Drei Farben: Rot, Gelb, Blau

Farbstreifen 2

Die lange Straße, die vom Strausberger Zentrum zum Bahnhof führt, heißt erst August-Bebel-Straße, dann Berliner Straße, dann Ernst-Thälmann-Straße. Auf der linken Seite wird sie von langen Reihen zweigeschossiger bestuckter Häuser flankiert, die alle von der gleichen gutsituierten, aber verblichenen Kleinbürgerlichkeit zeugen. Viele Häuser stehen leer; in den Läden sind die alten Holzjalousien seit Jahrzehnten geschlossen. Manche sind inzwischen zu Ruinen zerfallen. Andere haben einen kräftigen neuen Anstrich bekommen, und in einigen werden mutig neue Geschäftsideen verwirklicht. Auf der rechten Seite der Straße hat sich das Leben dagegen erneuert, Wohneinheiten in verschiedener Modernität, Praxen, Supermärkte. Dazwischen, parallel zum Fahrdamm, verlaufen die Gleise der Straßenbahn, auf der ein einzelner Wagen seinen Zubringerdienst zwischen Strausberg Vorort und Strausberg Stadt mit dem Charme einer Inselbahn versieht.

Gegenüber von Plus muss man die Schienen nach links überqueren und hält dann nach einigen Metern über holprig festgefahrener Erde vor dem kleinen Schaufenster der „Tinten-Toner-Tankstation“. Im Laden nebenan ist ein „Tattoo-Studio“. Das gehäufte Auftreten von T’s an diesem Haus bildet eine optische Schwerkraft, die hilft, den unscheinbaren Laden nicht zu übersehen. Was heißt unscheinbar – ein Fachgeschäft, das im Verborgenen blüht.

1.

Eigentlich hat alles, was ich unternehme, um sinnvoll und produktiv im Leben mitzumischen, früher oder später mit der Herstellung von Druckerzeugnissen zu tun. Es ist nun einmal so, dass Worte die Vorstellung ergreifen, modellieren und transportieren und dass Bilder sie beflügeln und erleuchten. Also schreibt man auf, was man mitteilen möchte, illustriert es, druckt es aus und macht es öffentlich.

Für große Auflagen habe ich meinen Freund A., der in Berlin eine Druckerei besitzt. Wir haben schon verschiedene Bücher und jede Menge Zeitschriften und Traktate zusammen gedruckt. Die Restbestände liegen noch irgendwo. Für kleinere Auflagen habe ich einen Drucker an meinem Rechner. Er heißt HP 930C und ist ein Farb-Tintenstrahldrucker, den ich vor sechs Jahren aus der Konkursmasse von Stattauto billig erwerben konnte.

Die Drucker selbst kosten inzwischen nicht mehr viel. Das Geld wird über die Druckerpatronen gemacht. Das sind kleine Maschinen in der Maschine, mit Düsen, Datenanschlüssen und eigenen Schaltkreisen. Irgendwo da drin enthalten sie auch die Tinte. Wenn die alle ist, muss die Patrone komplett erneuert werden. Das ist ungefähr so, als wenn man bei einem Auto den Motor ausbauen muss, wenn der Sprit alle ist. Die Farbpatrone für den HP 930C kostet 59 Euro. Natürlich ärgert einen das. Warum kann man nicht einfach die Tinte neu einfüllen? Kann man, dafür gibt es Tricks und Tipps im Internet und Tinte zum Bestellen.

Rot, gelb und blau sind die Komplementärfarben, aus denen alle anderen Farben hervorgehen. Rot, gelb und blau ist der Inhalt der Plastiktöpfe, in die ich große Kanülen eintauche, sie tief inhalieren lasse und dann die Spitze in das Innere der Farbkammern versenke. Die Farbe entlädt sich im Verborgenen. Ist das richtig? Ist das genug?

