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02.02.2010

Zeichen geben

von Imma Harms

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Thomas arbeitet seit Jahren an einer Filmidee. Sie handelt vom Blinken, oder vielmehr vom Nicht-Blinken abbiegender Autos. Das empört ihn als Kraftfahrer und als Mitbürger - diese Tendenz, sich im Verkehr so zu bewegen, als sei kein anderer da, als sei der Verkehrsfluss tatsächlich ein Fluss, in dem man, das Medium beiseite schiebend, sich den eigenen Wünschen entsprechend durchwühlt. Aber das Medium des Verkehrs sind die anderen Verkehrsteilnehmer; sie wollen als Subjekte anerkannt werden, sie wollen eine Mitteilung, was der Vor-Fahrer beabsichtigt, um sich darauf einrichten zu können.

Als Kind trampte ich mit meiner Tante Else manchmal ins benachbarte Dorf. Einmal nahm uns ein junger Mann mit einem VW-Käfer mit. Es war ein altertümliches Modell mit Richtungszeigern, die in den Holmen neben den Seitentüren versenkt waren und durch einen elektrischen Impuls gehoben wurden. Nachdem die Kurve genommen war, sollte der Zeiger, nach Abschalten des Anzeigeimpulses, in seine Ruhestellung zurückfallen. Das tat er aber nicht, sondern blieb ausgestreckt - eigensinnig und irritierend, als wolle das Auto seine weitere Richtung selbst bestimmen. Der Fahrer wandte sein Gesicht zu dem Seitenholm, hinter dem sich der Zeiger so starrsinnig stellte, sagte „Los, geh rein!“ und hieb mit der Faust gegen die Seitenwand, woraufhin der Richtungsanzeiger gehorsam im Schlitz verschwand.

Später gab es diese Zeiger nicht mehr, stattdessen blinkende Ecken an den Autos. Ich hörte davon, dass es automatische Blinklichter geben sollte. Und ich grübelte darüber, wie das Auto wissen kann, in welche Richtung der Fahrer fahren will. Das war mir unheimlich. Erst viel später begriff ich, die Automatik bestand darin, dass der Blinker nach der Kurve automatisch wieder abgeschaltet wurde, weil das Lenkrad bei seiner Rückwärtsbewegung den Blinkerhebel in die Ruhestellung mit zurücknahm. Ich war darüber eher enttäuscht als beruhigt und habe ein bisschen Verachtung empfunden für das, was „Automatik“ genannt wurde.
In der Fahrschule lernte ich, dass man im Notfall immer noch die Hand nehmen darf, um die Richtung anzuzeigen. Nach links: die Hand aus dem Seitenfester strecken. Nach rechts: die Hand aufs Wagendach legen. Auch da blieb mir unklar, wie die Verkehrsteilnehmer auf der rechten Seite das denn überhaupt sehen können. Eine der Fragen, die nie gestellt oder nie befriedigend beantwortet wurden, eine Weile auf den Wellen träger Muße-Gedanken kreiseln, dann in Vergessenheit geraten, aber durch die fehlende Erklärung ein tiefes Misstrauen in die Sinnhaftigkeit menschlicher Konventionen hinterlassen. Dieses Misstrauen ist sicher ein Grund dafür, dass man es mit solchen Regeln, wie z.B. die Richtung anzuzeigen, nicht mehr so genau nimmt.

Wir haben ein altes Auto. Einen Opel Astra Kombi. Geräumig und bequem, mit Extras, die ich bis dahin nicht genossen hatte: elektrische Fensterheber, Zentralverriegelung. Alles hat seine Annehmlichkeiten und seine Tücken. Die Fenster lassen sich nicht mehr schließen, wenn die Zündung abgeschaltet ist. Und die Zentralverriegelung inklusive Kofferraum und Tankklappe kann auch durch einen einzelnen Türknopf ausgelöst werden; so kann man gut den Autoschlüssel mit einschließen. Schon zweimal musste Thomas lange Wege machen, um den zweiten Schlüssel herzubringen.
Das alte Auto fährt noch gut, aber es hat verschiedene kleine Gebrechen. Hier geht ein Lämpchen nicht, dort klappert eine Verkleidung. Das Gebläse der Heizung hat Thomas gerade repariert. Das Wasser im Kühlkreislauf verschwindet auf rätselhafte Weise. Man muss immer was zum Nachkippen dabei haben. Die Frontscheibe lässt manchmal Regenwasser durch, wenn der Wind es in ungünstigem Winkel dagegen drückt. Die Heckscheibenheizung muss man raus-rein-raus-ziehen, damit sie wirklich angeschaltet ist. Aber die Binker gehen, und wir ermahnen uns gegenseitig zu ihrer Betätigung – beim Abbiegen, beim Überholen, beim Spurwechsel, beim Ein- oder Ausparken. Durch die Erörterung von Thomas’ Filmidee haben wir einen hohen Bewusstseinsstand in dieser Frage.
Eine Einrichtung, die auch nicht geht, eigentlich noch nie ging, ist die Lichthupe. Mit dem Blinkhebel schaltet man das Fernlicht ein, wenn man ihn nach vorn drückt. Ein kurzes Heranziehen sollte zum Aufblinken der Fernlichter führen, ohne dass der Hebel in dieser Stellung verharrt. Ich habe das noch nie vermisst. Das ist ein Signal für Rowdies und Raser. Lichthupe heißt: Schlaf nicht ein, fahr’ schneller! Mach die Spur frei! Pass auf, ich überhole jetzt! Lass dir bloß nicht einfallen, jetzt auch zu überholen! Oder, z.B. in Thomas’ Fall: Wie wär’s denn mal mit Blinken vor dem Abbiegen!? – Lauter Botschaften von Alpha-Tieren im Verkehr. Wer sich z.B. gegenseitig den Weg freigeben will, kann das nach Blickkontakt auch mit einer Hand- oder Kopfbewegung mitteilen. Lichthupenzeichen fallen den anderen Verkehrsteilnehmern in den Rücken, bleiben anonym und wollen erschrecken oder nachtreten. Nein, ich halte nichts davon.

Der Verschleiß an einem Auto macht sich so bemerkbar, dass plötzlich etwas nicht mehr geht. Dass es zuvor nur noch gerade eben, nur noch ganz knapp ging, merkt man meistens nicht, weil sich dieser vorhergehende Abnutzungsprozess im Innern des Maschinen- und Armaturenraums vollzieht. Dazu gehört auch die Einraststufe eines Hebels, die langsam abschleift, die kaum noch hält, und dann irgendwann eben gar nicht mehr.
Gestern Abend, als ich von Berlin nach Reichenow aufbrechen wollte, ließ sich plötzlich das Fernlicht nicht mehr abschalten. Ich hatte kurz die Hoffnung, dass nur das blaue Kontroll-Lämpchen falsche Impulse kriegt. Aber es zeigte sich dann, dass das Abblendlicht ins Fernlicht überging, sobald ich den Blink- und Lichthebel am Lenkrad losließ. Fatal, mit Fernlicht durch die Stadt zu fahren, noch fataler, auf den Landstraßen entgegenkommenden Fahrern die Sicht zu nehmen. Was sollte ich tun? Ich bewegte den Hebel hin und her, vor und zurück. Ich konnte ihn ja beim Fahren nicht die ganze Zeit festhalten. Ich drückte ihn kräftig zu mir hin, in der verzweifelten Hoffnung, ihn doch noch mal zum Einrasten zu bewegen. Und – oh Wunder – jetzt ging die Lichthupe: Beim Heranziehen blendete das Fernlicht nun auch auf. Aber gerade jetzt hatte ich nicht mehr das geringste Interesse daran. Was sollte ich machen; ich konnte nicht die ganze kalte Winternacht im Auto in den Schluchten des Potsdamer Platzes sitzen bleiben. Ich setzte brav den Blinker nach links, um aus der Parklücke zu fahren, und – oh, noch ein Wunder – als ich den Hebel halb nach unten bewegt hatte, blieb er auf Abblendlicht-Position eingerastet! Ein Hoffnungsschimmer.

