden seltener und damit verdrängt. Unterm Strich sind Praktika für 90% der Unternehmen finanziell günstige Anstellungsverhältnisse. Die Unternehmen die weiterhin „gute“ Praktikumsplätze anbieten nehmen nur „Eliten“ und sind meist selbst sehr gut Konstitutiert. Die TAZ, als Genossenschaft hat es da sehr schwer. Praktika gehören verboten. Anstelle dessen sollen geordnete (wenn unbedingt nötig) befristete, besser noch unbefristete Arbeitsverhältnisse geschaffen werden. Da sollte aber vor allem die Politik in die Pflicht genommen werden

    Es ist richtig aus dem Glashaus mit Steinen zu schmeissen, auch wenn man selbst drinn sitzt.
    Anderes Beispiel:
    Warum sollte beispielsweise ein Mensch der nicht im Besitz des deutschen Passes ist, nicht trotzdem an politischen Diskussionen über deutsche Politik teilnehmen.

    Meine Orthografie ist schlecht, sorry.

  9. Doch, Lea Deuber, Heiser ist die taz. Sicher nicht allein, aber als Teil. Was sollte „die taz“ anderes sein, als die Menschen, die sie machen mit dem Ergebnis dessen, was sie machen. Nur die Produkte? Quatsch.

    Klar basieren die im Vergleich zu den Praktikanten hohen Gehälter der Festangestellten auf den niedrigen Versorgungen der über 100 Praktikanten jährlich. So läuft Kapitalismus. Gute Preise auf den Beschaffungsmärkten aushandeln, die den Nutzen von Produkten schaffen: neue Artikel, neue Namen, Unterstützung bei den täglich anfallenden Aufgaben in den Ressorts. Sprich den Praktikanten wenig abgeben und sie schnell wieder loswerden, aufdass sie keine Gefahr für die Menschen werden, die von der taz leben (müssen). Schließlich hohe Preise auf den Verkaufsmärkten erzielen, durch Preiserhöhungen bei den Produkten, Einnahmen von GenossInnen usw.

    Wenn es in der taz Kapitalisten gibt, dann kommen die Festangestellten, nicht nur die Redakteure, ihnen am nächsten. Denn sie sind es, die die Ausbeutung der Leistung der Praktikanten tolerieren. Sie sind als Teil des Ganzen, als Teil der taz, Genossen, mitverantwortlich für alles, was die taz macht.

    Die Sache ist nur die, die Redakteure werden sich kaum verantwortlich fühlen. Warum? Kapitalismus ist Norm. Er ist normal. Kaum ein deutsches Unternehmen kann sich dieser Norm entziehen. Verdrängen, kleinreden, schönes Image aufbauen, von sich weisen. „Ist mach doch nur mein Job!“ „Ich bin darauf angewiesen!“ „Der böse Verlag und die Medienmärkte sind schuld!“ Alles mögliche Reaktionen. Aber Entziehen? Nein. Das würde wenig Erfolg mit einem Produkt bedeuten.

    Das beste, was die Ausbeuter in der taz machen können, ist, den Praktikanten gut zuzuhören und ihnen zu geben, was sie suchen. Das kann nur Lebensorientierung sein. Denn warum sollten die Praktikanten sonst zur taz wollen? Um taz zu werden? Dann, liebe Praktikanten, macht die Augen weit auf und erkennt, was das tazächlich bedeutet.

  10. Es ist absolut wichtig, dass sich die Festangestellten auch für die Belange der Praktikant*innen kümmern, genauso wie für die eigenen.

    Gute und freie Pressearbeit muss nicht bedeuten, dass man die eigenen Journalist*innen und den journalistischen Nachwuchs mit billiglöhnen abspeisen Muss. Ich wäre gerne bereit etwas mehr für meine Taz zu bezahlen, wenn alle ordentlich bezahlt würden.

    Es bleibt mein Appell an die Mitarbeiter: Organisiert Euch! Zusammen ist amn weniger allein und ein Starker Partner kann nicht schaden. Deshalb: https://medien-kunst-industrie.verdi.de/