Es gibt einen beharrlichen Stellungskrieg zwischen Druckerherstellern, die ihre Originalpatronen verkaufen wollen, und den Kunden, die versuchen, sich vor dem Kauf der teuren Patronen zu drücken. Immer wieder wird am Bau der Farbeinheiten etwas verändert, damit man nicht allein zurechtkommt. Dazu gehört, dass die Farbkammern bewusst falsch gekennzeichnet werden. Wenn man sich also auf die Angaben auf der Originalkartusche verlässt, spritzt man das Blau in die Kammer für das Gelb und überschwemmt es so mit einem satten Grün. Die Lieferanten von Nachfüllfarbe sind da schon aus Eigeninteresse bei der Subversion behilflich und schicken einen Spickzettel mit, wie man entgegen den Herstellerangaben die Farbkammern richtig füllt.

Mein Schreibtisch sieht aus wie nach einem Rohrschachtest, meine Hände, als hätte ich Ostereier gefärbt. Die Patrone sondert immer noch nicht ordentlich ihre drei Farben ab. Das Testbild auf dem Probedruck zeigt farblich uneindeutige Bremsspuren. Als ich mit der Spritze weiter einfülle, schwappt das Rot über; ich renne zum Spülbecken, lasse die Patrone ausbluten, stelle dann fest, dass kein Blau mehr kommt, dafür aber das Gelb sich in ein dunkles Orange verwandelt hat. Da erinnere ich mich an die Tinten-Toner-Tankstation.

2.

Auf der Schaufensterscheibe steht flächenfüllend „Wollen Sie auch kein Geld verschwenden? Wir füllen Ihre Druckerpatrone“. Hinter der Tür öffnet sich ein kleiner Verkaufsraum. Ein Besuchertischchen bedeckt mit Prospekten, an der Wand ein Regal mit Tintenpatronen für verschiedene Druckermodelle. Auf der anderen Seite aufgeschnittene Druckerpatronen, deren geheime Organe bloßgelegt sind wie die Knochenmodelle oder Gelenkreliefs in den Wartezimmern von Arztpraxen.

Der Laden ist deutlich zweigeteilt. Ein schmaler Verkaufs- und Beratungsstand mit Kasse, Geldschale, Schreibwerkzeug und Telefon hat sich auf der rechten Seite in den Kundenbereich vorgeschoben. Auf der linken Seite bildet eine zweite Theke den Abschluss einer kleinen Werkstatt. Staffeln von Plastikbehältern, aus denen Spritzbestecke hervorragen, Kanister mit Farbe, verpackte und unverpackte Tintenpatronen und dicke Lagen von saugfähigem Papier. Der Patronenfachmann, der eben noch über seinen Tisch gebeugt war, schaut mir aufmerksam und erwartungsvoll entgegen. Er hat das energische, fleischig-gefurchte Gesicht eines etwa Sechzigjährigen, der in der Mitte seiner Schaffenskraft aus dem Arbeitsleben entlassen wurde. Vielleicht war er Entwicklungsingenieur in der Halbleiterfabrikation oder Betriebsleiter im Landmaschinenkombinat. Er hat schon immer lösungsorientiert gearbeitet und operativ entschieden. Jetzt widmet er sich meiner verschmierten Patrone mit der gleichen zupackenden Fachkenntnis.

Sie sieht aus wie ein schwarz eingepacktes hochkant gestelltes Schulbrot. Auf der Oberseite waren die drei kleinen runden Schwachstellen im Plastik, die ich schon durchbrochen habe, um anweisungsgemäß die Tinte einzubringen. Auf der Unterseite sind drei feine Streifen, die die Tinten in den drei Grundfarben absondern sollen. Vorne befindet sich ein Feld von Kontaktstellen, an denen die Druckersteuerung einrastet und das Kommando über die Patrone übernimmt.