Alle marode Mechanik hat, bevor sie ganz zum Erliegen kommt, eine Biege-, Klemm- oder Spreizposition, in der sie gerade noch geht. Man kann sich kurze Zeit der Illusion hingeben, dass das Ding sich selbst repariert hat. Für den Lichthebel unseres Autos war das die Fast-links-Blink-Position. Da gab es so einen ganz kleinen inneren Haltepunkt für die Abblendstellung. Der musste aber aufgegeben werden, wenn der Blinker betätigt wurde. Vor allem die tolle Rückhol-Automatik des Blinkers ließ den Hebel unweigerlich in die Fernlichtposition zurückfallen. Bei jedem Versuch, ihn zu jenem winzigen Haltepunkt in der fast-links-Mittelstellung zurück zu kriegen, löste ich damit auch die nun wieder funktionierende Lichthupe aus. Es war zum Verzweifeln.
Jetzt ist eine Heimfahrtstrecke gut, die stur geradeaus geht, ohne die Notwendigkeit abzubiegen und dies den anderen Verkehrsteilnehmern anzuzeigen. So eine Straße ist die Landsberger Allee, die 30 Kilometer in meine Richtung führt, ohne dass ich ein einziges Mal abbiegen muss. 12 Kilometer ist die Straße drei-, manchmal sogar vierspurig. Die Spuren sind durch unterbrochene weiße Fahrbahnmarkierungen voneinander abgetrennt. Eine disziplinierte Verkehrsteilnehmerin zeigt an, wenn sie die Spur wechseln will – mit Blinker! Die Ampelanlagen auf der Strecke haben „grüne Welle“, wenn man etwas schneller als die vorgeschriebene Stadtgeschwindigkeit fährt. Eine Lichthupe im Nacken bedeutet: Penner!
Ich bin schon ganz erstarrt in der Anstrengung, im fließenden Verkehr nicht widrig zu sein. Ich wähle die mittlere Spur, von der ich nun nicht mehr lassen werde und auf der ich mit beharrlichen 55 Stundenkilometern meiner Heimat zustrebe. Der fließende Verkehr umspült mich von beiden Seiten. Es ist kalt, wenn auch nicht mehr so kalt wie in den letzten Nächten. Die Straße glänzt verdächtig; sie sieht nach Glatteis aus, aber für Lebensängste habe ich jetzt keine Zeit. Hindernisse tauchen auf, rot-weisse Barrieren mitten auf der Straße. Die Frostnächte mit minus 20 Grad haben den Asphalt zerstört. Tiefe Löcher klaffen in der Straßendecke, besonders häufig in der mittleren Spur. Sie sind mit provisorischen Absperrungen vom Verkehr abgepuffert - Absperrungen, die man umfahren muss! Das heißt: Blinken und dann unweigerlich: Lichthupe! Oder nicht blinken und sich rücksichtslos in die andere Spur rüberdrücken. Kein Signal oder ein falsches Signal. Rowdy 1 oder Rowdy 2. Vielleicht sollte ich es mit dem Handzeichen versuchen: Hand links raus oder Hand aufs Wagendach. Auf dem Wagendach liegt eine dicke überfrorene Schneedecke. Da meine Hand hineinzustecken ist bestenfalls ein Zeichen an mich selbst.