Der Patronenfachmann dreht den kleinen Apparat hin und her, drückt ihn auf seine Papierunterlage, wischt darauf hin und her, beguckt die Einfüllstellen mit den verräterischen Überlaufspuren. Ich bereite mich auf die Standpauke vor, die Fachleute häufig für Menschen bereit halten, die glauben, ohne sie auskommen zu können. Aber der Fachmann hat nicht vor, mit mir zu schimpfen; er kommt in einen Zustand freudiger Erregung, weil jetzt sein Wissen zum Einsatz kommen wird. „Folgendes“, sagt er, greift nach einem Bleistift, den er als Zeigestab benutzt. „Die Farbkammern sind anders angeordnet, als drauf seht“ „Ja, das weiß ich schon“, sage ich vorlaut, schweige aber sofort wieder, weil mir einfällt, dass es wahrscheinlich besser ist, mir die ganze Belehrung anzuhören. Der Fachmann führt mich zu der Wand mit den aufgeschnittenen Patronen. „Das hier ist Ihr Modell. Da, sehen Sie, die sind mit einem Spezialfilz ausgefüllt. Der Filz muss mit der Farbe gesättigt sein und gibt sie dann nach unten an die Düsen ab“. Ich nicke eifrig und schaue genau hin. „Und nun kommt’s“, sagt der Fachmann. „Die beiden seitlichen Farbkammern, die blaue und die gelbe, gehen weiter runter als die rote in der Mitte. Das hat zur Folge, dass Sie mit den kurzen Spritzen, die Sie mit der Farbe geschickt kriegen, gar nicht bis unten hin kommen. Dadurch bilden sich unter der Farbe Luftblasen im Filz. Sie füllen oben weiter ein, aber unten kommt nichts raus.“

Ich bin empört. Die Dienstleistungslandschaft ist voller Fallstricke und Gewährleistungs­lücken. Wem kann man sich überhaupt noch anvertrauen? Ich schaue den Fachmann hilfesuchend an. „Kann man da denn überhaupt noch was machen?“ Er steht wieder hinter seinem Arbeitsplatz und betrachtet meine Patrone. „Folgendes“, sagt er noch einmal. „Wir saugen von unten, hier an der Düse, die Farbe an“. Er setzt eine Kanüle mit einem Gummiaufsatz an die Düsenunterseite. Wie ein kleiner Blutegel saugt sie sich schmatzend fest und schlürft ein paar Tropfen schmutzig-grauer Blasen aus der Patrone. Aderlass für die Farbkammern. „Das machen wir so lange, bis die Farbe wieder klar herauskommt.“

Ich bin beeindruckt – der Fachmann verrät mir sein Betriebsgeheimnis. Hilfe zur Selbsthilfe untergräbt doch die Geschäftsgrundlage. Aber das ist eben der Unterschied zwischen einem Dienstleister und einem Fachmann. Der Fachmann hat Freude an der Lösung, wem auch immer sie dient. Vor meinen Augen legt er die blaue Farbkammer frei und wischt so lange über die gelbe, bis sich das Orange wieder aufhellt. Dann verkauft er mir ein Nachfüll-Set mit extra-langen Nadeln, die auch den Boden der äußeren Kammern erreichen, gibt mir noch ein paar Hinweise, was ich beim Nachfüllen der schwarzen Kartusche alles falsch machen kann, füllt mit akkurater Handschrift einen Quittungszettel aus und entlässt mich mit guten Wünschen.

3.

Das alles ist etwa zwei Jahre her. Vieles habe ich seitdem gedruckt. Viel Überflüssiges, das auf kein Interesse gestoßen ist, Tinte vergossen für fragwürdige Projekte. Aber ist ja kein Problem, Tinte hab ich, ich kann nachfüllen.

Manche Geschäftsidee ist auch nur dadurch zustande gekommen, dass ich mich in der sicheren Verfügbarkeit von nicht versiegender Druckerkapazität wiegte. So habe ich angefangen, Memories zu basteln, verschiedene Motive, für die ich mir eine spezielle, daran besonders interessierte Käuferschicht ausgedacht habe: Pilze zum Beispiel, Katzenbilder in der Kunstgeschichte, politische Plakate. Die ersten Testverkäufe machten mich leichtsinnig und ich bestellte 250 Holzkistchen bei einem Importeur aus Österreich. Der HP 930C war stundenlang beschäftigt, Bögen mit bunten Bildern zu bedrucken, selbstklebendes Papier, das ich von A. bezog und das ich mit einer Nudelrolle auf dünnen Filz aufwalzte und zu den kleinen Memory-Karten zerschnitt. Ich habe auch gleich Visitenkarten und Werbezettelchen mit gedruckt. Und wie gesagt, alles im großen Stil angebahnt, mir einen eigenen Produktnamen ausgedacht, wegen Copyright. Dann versiegte das zaghafte, auf einem Weihnachtsmarkt gezeigte Interesse. Memories waren plötzlich in Mode und woanders billiger zu kriegen. Ich war mal wieder, ohne es zu ahnen, mitten im Trend geschwommen.

Die nächste Unternehmung war der ambulante Druck von Visitenkarten. In der märkischen Schweiz gibt es regelmäßig Tauschmärkte, auf denen Nachbarn ihre Produkte tauschen, ohne dass Bargeld fließt. Die Verrechnungseinheit ist 1 Klostertaler. Die meisten Produkte stammen aus dem heimischen Garten oder der häuslichen Handarbeit. Es gibt Honig, Marmelade, Topflappen, Plätzchen, Tomatenpflanzen, Tonschälchen, Brot, eingemachte Leberwurst, Silberdraht-Schmuck, selbstgebundene Bücher, Salben und Tinkturen. Der Tauschmarkt ist nachfrageorientiert, er arbeitet mit dem Sog der Konsumwünsche und nicht mit dem Druck der Angebote: Die Tauschregeln begünstigen es, Minus auf dem Konto zu haben; ein Plus oberhalb einer gewissen Schwelle wird dagegen mit negativen Zinsen belegt. Trotzdem muss man irgendwas beitragen, damit das Konto in ein Gleichgewicht kommt.

Ich hatte also einen Stand mit Laptop, Drucker und Schneideunterlage und bot auf Anfrage den Entwurf und die Ausfertigung von Visitenkarten an. Wert: je nach Ausführung 15 bis 18 Klostertaler für 20 Visitenkarten. Auf dem ersten Tauschmarkt gab es gleich zwei Aufträge von Bekannten, die mein Geschäft unterstützten wollten und Klostertaler ausgeben mussten, um nicht über das Zins-relevante Limit zu kommen. Für den Markttest von Geschäftsideen ist es eine problematische Verzerrung, wenn Freunde eine unrepräsentative Kauf- und Bestellfreude an den Tag legen, auch wenn’s gut gemeint ist. Auf den folgenden Märkten hörte ich nur noch: „Gute Idee!“, und das war’s.

Das Geschäft wird aufgegeben, neue Ideen wachsen nach und drängen zur Umsetzung. Der Drucker wird wieder aktiv. Riesenbilder und vergrößerte Kartenausschnitte für Stellwände entstehen, Werbe- und Programmzettel, Aufkleber aller Art. Gutshof-Festival, Sommerkino, Anti-Gentechnik-Veranstaltung, Radeweg-Eröffnung, Kinder- und Erntefest – immer trage ich Gedrucktes bei. Seit der letzten Woche beschwert sich mein Drucker beim Rechner über einen zu niedrigen Tintenstand. Und das so beharrlich und drohend, dass ich, obwohl ich noch vor kurzen nachgefüllt habe, wieder zur Nadel greife und Blau, Rot und Gelb ins schwarze Gehäuse hineindrücke. Schon nach wenigen Millilitern tritt das Blau über den Rand und dringt zu den beiden anderen Einfüllstellen vor. „Scheiße! “ – aber zu spät. Ein Tintensee auf der Schreibtischunterlage. Das Gelb ist grün geworden, und das Rot violett. Ein Fall für die Tinten-Toner-Tankstation.

4.

Es fällt mir schwer, den Laden wiederzufinden. Mehrmals fahren Thomas und ich an der Häuserreihe entlang, bis wir die Aufschrift über dem Laden entdecken. Das Tattoo-Studio nebenan ist inzwischen geschlossen, im Schaufenster hängt ein kleines rotes Schild „zu vermieten“. Aber mein Lieblings-Fachgeschäft ist noch da. Während wir über die Gleise und die festgefahrenen Pflasterreste vor der Häuserreihe rumpeln, bereite ich meinen Problembericht für den Fachmann vor, damit ich seine „Folgendes!“-Erklärungen abkürzen kann. Thomas will im Auto warten.