19.12.2009

Eine wahre Geschichte von Leben und Tod

von Imma Harms

Ich kann keine Geschichten erfinden. Dazu habe ich zu viel Tatort geguckt. Die Erzählung fließt wie Gips in den Reifenabdruck und bildet Handlungs¬muster, die einem verdächtig bekannt vorkommen:
Die junge Kommissarin dampft ihren Atem in die Morgenkälte. In der einen Hand das Brötchen, in der anderen einen Kaffeebecher, schiebt sie das rotweisse Absperrband routiniert mit dem Ellen¬bogen hoch und nähert sich dem abgedeckten Körper. Für ihr klingelndes Handy hat sie keine Hand mehr frei. Sie drückt dem verdutzten Spurenermittler den Pappbecher in die Hand…
So geht das los. War es wirklich ein Unfall, wie es auf den ersten Blick scheint? Das Auto sieht eher nach einem heftigen Blechschaden aus. Die Windschutzscheibe ist nur auf der Beifahrerseite geborsten. Warum kam die Rettung so spät? Wieso war der Freund schon vor Ort, als die Feuerwehr eintrifft? Hinter dem eingedrückten Wagen steht eine junge Frau in Feuerwehr-Uniform und weint. Die Kommisarin streift sie mit einem Blick, während sie ihr Handy zuklappt, und schaut sich um. Zwei Männer stehen an der Ecke, da. wo der kleine asphaltierte Weg in die Hauptstraße einmündet, und reden heftig aufeinander ein.
Die Geschichte könnte sich in verschiedenen Erzählsträngen und Rückblenden entwickeln. Der Tote scheint ein umtriebiger Geschäftsmann gewesen zu sein. Er betreibt eine Gourmetkneipe in einem schön aus¬gebauten Vierseitenhof in der Mitte des nahe gelegenen Dorfes. Er ist Anfang der 90er Jahre aus dem Westen gekommen und hat sich durch Tatkraft und kluge Geschäftspolitik Respekt im Dorf verschafft. Seinen Hauptumsatz macht er mit durchreisenden Geschäftsleuten, die bei ihm auch Übernachtungsmöglich¬keiten finden.
Er führt eine für diese Umgebung feine Küche, die Menschen mit Lebensart aus der Umgebung anlockt; er scheut aber auch vor groben Dorffesten nicht zurück.
Er mischt sich in die Lokalpolitik nicht mehr ein, als man es von einem Wirt erwartet. Der örtlichen Bürgerinitiative gegen eine große Putenmastanlage vermietet er seinen Versammlungsraum, hört - mit ein paar leeren Gläsern am Eingang stehenbleibend - ein bisschen der Diskussion zu. Die Unterschriftenliste auf dem Tisch neben sich übersieht er. Als die BI-Vertreterin ihm ihren Kugelschreiber hinhält, sagt er „später“ und verschwindet in der Küche.
Eines Tages kommen zwei dubiose Herren mit russischem Akzent und erkundigen sich bei ihm nach dem derzeitigen Besitzer des leerstehenden Schlosses. Er gibt nur verhalten Auskunft und stellt ganz beiläufig Rückfragen. Sobald sich die Männer zum Gehen wenden, ruft er den Ortsbürgermeister an. Während sich im Hintergrund die Tür schließt, tippt seine Hand auf dem Apparat Zahlen ein.
Die Kommissarin findet schnell heraus, dass das Schloss der wunde Punkt des Dorfes ist. Alle sind irgendwie in die Finanzkatastrophe von damals verstrickt, als die Gemeinde das verfallene Prestige-Objekt nicht der Treuhand und damit der Privatisierung überlassen, sondern selbst das Geschäft machen wollte. Ein windiger Architekt hatte seine Finger im Spiel, ein paar heimische Funktionsträger sahen sich schon als Manager eines Hotels für Führungskräfte. Dann aber verschwand der windige Architekt und das Dorf saß mit einem Schuldenberg von 2 Millionen da. Das verwitterte Bauschild für die Führungsakademie, der letzte Zeuge der ehrgeizigen Pläne, steht noch immer auf dem schütteren Rasen.
Es gab Schein-Versteigerungen und andere Winkelzüge der Gläubigerbanken. Es gab ein merkwürdiges Fischsterben im Schloss-See. Und jetzt die Russen. Sie stehen vor dem Eingang des Gasthofs und rauchen. Der Wirt reicht ihnen einen Aschenbecher heraus, bleibt dann noch in der geöffneten Tür stehen und wech¬selt ein paar Worte mit ihnen. Hat er ihnen nicht zusammen mit dem Aschen¬becher ein Stück Papier gegeben?
Unter dem Druck der Bürgerinitiative wird das Projekt Putenmastanlage aufgegeben. Oder ist es wegen der neuen Schlosspläne? Für das Gelände, das in Rufweite vom Schloss liegt, interessiert sich jetzt ein Agrarkonzern aus dem Oderbruch, der anderswo groß ins Genmais-Geschäft eingestiegen ist. Er will hier Biogas machen. Wenn das Schloss mal wieder genutzt wird, muss es geheizt werden. Der Bauantrag für die Biogas-Anlage spaltet die Bürgerinitiative in zwei Lager.
Das alles weiß der Wirt, weil sein Gasthof Schauplatz von Treffen ist und weil er schlau genug ist, sich im Mittelfeld der Meinungen zu halten und sparsam mit seinen Informationen umzugehen.
Er sieht weder schmierig noch übertrieben jovial aus. Eher ein bisschen aristokratisch sogar, mehr Heiner Lauter¬bach als Uwe Ochsenknecht. Überlegen und ruhig. Das macht ihn doch auch ein bisschen verdächtig. Was hat dieser Mann im Dorf noch vor? Wie gut kennt er die Russen wirklich? Und hat er nicht im Westen eine geschiedene Frau? Die interessante Rothaarige, die dem BI-Sprecher gleich aufgefallen ist, als sie, ohne sich umzusehen, durch den Gastraum der Goldenen Kartoffel rauschte und mit einer heftigen Bewegung die Schwingtür zur Küche aufstieß. Er konnte nichts Genaues verstehen, nur das Wort „Bankkredit“.
Nach der Beerdigung geht die Rothaarige mit dem Freund weg, der so schnell am Unfallort war. Der Bürgermeister schaut ihnen nach. Die Kommissarin, die natürlich auch da ist, glaubt immer noch nicht an einen Tod durch Autounfall…
So geht das weiter. Im Verlauf der Erzählung werden so gut wie alle verdächtig - der Bürgermeister, die neuen Schloss-Herren, die Aktivisten aus der BI, die Baufirma für die Biogasanlage, natürlich die Exfrau und der Freund. Die Ähnlichkeiten mit konkreten Personen sind vielleicht nicht zufällig, aber letztlich beliebig. So real ihre Vorbilder sein mögen, durch die Erzählung erstarren sie zu Prototypen.
Natürlich fördern die Ermittlungen jede Menge Machen¬schaften zutage und betten sie in eine geeignete Backstory ein: die Kommis¬sarin verliebt sich, wird überfallen und verletzt, muss zu ihrer kranken Mutter in die Hauptstadt, kommt in eine veränderte Situation zurück, wird enttäuscht, entliebt sich wieder, usw.
Die Handlungsmuster erzeugen das behagliche Gefühl des Wiedererkennens, nicht weil wir die Realität darin abgebildet sehen, sondern weil man es uns in dieser oder ähnlicher Form schon so oft erzählt hat. Zum Schluss war es eben doch nur ein tragischer Unfall nach einem Feuer¬wehrball. Aber das ist dann eigentlich auch schon egal.
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Prötzel ist unser Nachbardorf. Man fährt durch, auf dem Weg nach Berlin oder zurück nach Reichenow. Will man die S-Bahn von Strausberg-Nord nehmen, muss man links abbiegen und durch den Ort fahren. Will man eher ins nördliche Berlin, entscheidet man sich für die schöne Waldstrecke nach Werftpfuhl und Tiefensee.
An der Kreuzung, wo die Entscheidung fällt, liegt der Gasthof „Zur goldenen Kartoffel“. Wir waren ein paar Mal zum Essen da, wenns ein bisschen was Feines sein sollte. Etwas schummrig, der weite Gastraum, und ein bisschen mit ländlichem Zierrat überladen. Ein bisschen öde auch die gelangweilten Männer in Businessanzügen, die mit den Daumen zerstreut über die Hälse ihrer Pilsgläser streichen und dabei den einen oder anderen Satz fallen lassen.
Der Gasthof gehört Kasten S. Ich kenne ihn nicht, aber ich hätte ihn gerne kennengelernt. Er ist mir schon früh aufgefallen, ein großer Mann im mittleren Alter mit der Schlaksigkeit eines Lehrlings, mit aufmerksamen, immer ein bisschen erstaunt schauenden Augen. Wenn er eine Frage beantwortet, liegt in seiner Stimme eine Schüchternheit, als hätte er sich zu entschuldigen. Er hat kurz rasiertes Haar, so, als wenn er sich einmal im Monat mit dem Schergerät über den Schädel fährt.
Karsten S. hat im Hofgebäude des Gasthofs eine Holzofenbäckerei einge¬richtet. Am Wochenende backt er dort Brot und Brötchen. Die Brötchen sind viereckig und weich und auf angenehme Weise vollmundig. Sie sind sehr beliebt, und wenn man sich bei uns auf dem Gutshof etwas Gutes tun will, fährt man Sonntagsvormittags nach Prötzel, um frische Brötchen zu kaufen.
Man geht direkt in die Backstube. Dort trifft man S. in karierter Bäckerhose und weißer Bäckerschürze. Er schaut fragend. Gibt’s noch Brötchen? Ja. Gibt’s noch. Hier drüben. Beim Antworten zieht er die aufgeblähten Nasenflügel auf der einen Seite komisch hoch. Dann rutscht er auf seinen Latschen zum Brotregal hinüber, greift eine Handvoll der weichen kleinen Brötchen und schlägt sie in einen Bogen weißes Papier ein. Das macht er schlecht, so schlägt man Papierkanten nicht um. Ich helfe nach und klemme mir das Brötchenpaket unter den Arm. Eine hingeworfene Bemerkung führt zu nichts. Karsten S. sucht nicht das Gespräch…

Als ich am Mittwoch, dem 4. November von Reichenow komme und auf die Goldene Kartoffel zufahre, entscheide ich mich, die nördliche Route nach Berlin zu nehmen, den schönen langen Weg durch den Wald. Es ist ein kalter Vormittag, und es hat zu Nieseln angefangen. Ich schalte den Scheibenwischer ein, aber nur auf Intervallschaltung. Thomas hat immer ein bisschen Angst, dass die Wischblätter sich auf der Scheibe kaputtradieren.
Ich denke dies und das. Ich sollte bald mal zu einer Idee für den Vorleseabend im Dezember kommen. Ich hab schon so lange nichts mehr geschrieben. Ganz aus der Übung. Und auch so wenig Gelegenheit. In der S-Bahn hätte ich immerhin noch was in den Laptop schreiben können. Aber jetzt bin ich mit dem Auto, weil ich eine Nähmaschine nach Berlin transportiere.
Ich habe das Aufnahmegerät eingepackt. Falls mir was einfällt, kann ich das vielleicht unterwegs aufs Band sprechen. Das hat zwar noch nie geklappt. Aber wer weiß. Ist doch komisch, dass mir die Sätze entgleiten, wenn ich sie laut sagen will. Da gibt es eine merkwürdige Sperre. Für sich alleine schreibt man, reden tut man zu jemand anderem. Ist aber sicher alles nur eine Frage der Gewohnheit.
Als ich überlege, ob ich den Recorder nicht doch herausholen sollte, schon mal neben mich legen, dreht sich die Straße unter mir nach rechts weg - ganz leicht, ganz elegant, wie ein gut gewachster Parkettboden unter dem Tanzschuh. Das Auto schnellt mit der leichten Drehbewegung in Richtung der anderen Straßenseite. Es rast, es fliegt auf einen Abgrund zu, auf eine Klippe, auf das Große Nichts. Ein Baum steht im Weg, er wird schnell größer. Der Baum steht da - groß, breit, stark. Er wird mich auffangen. - Explosion. Aus.
Die Wischblätter kratzen über die zerstörte Scheibe. - …den Scheibenwischer ausmachen… Meine Hand findet einen Schalter.
Ein Gedanke nimmt Form an. …ich muss sagen, wer ich bin: …bitte Thomas Winkelkotte in Reichenow anrufen: 15251… 15251…, murmele ich in ein Gesicht. Das Gesicht verschwindet. - …die Vorwahl, ich hab die Vorwahl nicht gesagt!
Im Krankenhaus erfahre ich, dass ich zwei Kilometer hinter Prötzel bei plötzlich einsetzendem Glatteis gegen einen Baum geprallt bin, dass der Baum das Auto in der Mitte gefaltet hat, dass es die freiwillige Feuerwehr aus Prötzel war, die mich in einem einstündigen Einsatz bei Eis und Schnee aus dem Wrack herausgeschnitten hat, dass ich wie durch ein Wunder mit dem Leben davongekommen bin. Thomas ist bei mir. „Auf dem Baum steht eine Dreizehn“, sagt er.

Vier Tage später bringt C. mich mit dem Auto vom Marzahner Krankenhaus zurück nach Reichenow. Es ist Sonntagmittag. Als wir durch Prötzel kommen, halten wir bei der Goldenen Kartoffel, um frische Brötchen mitzunehmen. Die Backstube ist dämmrig. Karsten S. kommt mir aus dem Hitnergrund des Raumes entgegen. Wieder das schüchterne Lächeln, das Hochziehen des linken Nasenflügels. Nein, Brot und Brötchen sind schon oben in der Gaststube. Über den Hof und die Treppe rauf. Danke. Schönsonntag. Als wir auf der linken Seite zur Terrasse hochsteigen, kommt er uns ein paar Schritte auf den Hof nach. „Hallo, nein, da durch! Die Treppe im Haus. Tschuldigung, hab ich mich nicht richtig ausgedrückt.“ Er wendet sich zurück zur Backstube. Wieder dieses Schliddern auf den Latschen, halb wie in Eile, halb wie ein Spiel auf dem Eis.

Mein Körper verheilt wie eine offene Wunde. Er überzieht sich nach kurzer Zeit mit einer Kruste aus Gesundheit, um die erschütterte Seele vor allzu großer Anteilnahme zu schützen.
Nach zwei Wochen kommt M. mich besuchen, eine junge Frau aus der Nachbarschaft, die bei der freiwilligen Feuerwehr in Prötzel ist und bei meiner Rettung dabei war. Sie erzählt von dem Einsatz; ich erzähle, wie es mir im Krankenhaus ergangen ist. Dabei beobachtet sie mich unauffällig, sie versucht, die Bilder übereinander zu legen: das blutüberströmte, eingeklemmte, dem Tod so nahe Unfallopfer und diese munter plaudernde Nachbarin. Ich beobachte sie auch: So junge Menschen müssen wimmernde, sterbende, tote Menschen aus Autowracks herausholen! Das geht doch nicht! Sie erzählt, dass am 5. Dezember der neue Feuerwehrwagen eingeweiht. Ob wir auch kommen wollen? Auf jeden Fall.

Der 5. Dezember ist ein Samstag. Ich habe einen Kasten Bier gekauft und einen Kuchen gebacken. Thomas und ich sind pünktlich um 15 Uhr in Prötzel. Gerade wird das neue Löschfahrzeug in einem feierlichen Défilée in die Halle eingefahren. Aus der Riege der uniformierten Feuerwehrleute, der Lokalpolitiker, Ortshonoratioren und Nachbarn löst sich M., heute ebenfalls in Uniform, und kommt auf uns zu. „Dass du wirklich gekommen bist!“ Sie nimmt mich mit und macht mich mit Kameraden bekannt, die auch bei dem Einsatz dabei waren. Ich schüttele Hände, bedanke mich und schwenke dabei etwas hilflos mit dem Korb, in dem ich den Kuchen drapiert habe. So ein Kuchen, das kommt mir bei dem Anlass lächerlich unangemessen vor. Aber ich merke bald, sie freuen sich wirklich, dass ich gekommen bin.
Die weihnachtlich geschmückte Halle ist mit Menschen gefüllt. Kerzen brennen zwischen Tannenzweigen. Kuchenteller stehen auf rautenförmig ausgelegten Papierservietten. Der riesige rote Feuerwehrwagen bildet eine imposante Kulisse. Die Riege der Lokalpolitiker und der Wehrführer verschiedener Dienstgrade nimmt vor dem bekränzten Fahrzeug Aufstellung. Es hat 220 000 Euro gekostet. Das ist schon ein paar Reden Wert. Da passt es wunderbar, dass ich gekommen bin. Ich soll als gerettetes Opfer auch was sagen, schließlich ist die Presse da. Ich werde nach vorne geschoben.
Ich komme als letzte dran und sage, dass ich nicht wusste, was die fast noch Jugendlichen in dieser ehrenamtlichen Tätigkeit leisten müssen. Und dass ich ihnen unendlich dankbar bin. Viele haben Tränen in den Augen. Ich auch. Der Mann von der Presse macht sich Notizen und fragt nach meinem Namen. Bauer B., dessen Sohn bei meiner Rettung beteiligt war, schüttelt mir die Hand, und bedankt sich, dass ich mich bedanke. Das sei noch nie vorgekommen, dass ein von der Feuerwehr befreites Opfer noch mal herkommt. M. steht im Hintergrund und lächelt stolz.
Wir müssen weiter; wir sind am Nachmittag noch in Berlin verabredet. Ein bisschen schade. Der Festakt soll zum Abend in ein Dorf-Weihnachtsfest übergehen. Als wir zum Parkplatz gehen, kommt der Mann von der Presse uns nach. Seine Zeitung macht eine Vorweihnachtsserie mit dem Titel „Helden des Alltags“. Er würde gerne über mich und die Menschen, die mich gerettet haben, schreiben. Ich gebe ihm meine Karte.
Hinter der Feuerwehrhalle wird der Grill angeworfen. Ein exakt gestapelter Holzstoß wird fachgerecht in Brand gesetzt.
„Wenn die von jetzt bis abends durchsaufen, wer rückt denn dann aus, wenn ein Einsatz ist“, fragt Thomas. Wahrscheinlich gibt es so was wie eine Einsatzbereitschaft, die nüchtern bleiben muss, überlegen wir. Wir hätten doch kein Bier mitbringen sollen. Als wenn die Feuerwehr immer nur zum Saufen zusammen kommt. Blödes Klischée.
Auf dem Weihnachtsfest, das wir in Berlin besuchen, bin ich unruhig, unaufmerksam, fühle mich erschöpft. Unter der Kruste rumort die aufgescheuchte Seele. Dass sich nie jemand bedanken kommt! Und wäre ich denn selbst gekommen, wenn nicht M. vorher bei mir gewesen wäre? Dass sogar der Bauer kurz vorm Weinen war! Das tiefe Erschauern vor der Möglichkeit des Todes wird Tränenflüssigkeit weggeschwemmt, die zu Strömen von Anteilnahme zusammenfließt.
Wir verzichten auf weitere Abendunternehmungen und nehmen die S-Bahn um kurz vor zehn.
Auf der Fahrt durch Prötzel überlegen wir kurz, ob wir noch mal beim Feuerwehrfest reinschauen sollen. „Wahrscheinlich sind jetzt alle sturzbesoffen“, meint Thomas, dem die Bilder von ausgedehnten Reichenower Dorffesten hochkommen. In mir kämpfen Neugierde und Erschöpfung. Das Innere der Feuerwehrhalle ist noch immer hell erleuchtet, aber außen ist niemand zu sehen, und es ist auch merkwürdig still. „Das ist jetzt nichts“- wir fahren nach hause.
Am nächsten Morgen finde ich eine Email des Journalisten vor, dass wir den vereinbarten Fototermin verschieben müssen. Die Prötzeler Feuerwehr musste noch in der Nacht zu einem Einsatz ausrücken, um einen toten Bekannten aus den Trümmern seines Wagens zu befreien.