Aus dem Laden kommt mir ein Mann in ausgebeulter dunkelblauer Jogginghose mit weißem Seitenstreifen entgegen. Sein Gesicht ist so grau wie sein Stoppelbart. Ja sicher, einen Drucker hat heute eigentlich jeder, und sparen muss auch jeder. Im Verkaufsraum sitzt ein Kunde am Besuchertischchen. Hinter dem Arbeitstisch kommt eine Frau mit asiatischen Gesichtszügen zum Vorschein. Vietnamesin, denke ich. Wo ist mein Fachmann ?! Es ist schön, wenn die Immigranten und vor allem Immigrantinnen überall harmonisch in’s Arbeitsleben eingeflochten sind, aber ausgerechnet hier? Ich will beraten werden. Ich brauche Kompetenz. „Wollen Ssie ssu mir?“ fragt sie mit einer zwitschernden, aber sehr entschiedenen Stimme. Ich fühle mich ertappt, sage schnell: „Natürlich!“ und schaue mich erstaunt im Raum um, zu wem ich denn sonst wollen könnte.

Der Mann am Besuchertisch hatte mich genau so erwartungsvoll angesehen. Er ist etwas fünfzig Jahre, trägt eine dunkel umrandete Brille in seinem runden, konturlosen Gesicht. Sein dunkelgrauer Anzug springt über dem hervorgewölbten Bauch auseinander. Seine Aktentasche lehnt am Tischbein. Die Prospekte auf dem Tisch bilden einen Halbkreis um eine kleine Waage. Nachdem klar ist, dass ich ihn nicht suche, wendet sich der Mann einem Formular zu, das er aus der Tasche gezogen hat; sein aufgeschraubter Füllfederhalter überfliegt die gedruckten Zeilen.

Er ist kein Besucher sondern ein Goldaufkäufer, erklärt mir die Frau hinterm Tresen. Die Tinten-Toner-Tankstation hat ihren Besuchertisch an einen fliegenden Goldaufkäufer untervermietet! Kleine Filme, die von Zahngold und Erbschmuck handeln, laufen durch meinen Kopf; ich höre gemurmelte Worte wie „… schönes Stück, leider nur vergoldet“- „… schlechte Legierung“ – „… Goldpreise dafür im Moment ganz unten“.

Der Goldaufkäufer ist wie der Pfandleiher eine literarische Figur – eine verdächtige Figur, die sich an den Rändern der Armutsgebiete niederlässt und sie markiert. Goldpreise fallen und steigen und auch die Armut hat Konjunkturen. Man kann nicht darauf bauen. Geschäftsideen ohne Kreditwürdigkeit führen zu Geschäften ohne festen Wohnsitz. In prekären Ökonomien ähnelt das Geflecht von Dienstleistungen und Gewerbe der Dschungel-Vegetation: Nur ein paar haben ihre Wurzeln im Boden und die anderen saugen sich in langen Verwertungskaskaden gegenseitig den Nährstoff weg.

Die Vietnamesin schaut mich an und wartet. Meine Aufmerksamkeit kehrt zu ihr zurück; ich muss sie als Gesprächspartnerin akzeptieren. „Gold habe ich nicht mit“, versuche ich zu scherzen und packe meine Patrone aus. Eine andere, über das Internet bezogene, schon vor längerem eingetrocknete No-Name-Kartusche habe ich auch mitgebracht. Wenn man so viel druckt wie ich, ist es immer gut, eine Ersatzpatrone griffbereit zu haben. Besser, ich lasse sie gleich mitreparieren. Sie nimmt sie entgegen. Ihre Finger sind in den drei Grundfarben Rot, Gelb und Blau gefärbt. Sei dreht und prüft die Patrone, wischt sie über das Papier. „Ssehen Ssie mal“, sagt die vietnamesische Fachfrau, „Ssie haben die Kammer ssu voll gemacht“. Ich lasse kein ressentiment-geleitetes Desinteresse mehr aufkommen und höre ihr aufmerksam zu, obwohl ich weiß, was sie mir erklären wird. Meine einzige Frage ist: Kann die Patrone repariert werden oder nicht? Und kann sie das? „Warum brauchen Ssie sswei Patronen?“ will sie von mir wissen. „Ich habe viel zu drucken“, sage ich kurz angebunden. Wie lange die Patronen schon im Drucker waren, ist ihre nächste Frage. Ich werde unwillig. Was geht sie das an? Ich sehe mich um und suche Blickkontakt mit Thomas, der im Auto wartet. Er ist über eine Zeitung gebeugt.