In der Zeitung steht, dass Karsten S., der Inhaber der Goldenen Kartoffel, bis ungefähr zehn Uhr mit seinem Freund in der Backstube war. Sie hätten Brot und Brötchen für den nächsten Tag vorbereitet und dann noch ein bisschen zusammen gesessen. Der Freund sei rüber zur Weihnachtsfeier der Feuerwehr gegangen, Karsten wollte nach Hause. Andere sagen, dass Karsten selbst noch auf der Weihnachtsfeier war; ich weiß nicht, was stimmt. Jedenfalls fährt er dann zurück nach Blumenthal. Das ist ein paar Kilometer entfernt, mit dem Auto vielleicht 5 Minuten. Es ist die Strecke nach Werftpfuhl und Tiefensee. Am Abzweig nach Blumenthal - ein Kilometer vor Baum Nummer 13 - kommt sein Wagen ins Schleudern und rast gegen den ersten Baum nach der Kreuzung. Karsten S. ist tot. M. sagt, dass Freitag, also heute, seine Beerdigung sein sollte.
Karsten S. ist tot, ich lebe. Ich lebe und erinnere mich an ihn. Mit meiner Erinnerung versuche ich, ihm ein kleines Stück meines wiedergewonnenen Lebens abzugeben.
Dies ist eine wahre Geschichte. Wahr ist sie nicht nur, weil die Fakten stimmen, sondern weil ich mich so genau wie möglich daran zu erinnern versuche, was ich wirklich gesehen, gehört und gefühlt habe. Eine Geschichte wird daraus, weil ich auswähle, es mit meiner Sprache beleuchte und ein Bild daraus montiere.
In den Falten der Erzählung verbirgt sich das Unbegriffene. Die Ahnung davon macht den Reiz der wahren Geschichte aus. Vielleicht ist es nicht so schlimm, dass ich keine Geschichten erfinden kann.

05.12.2009

Verwerten und bevorraten (3) Dickes Fell wird gebraucht

von Imma Harms

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Liebes Tagebuch, da bin ich wieder.
Inzwischen ist das Highlander Rind geschlachtet worden. Aber ich war nicht dabei. Ich war bei Glatteis mit dem Auto gegen einen Baum geschleudert und für einige Wochen außer Dienst gestellt.
Das Tier ist verteilt. Alle wollten Filet oder Tafelspitz, haben dann aber auch was anderes genommen. Thomas ist durch die große Nachfrage ermutigt. M., der Halter der kleinen Herde aus der Märkischen Schweiz, ist durch das reibungslose Geschäft ermutigt. Nun will er drei weitere Kälber loswerden. Thomas hat erst noch den Versuch gemacht, ihnen woanders ein neues Leben zu ermöglichen - bei Bekannten im Uckermärkischen, die auch eine Herde aufbauen wollen. Aber es hat nichts ergeben. Und M. wollte die drei Tiere unbedingt weghaben, weil er seine Herde verkleinern muss. Sie wurden also letzte Woche geschlachtet. Eines der fast ausgewachsenen Tiere wurde noch einmal von Thomas und zwei anderen befreundeten Fleischparteien übernommen. Gleich werden die Lappen angeliefert und in meiner Schmalzküche zerteilt.
Merkwürdigerweise sollten die wunderbaren langhaarigen Felle weggeworfen werden.
Das tat mir leid, weil ich eben den Drang zur Verwertung habe. Nein. Ich sage: zur Nutzung. Auch aus Achtung vor dem Tier.
Wir sind also nach Polen gefahren, nach Gorzów, um dort eine kleine Kürschnerei aufzusuchen, wo das Gerben erschwinglich sein soll. Die Felle hatten wir hinten im Auto, in einer großen grünen Kiste, provisorisch eingesalzen und gut abgedeckt.
Ich ertrage den Anblick von toten Tieren nicht. Dagegen macht es mir überhaupt nichts aus, das Fleisch anzufassen. Ich gebe zu, dass ich es sogar ganz gerne roh esse. Auch die Innenseite der Felle, also die weißliche, vom Bindegewebe gelöste Schicht kann ich emotionslos anschauen. Aber das Fell. Die Federn. Die Haut. Es ist die einschließende Hülle des toten, des getöteten Lebenwesens, die mir Grauen einflößt. Die Lebenskraft ist zerschlagen. Auf der Hülle liegt der Fußabdruck des Todes.
Was will ich dann mit den Fellen? Ich denke mir, durch das Gerben, die schöne Verarbeitung, den guten, herben Geruch des sauberen Fells wird der Tod abstrakt. So wie die Organe - das Herz, das geschlagen hat, die Muskeln, die sich angespannt haben - durch ihre Zerlegung abstrakt werden. Fleisch eben.
Die kleine Kürschnerei in Gorzów ist ein Hinterhofschuppen. Er wirkt ein bißchen ranzig, ein bißchen verfallen, verlassen irgendwie. Alles dunkel. Ich klopfe. Keine Antwort. Die Tür lässt sich öffnen. Ich sehe in einen kleinen dunklen Raum, hinter dem sich ein zweiter größerer auftut. Es riecht klebrig und gebraucht. Fahles Licht zeichnet graue Konturen. Ich unterscheide feuchte Haufen, Bündel und Schichten auf dem Boden. Es sieht aus wie eine Ruine, die von Obdachlosen bewohnt und dann aufgegeben wurde. Aber was da rumliegt, sind nicht durchweichte Schlafsäcke und zurückgelassene Lumpen sondern Häute und Felle.
Und sofort ist es wieder das, das Gefühl des Grauens. Alte Bilder steigen hoch. Bilder von getöteten Menschen auf Lastwagen, in Gruben. Bildern von Haufen gekeulter Tiere nach Epidemien. Dieser unvorstellbare Übergang zwischen Wesen und Materie.
Ich schließe die Tür. Wir gehen um den Schuppen, klopfen an einem erleuchteten Fenster. Eine Stimme “tak”, kurz darauf tritt eine polnische Dame, gepanzert mit einer riesigen Gummischürze, aus der Tür. Sie ist freundlich. Sie versteht. Ein bißchen polnisch, das wir von unserem Volkshochschulkurs mitgebracht haben, ein bißchen deutsch, weil das die Sprache ihrer Mutter ist, ein bißchen französisch, weil sie mal in Frankreich gearbeitet hat.
Sie trägt mit Thomas die grüne Kiste ins Haus. Sie ist sehr schwer. Thomas sagt, ich soll helfen. Ich halte die Tür auf und versuche, den Blick auf die nun boßgelegten Felle zu vermeiden.
Kälber. Große, kleine? Na, so mittel. Der Mann wird gerufen, um die Größe der Felle zu begutachten. Da muss ich sie dann doch angucken. Ein schwarzes, zwei braune. So schlapp irgendwie, verklebt vom Blut. Sehr elastisch in ihrer Schlappheit. Der Mann beachtet uns nicht, schaut nachdenklich auf die Felle. An der Wand hängt ein Kalender. Daneben ein Meisterbrief. Draußen wird es dämmrig.
Der Mann brummt etwas. Die Frau schreibt Zahlen auf einen Zettel. 200 und 250 Zl. Damit haben wir gerechnet. Der Mann verschwindet. Die Frau, die wie gesagt eine polnische Dame ist, gut frisiert und geschminkt, mit liebenswürdigen Manieren, erklärt uns, wie lange es dauern wird, und dass sie uns dann anruft. Eilfertig wollen Thomas und ich unsere Telefonnummer auf polnisch diktieren. Aber sie läßt sie uns lieber selbst aufschreiben. Sie wäscht noch unsere grüne Kiste aus. Also dann: do widsenia!
Auf dem Rückweg erzählt Thomas, dass er am Morgen die drei Köpfe am geheimen Ort vergraben hat, damit das Fleisch und das Fell daran verrottet und die schönen großen Hörner genutzt werden können. Und auch weil es den Boden fruchtbar machen soll. Er wollte das eigentlich in der kommenden Vollmondnacht machen -aus einer diffusen Bereitschaft, diesem Setting magische Kräfte zuzuschreiben. Dann kam ihm das aber selbst ein bißchen zu eso-romantisch vor, und er hat die Sache schon morgens vor unserer Fahrt erledigt. Auch weil man da besser sieht. “Das war schon ein seltsames Gefühl, als ich die Löcher zugeschaufelt habe. Die Erde auf den Haaren.” Da hat es ihn auch gegraust.
Die Hülle von Lebenwesen kann nicht wie Materie behandelt werden, da ist ein archaisches Sakrileg wirksam. Mir fällt ein, dass bei allen Beerdigungszeremonien die Körper eingepackt werden, wenigstens in ein Tuch. Das Abdecken von Leichen ist nicht nur ein Sichtschutz, es ist auch eine symbolische Schutzhülle für das Wesen, das sich jetzt nicht mehr selbst schützen kann. Und es ist eine Vorstellungsbarriere, hinter der der Verfall seine Arbeit beginnen kann. Und beginnen soll.

Thomas hat dann später im Kalender nachgesehen und festgestellt, dass der exakte Vollmondtermin gerade zum Zeitpunkt des Vergrabens war.

Am Abend nach unserer Rückkehr und in der Nacht hatte ich rasende Schmerzen im Brustkorb. Vom Solar Plexus aufsteigend, in die rechte Schulter ausschwärmend. Die Ärzte können keine Ursache feststellen. Phantomschmerz nach meinem Unfall. Der Todesschreck.

23.10.2009

Verwerten und Bevorraten (2): Fleischteile

von Imma Harms

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Ein blog über das Schlachten unserer Wollschweine vor zwei Jahren hat eine sich über Monate hinziehende Ejakulation der Abscheu von Tierrechtlern über dieser Seite niedergehen lassen.
Jetzt zum Rind.

M. aus der Märkischen Schweiz hat eine kleine Highlander-Herde. Die zotteligen Tiere grasen zwischen den Streuobstwiesen und auf kleinen Auenstücken. Das reicht gerade für die acht Tieren. Aber es dürfen nicht mehr werden. Ein Jungbulle muss geschlachtet werden, bevor er weitere Highlander-Kälbchen produziert. M. fragt an, ob wir ein ganzes Tier nehmen würden. Seine Preisvorstellung ist hoch, aber angemessen. Rindfleisch von einem Tier, das ein glückliches Leben auf der Wiese verbracht hat, das auch dort sterben wird (”mit Heu im Maul”, wie M. sagt), das sollte auch anderen den Preis wert sein. Wir denken, das wird sich unter denen verteilen lassen, die gutes Fleisch bevorzugen.

Das Fleisch wird beim Schlachter “vom Haken” verkauft. D.h. es ist abgezogen und ausgenommen und eine Woche abgehangen. Der Schlachter viertelt es noch; der Rest ist unsere Sache. Aber wo ist was beim Rind? Bratenfleisch, Schmorfleisch, Kochfleisch?
Ich berate mit mit Frau L. Sie haben auch eine Highlander-Herde, schlachten ab und zu ein Tier und zerlegen es. Frau L. rät dringend ab, sich Viertel-Rinder in die Wohnung zu holen. Alleine die Knochen zu zerlegen, wäre eine unglaubliche Arbeit. Wie wollen wir die kleinkriegen? Man braucht dazu eine Bandkreissäge. Außerdem: Rouladen schneiden, die sehnigen und fettigen Teile zu Hackfleisch verarbeiten, alle Fleischroten richtig zuordnen. Sie würde uns ja ihre Geräte dazu leihen.
Wir fragen beim Schlachter nach: Er würde das Fleisch auch kleingemacht weitergeben, kostet natürlich extra. Vor allem: die Knochen zersägen.

Was tun mit dem Fell? Die Highlander haben ein wunderbares langes Fell, das im Wind weht wenn sie über die Weide traben. Sie haben auch wunderschöne lange Hörner, die ihnen - anders als bei den meisten Rindern hier - gelassen werden.
Die nur gesalzenen und getrockneten Felle werden hart wie Bretter. Das Zottelig-Weiche geht dabei verloren. M. macht aus den Häuten Wandteile für seine Tipis; er ist in einer seine vielen Identitäten Indianer. L.’s verwerten die Felle ihrer Tiere überhaupt nicht. Die bleiben beim Schlachter, der sie wegwirft oder auch irgendwohin weitergibt. Könnte man die nicht gerben? Gerben ist teuer. Frau L. winkt ab. Sie hat eine persönliche Beziehung zu ihren Tieren. Essen geht, aber das Fell unter den Füßen ist ein bißchen viel: “Ich will Cora eigentlich nicht vorm Kamin liegen haben”.
Wir kennen den Jungbullen von M. ja nicht persönlich und ziehen Erkundigungen über die Gerber-Preise in Polen ein. Tatsächlich sind sie etwa ein Drittel so hoch wie hier. Man könnte den Versuch wagen.

Alle mit der Highlander-Verwertung zusammenhängenden Fragen werden in verschiedenen Freundes- und möglicherweise Abnehmer-Kreisen ausgiebig besprochen. S., ein kluger Junge aus der Nachbarschaft, gibt zu bedenken, dass das Gerben in Polen vielleicht deswegen billig ist, weil die es mit dem Umweltschutz nicht so genau nehmen. Er kennt einen Tierpräparator, der nebenbei auch Felle gerbt. Den könnte man auch fragen. Wir müssen also weitere Informationen einholen, um in der Verwertung alles zu bedenken. Mal wieder steht Gebrauchswert gegen Tauschwert. Das schöne Fell der Highlander kann man doch nicht wegwerfen. Aber polnische Bäche damit verschmutzen oder viel Euros auf deutsche, artgerechte Gerbertische legen, das ist es auch wieder nicht wert.
Die Fellfrage bleibt unentschieden. Der Termin für die Fleischvergabe steht. Hoffentlich gibt es genug Interessenten. Oder genug Platz in der Truhe.

07.10.2009

Verwerten und Bevorraten (1) Der Milchberg

von Imma Harms


S. und J., ein mir bekanntes Paar, hat im Sommer auf einem großen Festival einen Waffelstand gemacht. Das Geschäft lief gut, blieb aber doch hinter den kühnen Erwartungen zurück. Weil ich für meine Letztverwertungs-Anstrengungen bekannt bin, fragte S. mich, ob ich Verwendung für eine größere Menge von H-Milch kurz vor dem Verfallsdatum habe.

Mein Nachkriegstrauma, dass man nichts umkommen lassen darf, setzte sofort ein. Meine Tante Else, die in einer westdeutschen Kleinstadt Gemeindeschwester war, hatte mich als Sechsjährige mitgenommen, wenn sie Milchpulver zu armen Flüchtlingsfamilien brachte. Ich schickte Rundfragen an Email-Verteiler der solidarischen Ökonomie, wer die Milch brauchen kann. Thomas riet, sie den Bauernverbänden für ihre nächste Protestaktion zur Verfügung zu stellen.