Die Frau bittet mich aus dem Werkstattbereich heraus an den Verkaufstresen. Es ist, als hätte sie hier mehr Platz für ihre ausladenden Gesten, mit denen sie ihre komplexen Erklärungen begleitet. Die deutsche Sprache fällt ihr schwer; sie liegt hart und kantig in ihrem Mund. Die unförmigen Wörter müssen mit Hilfslauten geschmeidig gemacht und hervorgebracht werden. Aber die Fachfrau nimmt es genau und spart nicht mit Zeit und Begriffen. Der stumme Goldaufkäufer irritiert mich. Er hat seine Hände über dem Formular gefaltet und betrachtet die an der Wand aufgereihten Nachfüllpackungen. Ich zwinge mich zur Geduld.

Folgendes habe ich verstanden: Wenn man eine neue Patrone in den Drucker einsetzt, setzt der ein internes Zählwerk auf Null und zählt von da an die gedruckten Seiten mit. Wenn eine bestimmte Seitenzahl überschritten ist, ist der Drucker der Meinung, dass die Patrone jetzt leer sein müsste, und macht Meldung. Auch wenn man sie herausnimmt und neu füllt, erkennt der schlaue Drucker sie wieder, nachdem sie an ihren Platz zurückgekehrt ist, lässt sich nicht beirren und besteht weiter auf Patronenwechsel. Die Meldung, die auf dem Rechner-Bildschirm erscheint, lautet aber nicht: „Patrone wechseln“, sondern „Tintenfüllstand zu niedrig!“. Das verleitet dazu, bis zum Überfluss weiter einzufüllen.

Man kann die Druckerlogik aber überlisten, erfahre ich. Dazu überklebt man einzelne der Elektronik-Anschlüsse auf der Vorderseite mit einem Klebestreifen, setzt die Patrone ein, lässt den Drucker kurz Kontakt aufnehmen, nimmt die Patrone wieder heraus, entfernt den Klebestreifen und wiederholt das Ganze mit einer weiteren Reihe von Kontakten. Auf diese Weise ist der Drucker zum Schluss so verwirrt, dass er die gebrauchte Patrone nicht mehr erkennt und bereit ist, wieder von Null zu zählen.

Dies erklärt mir die vietnamesische Fachfrau. Damit ich alles verstehe und es zuhause richtig mache, hat sie für Kunden wie mich auf der Innenseite des Verkaufstresens einen Stapel mit Merkblättern bereitliegen. Darauf sind die zu überklebenden Kontaktstellen genau gekennzeichnet und der ganze Vorgang noch einmal erläutert. Ich falte das Blatt ordentlich wie ein Dokument, wobei ich darauf achte, dass Ecke auf Ecke liegt, und stecke es in meine Handtasche. Wieder sehe ich mich um; die Zeit drückt. Thomas hat eine Karte auf dem Lenkrad ausgebreitet und dreht sie mit schräg gelegtem Kopf hin und her. Der Goldaufkäufer schaut Prospekte an, die auf dem Tisch herumliegen, faltet sie wieder zusammen und legt sie auf ihren Stapel zurück.

Die Fachfrau geht zurück zu meinen Patronen, die auf dem Tisch im Werkstattbereich liegen. Können sie, so trocken und farblich durcheinander, wie sie jetzt sind, noch einmal repariert werden? Man wird es versuchen. Die Patronen werden mit einer Zentrifuge ausgeschleudert, mit Reinigungsflüssigkeit gefüllt, noch einmal ausgeschleudert und dann neu befüllt. Man wird sein Möglichstes tun. Und man wird mich anrufen, ob es geklappt hat. Ich verlasse den Laden; der Goldaufkäufer nickt mir stumm zu.