S. hat die Milchreste mittlerweile für mich griffbereit in einen Schuppen gestellt. Es ist wirklich eine Palette mit 50 5-Liter-Kanistern H-Milch, also ¼ Tonne. Zusätzlich ein halber Karton Pflanzenmargarine, 15 Liter Sahne in Kanistern und eine Stiege Vanillesoße.
Die Email-Rundfrage ergab nur hilfsbereite Weiterleitungen. Billig-H-Milch kurz vor dem Verfallsdatum, das klingt auch nicht besonders verlockend. Aber Milch ist Milch. Ich tu sie jeden Morgen in meinen Kaffee, oder vielmehr den Kaffee in die Milch. Ich verbrauche bestimmt einen bis anderthalb Liter pro Woche. Normalerweise Biomilch, aber ich würde auch andere nehmen, wenn sie nun mal da ist. Sie ist da, aber gegen das Verfallsdatum kann ich nicht antrinken.

Wie kann man den Milchberg erhalten?
1. das Verfallsdatum anzweifeln. Das kennt man ja: Die Datierung ist doch immer viel zu kurz berechnet, um die Leute zum Wegwerfen zu animieren. Einmal sterilisiert, was soll denn daran schlecht werden? Eingemachtes kann man ja nach 10 Jahren auch noch essen!
2. Verjüngungskur. Ich könnte die 5-Liter-Container nach und nach aufmachen, die Milch noch mal erhitzen, wieder einfüllen und dann im Laufe eines Monats verbrauchen, vielleicht auch öfter Pfannkuchen oder andere Milch-intensive Gerichte machen, dann schaffe ich den Karton vielleicht in einem halben Monat.
3. Den Aggregatzustand verändern. Wenn man selber Joghurt macht, nimmt man dazu H-Milch, das weiß ich. Aber wer braucht soviel Joghurt? Anders ist es mit Quark. Den kann man sich aufs Brot tun, mit Marmelade drauf. Mit Quark kann man auch backen. Es soll ja sogar Anstrichfarbe auf Quarkbasis geben. Also Milch in Quark verwandeln.

Im Internet finde ich Rezepte: ein Gläschen Buttermilch in die Milch einrühren, das ganze zwei Tage warm stehen lassen; 22 Grad wird empfohlen. Dann durch ein Tuch fließen lassen und ausdrücken. Ich erinnere mich, dass ich das bei meiner Tante Else gesehen habe.
Die Buttermilch muss lebendige Kulturen enthalten. Woher weiß ich, dass sie lebendig sind? Thomas bringt mir Buttermilch aus dem Bioladen mit. Die wird wohl lebendig genug sein. 5 Liter Milch kommen in einen großen Eimer, ein Glas Buttermilch dazu. 22 Grad ist es aber in meiner Wohnung nicht. Ich kann ja wohl schlecht wegen dem Quark heizen. Es muss also bei den bescheidenen 19 Grad bleiben. Nach drei Tagen ist die weiße Flüssigkeit soßig. Ob ich schon durchseihen kann? Ich suche ein Stück Stoff, gieße den Inhalt darauf, beutele ihn ein und fange an zu pressen. Der Stoff ist ziemlich dicht, es tropft müde unten raus. Ich presse stärker. Die weißliche Masse, die eigentlich zu Quark werden soll, tritt wie Schweißperlen aus den Stoffporen. Das ist auch keine Lösung. Ich muss Geduld haben.
Ich fülle die – nun etwas reduzierte - Masse zurück in den Behälter und stelle ihn für weitere zwei Tage auf den Schrank. Bei der nächsten Kontrolle bilde ich mir ein, dass der Werkstoff eingedickt ist. Ich mache einen weiteren Pressversuch. Im Beutel schwappt es. Das ist nichts, was sich auf einem Frühstücksbrot halten würde. Weitere zwei Tage Wartezeit. Vielleicht nicht Stoff nehmen, sondern ein feinmaschiges Sieb. Damit wirklich nur das Dicke hängen bleibt. Ich gieße das sämig-weiße Molkereierzeugnis vorsichtig in mein feinstes Sieb. Es läuft, von dem Drahtgeflecht unbehelligt, direkt in den Ausguss. Meine Stimmung schwenkt um. Na schön, dann eben nicht. Hau weg den Scheiß! Ich fühle mich befreit, und der Ausguss riecht nach Buttermilch. Waren wohl doch keine lebenden Kulturen drin.

Planungen, wenigstens aus der Sahne noch Butter zu gewinnen (die kann man einfrieren und Stück für Stück zu Mürbeteig verarbeiten) werden nach dem Buttermilchdebakel im Kein erstickt.
Die Überlegungen gehen jetzt in anderen Richtungen. Kann man mit Milch düngen? Das sind ja Proteine. Die müssen doch zu was gut sein. Vielleicht für Tiere, die nehmen es mit dem Verfallsdatum nicht so genau.
P. aus dem Oderbruch ist interessiert. Er hat Schweine, die nicht als Bioschweine deklariert sind, aber draußen rumlaufen und es auch sonst ganz schön haben. P würde die ganze Charge nehmen. Da werde ich plötzlich engherzig. Könnte ich nicht auf eine kleine Gegenleistung hinwirken? Ich meinerseits brauche Stroh, um meine ausgeschachtete Kellerwand den Winter über gegen Frost zu schützen. P. hat Stroh.
Aber das ist ja gar nicht meine Milch! ich habe sie nicht bezahlt. Ich bin nur die Vermarkterin, und auch das nur aus freien Stücken. Ich habe nichts zu erwarten, erst recht nichts zu fordern, wenn jemand sich der Milch annimmt. Na gut, dann vielleicht für S. – eine kleine Gegengabe, ein Stück Fleisch vielleicht. Auch das geht mich nichts an. S. hätte die Milch mir überlassen, ich kann sie nicht verwerten, jetzt geht sie an P. Gut so. Basta.

26.09.2009

Reh kaputt

von Imma Harms


Eigentlich wollte ich grad heute was schreiben. Goldene Zeit, Ernte eingebracht. Aber da ist mir gestern abend der Rehbraten vermatscht. Unter der Kruste zu Mus zerbraten. Scheiß-Niedrigtemperaturbraterei! Nun habe ich keine Worte für meine Trauer. Aber bald gibt es hier DSL, dann kann ich meine Klagelaute direkt ins Netz schicken.

10.09.2009

Guten Morgen, blöde Fahne!

von Imma Harms

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Zwischen mir und der Fahne auf dem Schlossturm vor meinem Fenster besteht eine persönliche Feindschaft. Ich knurre sie an, wenn ich sie sehe, und sie winkt hämisch zu mir herüber, weil sie weiß, dass ich doch immer wieder gucken muss.
Blöde Herzchenfahne. Was heißt “-chen”? Ein riesiger weißer Lappen mit einem Ampelsignal-roten Industrieherz drauf, so eins wie auf Spielkarten, wie gestempelt, klappsymmetrisch, ohne jede Unregelmäßigkeit. Wie kann man sich sowas nur auf seinen Schlossturm hängen?

“Was hast du bloß gegen ein Symbol, das für zwei Menschen steht, die sich lieben?” wurde ich gefragt? Hah. Ein Herz und eine Seele, was? Das ist kein Symbol, das ist eine Anordnung zur symbiotischen Vereinigung!

Das Schloss ist - ich sagte es an anderer Stelle - ein Hochzeitshotel. Die Paare lassen sich hier trauen; es gibt extra eine Niederlassung des Standesamtes darin. Dann werden Reiskörner gestreut, Baumstämme zersägt, Tauben oder Ballons steigen auf, auch oft in Herzform (die Ballons). Alles wird fotografiert, denn das teure Schloss soll ja im Bild sein, dafür ist ja man extra hergekommen. Und mit drauf ist dann die Ein-Herz-Fahne - wie eine Drohung: vergesst, dass ihr Einzelmenschen seid, die sich selbst gehören; ihr seid jetzt ein “wir”! Und das sieht dann bald so aus: nach außen hermetisch, nach innen in rasende, vor den Kindern und den Nachbarn sorgsam verborgene Kämpfe verbissen, oder im Wir-Krampf immer weiter retardierend, bis alles abstirbt und das rote Herz langsam von innen ganz hohl wird.
Nein, ich habe nichts gegen Familien und Paare, ich bin ja selber Teil von sowas. Aber ich habe was gegen das Diktat der nach außen geglätteten Zweierformation. Bist du schon mal auf einer Hochzeit eigeladen gewesen? Du wirst automatisch im Zweierpack hergebeten (”mit Partner/in”), und da ist weder der Geschäftspartner noch die Doppelkopf-Partnerin gemeint. Die Botschaft ist: Wenn du nicht zu zweit bist, bist du nicht vollständig. Das wiederum ist Psychoterror gegen den Versuch, dem Leben auch allein schöne Seiten abzugewinnen.

Früher hatte das Schloss eine orange Fahne mit Krönchen drauf. Das war auch ein bißchen geschmacklos, aber ging mich nichts an. Sollen sie sich doch selbst blamieren! Für Hochzeiten wurde eine weiße Fahne mit zwei überlagerten, unterschiedlich farbenen Herzen aufgezogen. Das fand ich noch irgendwie stilvoll und angemessen: ein Symbol für den Versuch, sich in Deckung zu bringen!
Der Wind zerschliss erst die Krönchenfahne. Als Ersatz kam eine einfarbige Fahne, ganz dunkel-orange, im Morgen- und Abendlicht könnte man sie für rot halten. Mit der konnte ich mich gut anfreunden. Die Doppelherzfahne was dann aber auch bald hin, an ihrer Stelle wurde dieses schreckliche Herz-Ass aufgehängt. Und weil so viele Hochzeiten da sind, wird sie jetzt gar nicht mehr abgenommen. (Wahrscheinlich gibt es immer mehr Hochzeiten, weil die Leute sich immer öfter scheiden lassen. Und wahrscheinlich lassen sie sich so oft scheiden, weil es so schön ist zu heiraten. Immer romantischer, immer pompöser. Davon lebt das Schloss!)

Einmal hatten sie eine Manager-Tagung drin, die hatten sich ihre eigenen Fahne mitgebracht, da wehte dann das Audi-Symbol überm Turm. Und vor drei Wochen war ne Schwulen-Hochzeit, die hatten eine Regenbogen-Fahne mitgebracht, das war auch schön. Aber am Montag war das Herz-Ass wieder draußen. Da konnte ich aus meinem Schlafzimmer so viel knurren, wie ich wollte, Säure- oder Farbei-Anschläge planen. Die Fahne ist am längeren Hebel.

Letzte Woche habe ich beobachtet, dass die Herz-Ass-Fahne am mittleren Rand auszufransen beginnt. Das Weiße ist schon ganz weggerissen; das rote Herz steht auf einer Seite schon im Freien. Ein paar Tage später hängt die dunkel-orangene wieder draußen. Ich jubiliere, begrüße sie wie eine alte Bekannte, lade zum Bleiben ein. Aber heute morgen:ein weißer Zipfel am oberen Fensterrand! Das blutige Betttuch hängt wieder draußen!
Der Ausriss am rechten Rand ist deutlich zu erkennen. Wer will sich denn vor so einem Bild der durch äußere Kräfte zum Zerreißen bedrohten Einherzigkeit noch fotografieren lassen? Ich freu mich schon auf die Herbststürme!

09.07.2009

Sonntag, der 12. Juli 2009

von Imma Harms

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Liebe Imma,
stimmt überhaupt nicht, dass ich nichts von mir hören lasse. Ich habe so oft versucht, dich zu erreichen. Hör doch selbst.

hallo-imma

Melde dich doch mal.
liebe Grüße.

25.06.2009

Donnerstag, 25. Juni

von Imma Harms

ich bin noch nicht ganz verstummt, nur erstummt, weil Gelderwerb und Selbstverpflichtungen keinen Raum für wabernde Sprachschwaden lassen.
morgens im Reichenower Bett erwacht. Bereit, Kontakt mit der Welt aufzunehmen. Aber wie?
die Zeitung? Bäh. Radio? Schmoinz schmoinz. Fernsehen? Soweitkommtsnoch, morgens um 9! Thomas auflauern, wenn er die Zeitung aus dem Postfach holt? Zu spät.
Gestern hab ich das erste mal gechattet, also in einem space, irgendwo in magnetwolken: diese mischung aus Reden und Schreiben, das machen schon Millionen und Abermillionen Menschen. Diversifizierung der Kommunikation, Hybrid-Kommunikation: irgendwas zwischen Sprechen, Schreiben und Zeigen; was ja noch viel weiter gehen wird: Wir schicken uns Bildchen und Filmchen und Geräusche. Also wir telefonieren nicht, sondern montieren Gesprächsfetzen. Oder Handyfilmchen mit vorgefertigten eingeblendeten Sprechblasen, wie das smilie-Gedöne. In dem Chat, in dem ich nun also Mitglied bin, gibt es eine Smilie-Taste (das ist wahrscheinlich auch ganz normal, bloß ich kenns nicht) Da kann man so was auswählen:
Ist das nicht eigenartig?
Also ich schick jetzt mal in einen chat-Raum, in dem kyrillische Buchstaben stehen, so einen Affenkopf.
Keine Reaktion.
Ich schick noch ein “Hallo” hinterher. Angeblich ist da schon jemand, der/die Zheka heißt. Aber der/die rührt sich nicht.
ich probiers mal woanders.
CSmania, die reagieren auch nicht auf meinen Affenkopf. Ob ich gar nicht ankomme? Ich schreibe: “hallo, ist da jemand?” Frage mich, ob das in kyrillische Buchstaben übersetzt wird.
Ich krieg keinen Kontakt. Da ist die Welt jedenfalls nicht.
Aber es pingt auch gar nicht. Vielleicht, weil ich so ein plugin geladen haben, dass meine Diskurse otr sind, das heißt “off the record”, vertraulich also. Vertraulich will nur sprechen, wer einen Überfluss an Angeboten hat. Hab ich nicht.
Ich rufe also der Welt jetzt noch einmal zu: IST DA JEMAND?
Na gut, dann mach ich mir jetzt ein Frühstücksbrot.

10.06.2009

Mittwoch, 10. Juni

von Imma Harms

Ich bin im Fürsorgerausch. Ch.’s Wohnung habe ich im Griff. Er wollts ja so. ODER NICHT? Mit den Ämtern und anderen Stellen, die von ihren Kunden und Klienten Beachtung und Zahlung fordern, ist es schwierig. Ch.’s Vollmacht taugt nicht so richtig dafür. Hoffentlich kommen keine dickeren Rechnungen, dann weiß ich nicht weiter. Dann muss ich zum Gericht, alles offiziell einspuren lassen. Dann kann ich die Fürsorge nicht mehr lustvoll verströmen, sondern dann wird sie mir in streng eingeteilten Portionen abgemolken.
Weiter die Hoffnung, dass Ch.’s Umnachtung sich lichtet. Er mag nicht essen, wird schwächer, atmet noch schlechter, kriegt noch weniger Luft, lebensbedrohlich. Gestern hab ich ihm mit Macht eine Suppe und einen Kakao eingetrichtert, mit der Drohung, dass er stirbt, wenn er sich nicht anstrengt, und das will er doch nicht. ODER? Nein, das will er nicht. Damit kann ich aber auch nicht dauernd kommen.
heute:
tauche ich zurück in das Land, wo die Katze wohnt, wo die Kirschen reifen und die Erdbeeren. Wo meine Tomatenpflänzchen wachsen und vor dem Maulwurf geschützt werden müssen, wo MöHRe tagt und die Klosterdorfer uns treffen wollen, und Thomas bei P. und A. Heu machen geht, wo J. und S. und K. und P. uns nach Buckow zum Essen einladen, wo die W.’ in Biesenthal einen Verschenkemarkt machen.
Mit dem Roller fahr ich durch den Tunnel.