5.

Ein paar Tage später kommt eine mit S-Lauten gefüllte, zwitschernde Stimme aus dem Telefon. Ich erfahre, dass die eine Patrone nicht zu retten war, die andere aber wieder in Ordnung ist. Ich kann sie abholen.

Im Laden tut diesmal der Fachmann wieder seinen Dienst. Er wirkt heute noch dynamischer. Er trägt ein T-Shirt mit einer aufgedruckten Zapfsäule und dem Slogan „das Volk macht Druck“. Der Stuhl am Besuchertischchen ist leer. Auf der Tischfläche steht ein neuer Prospekthalter mit Einladungen für eine Dampferfahrt auf dem Straussee.

Der Fachmann führt mir die reparierte Patrone vor, legt sie in einen Apparat, der ihren inneren Zustand in einem langen Teststreifen dokumentiert – eine Art Patronen-EKG. „Schweizer Patent“, sagt der Fachmann, „gibt’s nur da.“ Er erläutert mir die Streifen und Pixel auf dem Papierausdruck. Ich lobe seine Arbeit. Oder war es ihre? Ich kaufe noch eine Flasche schwarze Tinte. Außerdem ist von meinen drei Farben eigentlich nur die gelbe fast aufgebraucht. Ob ich die auch einzeln nachhaben kann? „Keen Thema“, sagt der Fachmann, ich soll das nächste Mal ein Fläschchen zum Abfüllen mitbringen. Das nächste Mal? Ich hatte eigentlich nicht vor, so bald wieder hier zu sein.

Ich sehe zu, wie er die Patrone verpackt. Er schaut auf. „Das kennen wir. Die gelbe Farbe ist immer als erste alle.“ Er hält inne. „Ich weiß auch nicht, woran das liegt. Wenn die Leute was im Text unterstreichen oder was farbig drucken: immer gelb!“ Er schaut durch die großen Buchstaben auf der Schaufensterscheibe in die Nachmittagssonne, die auf dem Laub der Straßenbäume liegt. „Auch die Bilder: immer im Gelb-Ton.“ Er lächelt. „Vielleicht ist es, weil die Farbe so warm aussieht.“

Kommentare (3)

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  1. Bei uns tobt der reale Strassenwahn. Bad Freienwalde hat in einer Blitzaktion der Planung zugestimmt.
    wenn es nicht aufzuhalten ist, würden 100 Hektar Wald vom asphaltier gefressen.

    http://wassermuehle-hohenfinow.de/BI/

    ich druck mir dann nen Baum auf´s Blatt oder besser lass nach meinem Tode ausdrucken ihn (zitiert nach shake th´beere „summenichträume“)

  2. mit nix aufhören, bitte!
    verfehlte märkische Trendanalysen und der Liebreiz Deiner heimischen Produktionsweisen gewähren uns LeserInnen die Freude des Wiedererkennens kreativer Lebensweisen,wa? – und – deren häufige Untauglichkeit für den neoliberalen Turbokapitalismus ist doch ein Indiz der Subversivität von tausch- und substistenzorientierter menschlicher Arbeit, oder? das die nicht romantisch verklärt gehört, ham wa (damals) schon bei Maria Mies kritisiert, nüch wa?
    und Deine jottwehdes taugen -vielleicht unbeabsichtigt- ebendoch zur Anregung großstädtischer Erholungswünsche, — vielleicht überbaumäßig in den Tourismus eisteigen? an Projektionsflächen, dingliche wie ideelle habt Ihr, wie ich meine, keinen Mangel, nicht wahr? allerherbstliche morgendliche liebe Grüße Ingrid

  3. man nennt es fortschritt.
    hätten wir einen gutbezahlten vollzeit-job, würden wir gar nicht erst in die versuchung kommen uns den schreibtisch zu versauen.
    was sind 59 euro gegen 8 stunden patronen-engagement
    aber das wollen wir ja nicht.
    schon aus prinzip.
    aus eigener erfahrung: übung macht die meisterin.
    immer wieder schön zu lesen!